25.08.20 Energieeffizienz ohne Leckerlis Thomas Schmidt • 7 min.

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Zusammenfassung

Fördergelder bringen die Energiewende nicht so schnell voran wie nötig. Wer Unternehmen überzeugen will, ernsthaft in Energieeffizienz zu investieren, muss ihnen die Angst vor dem Risiko nehmen. Ein Vorschlag. 

Leckerlis bringen Hunde dazu, das Gewünschte zu tun. Bei Unternehmen versagt die Methode, wie das Beispiel Energieeffizienz zeigt. Obwohl staatliche Stellen unverdrossen mit Leckerlis – in diesem Fall: Fördergeldern – locken, zeigen Unternehmen eher bescheidenes Interesse, die Energieeffizienz ihrer Maschinen, Anlagen und Werke zu steigern. Dafür gibt es einen Grund.

Investitionen in anspruchsvolle Energieeffizienz sind zu riskant, jedenfalls nach Logik der Unternehmen. Sie wollen, dass sich Investitionen nach zwei bis drei Jahren amortisieren. Doch bei Investitionen in Energieeffizienz sind vier bis sieben Jahre ein realistischerer Zeitrahmen. Manchmal geht es auch schneller, doch genau die Optionen haben viele Unternehmen bereits gezogen – mitsamt der Leckerli-Fördergelder.

Wie wir das Risiko minimieren

Die Fördergelder sind eines der Mittel, mit denen die Bundesregierung den Verbrauch an Primärenergie von 2008 bis 2050 halbieren will. Um das zu erreichen, stehen jetzt die anspruchsvolleren und kostenintensiveren Investitionen an. Die rentieren sich ebenfalls – allerdings selten innerhalb von drei Jahren. „Die Renditen von Investitionen in Energieeffizienz sind meist höher als bei Anlagen auf dem Kapitalmarkt“, wirbt das Bundeswirtschaftsministerium. Experten wie Eberhard Jochem vom Fraunhofer-Institut ISI weisen darauf hin, dass die interne Verzinsung regelmäßig im zweistelligen Bereich liege.

Die Argumente sind bekannt, sie ziehen allerdings offenbar nicht. Was lässt sich dagegen tun? „Wenn für Unternehmen die drei Jahre und das Risiko die entscheidenden Kriterien sind, müssen wir sie genau dort abholen“, sagt Michael Schmidt, Projektmanager für Energieeffizienz und -management beim Versorger Uniper. Statt mit Fördergeldern zu wedeln, „die doch nur einen Mitnahme-Effekt auslösen“, sollten die Unternehmen finanziell für das Risiko kompensiert werden, das sie eingehen. Sein Vorschlag: ein staatlich aufgesetzter und von der KfW verwalteter Fonds, der für einen Risikoabgleich sorgt. Die Unternehmen müssten nicht mehr so stark ins Risiko gehen, weil der Fonds ein tragfähiges finanzielles Netz spannt. „Das Ziel muss sein, das Risiko für die Unternehmen zu minimieren oder sogar zu eliminieren.“

So funktioniert der Fonds

Der Fonds holt die Unternehmen bei ihren Vorbehalten ab. Die größte Sorge besteht darin, dass sich die Investition in Energieeffizienz nicht rechnet – oder nur über allzu viele Jahre. Und über solche längeren Zeiträume gibt es, was Energiepreise angeht, keine Verlässlichkeit. Angesichts des allgemeinen Kostendrucks verzichten die Unternehmen also auf die Investitionen – besser als am Standort Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. Genau davor schützt der Risikofonds, der nach einem ähnlichen Solidarprinzip funktioniert wie eine Versicherung: Alle zahlen ein, um gemeinsam für die wenigen real passierenden Schadensfälle aufzukommen.

Diese „Versicherung“ wäre der durch die Bundesregierung initiierte Fonds. Seine Aufgabe: Fallen die Rückzahlungen aus den Energieeffizienz-Investitionen aus, springt der Fonds ein und übernimmt die verbleibende Summe. Um das an einem Beispiel zu veranschaulichen: Eine Investition über 1 Million Euro soll sich über fünf Jahre amortisieren. Nach drei Jahren wird der Betrieb der Anlage eingestellt. Der Fonds springt ein und zahlt die verbleibenden 400.000 Euro zurück an den Geldgeber.

Damit ein Unternehmen diesen Risikoschutz nutzen darf, muss es anfangs eine Prämie zahlen, beispielsweise verbindliche 3 Prozent der Investitionssumme. Wenn nur ein Bruchteil der Unternehmen den Risikofonds wirklich in Anspruch nimmt, wächst durch die Prämien ein Vermögen heran, das größer ist als die notwendigen Rückzahlungen. „Zumal der Fonds nur in absoluten Ausnahmefällen die gesamte Summe zurückzahlen muss“, sagt Uniper-Experte Schmidt. Wenn es Probleme gebe, dann wahrscheinlich erst nach einigen Jahren. „Und dann muss nur noch ein überschaubarer Anteil an der Investition zurückgezahlt werden.“ Schmidt schätzt, dass der Fonds rund 10 Prozent an Ausfällen verkraften könnte.

Geld verdienen statt Geld verteilen

Für den Staat hätte dieser Fonds einen immensen Vorteil, sagt Schmidt: Statt Geld zu verteilen würde dieser Fonds sogar Geld verdienen. Das Fondsvermögen würde wachsen und so weitere Unternehmen ermutigen, Ernst zu machen mit der Energieeffizienz. So würde zugleich ein Effizienz-Pakt geschlossen, da alle Unternehmen, die auf den Fonds zurückgreifen, sich gegenseitig stützen und schützen.

„Bislang stehen wir uns selbst im Weg“, sagt Uniper-Manager Schmidt. Seiner Meinung nach gibt es zwei Optionen. Entweder verabschiedet sich Deutschland vom Ziel, den Verbrauch an Primärenergie zu halbieren – oder es öffnet sich für neue, unkonventionelle Ideen.

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