Bremst der Coronavirus die Energiewende aus?

01.09.20 Chance oder Todesstoß? Was Corona für die Energiewende bedeutet Hans-Joachim Ziegler • 9 min.

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Zusammenfassung

In diesen Monaten entscheidet sich, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf die globale Klimapolitik und den Ausbau der erneuerbaren Energien haben wird. Als Reaktion auf die aktuelle Wirtschaftskrise werden vielerorts Umweltrichtlinien ausgesetzt, während nachhaltige Unternehmen besonders unter den Auswirkungen der Pandemie leiden. Dennoch sieht einiges danach aus, dass erneuerbare Energien auf lange Sicht von der Krise profitieren könnten. Eine Bestandsaufnahme.

Die Corona-Pandemie ist wohl noch lange nicht vorbei. Und doch lässt sich heute schon mit Sicherheit sagen, dass das Jahr 2020 ein historischer Einschnitt sein wird: für die Wirtschaft, die Politik, das gesellschaftliche Zusammenleben.

Und auch unseren Umgang mit der Klimakrise wird Covid-19 nachhaltig beeinflussen. Zwar wird – wie wir hier erklären – der vorübergehende Rückgang an CO2-Emissionen während des Lockdowns keinen bleibenden Effekt auf die Entwicklung des Klimas haben. Unsere Perspektive hat sich jedoch nachhaltig verändert. So wurden wir in den vergangenen Monaten zum Beispiel Zeuge, wie etliche Regierungen schnell und entschieden auf die Bedrohung durch das Virus reagiert haben: Ziele wurden klar kommuniziert, Allianzen geschmiedet, Verbote erlassen. Enorme Mengen Geld wurden binnen kürzester Zeit freigegeben und zielgerichtet eingesetzt. Für Politiker wird es in Zukunft sehr viel schwerer sein, gewisse Maßnahmen als „zu drastisch“ abzutun.

Einerseits.

Andererseits muss unsere Klimapolitik heute in einem veränderten Kontext gedacht werden. Zu einer Weltwirtschaftskrise, deren Umfang wir aus heutiger Perspektive nur erahnen können, kommen politische Umwälzungen, die durch die Krise angefacht oder beschleunigt werden – in den USA, in Frankreich, in Serbien. Nicht wenige sehen diese Entwicklungen als Argument dafür, die Energiewende erstmal hintanzustellen.

Bremst das Virus die Energiewende aus?

So werden teilweise auch bereits beschlossene Klimamaßnahmen wieder infrage gestellt. Gerald Ullrich, Wirtschaftspolitiker bei der FDP, nutzt die Gelegenheit, um sich gegen die Einführungen der CO2-Steuer auf Benzin und Heizöl zu positionieren: „Jeder Ökonom weiß, dass Steuererhöhungen in einer Wirtschaftskrise grundfalsch sind“, erklärt er. Und auch die Präsidentin des Verbands der Deutschen Automobilindustrie, Hildegard Müller, spricht sich angesichts der Corona-Krise gegen „weitere Verschärfungen bei der CO2-Regulierung“ aus. Großvorhaben wie der europäische Green Deal werden es nun womöglich noch schwerer haben, Mehrheiten zu finden. Für Markus Pieper von der CDU jedenfalls ist dieses Vorhaben aus heutiger Sicht „schlicht nicht mehr finanzierbar, weder für die Wirtschaft, noch für die EU und ihre Mitgliedsstaaten.“

Während die einen noch über Regulierungen diskutieren, werden anderenorts bereits Fakten geschaffen. In China, das dem Rest der Welt in Sachen Corona um einige Wochen voraus ist, wurden in den vergangenen Wochen deutlich mehr Genehmigungen für Kohlekraftwerke erteilt als noch vor der Krise. In Brasilien schrumpfte der Regenwald zuletzt noch schneller als dies unter President Jair Bolsonaro sowieso schon traurige Normalität geworden war. Und in den USA wurden zum Wohle der Wirtschaft viele Vorschriften zur Luft- und Wasserverschmutzung vorübergehend ausgesetzt.

Schwere Zeiten für erneuerbare Energieträger

Gleichzeitig sieht die aktuelle Entwicklung bei den erneuerbaren Energien eher düster aus. So rechnet Bloomberg Energy Finance damit, dass der globale Photovoltaik-Markt in diesem Jahr zum ersten Mal seit 1980 schrumpft. Für die Windkraft, die in Deutschland auch in den vergangenen Jahren schon einen zusehends schwereren Stand hatte, bedeutet die Corona-Krise ebenfalls einen weiteren Dämpfer. Grund für diese Entwicklung ist unter anderem die Tatsache, dass billiges Öl und billige CO2-Zertifikate Investitionen in fossile Industrien lukrativ erscheinen lassen.

Dies ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Denn dass die Preise für CO2-Zertifikate und Erdöl so drastisch gefallen sind, liegt nicht zuletzt an der ebenso drastisch gesunken Nachfrage. Und bis die wieder steigt, kann es dauern. So erklärte Kingsmill Bond, Energy Strategist vom britischen Thinktank Carbon Tracker, dem Handelsblatt, dass die Ölnachfrage frühestens in fünf Jahren wieder stabil sein wird. „Bis dahin“, so gibt er zu bedenken, „sind erneuerbare Technologien aber noch günstiger, als sie es heute ohnehin schon sind.“ Auch wenn fossile Energien demnach aktuell im Aufwind zu sein scheinen, könnten nachhaltige Technologien langfristig als Gewinner aus der Krise hervorgehen.

Die Gesellschaft denkt um

Das liegt auch daran, dass schon seit Jahren immer mehr Menschen Wert auf Nachhaltigkeit legen – beim Einkauf und in ihrem alltäglichen Verhalten. Die Pandemie verstärkt diesen Trend nun noch. Laut der vom Umweltministerium in Auftrag gegebenen „Zwischenbilanz Covid-19“ gehen weltweit 39% der Befragten davon aus, dass sie in den nächsten Jahren weniger Geschäftsreisen unternehmen werden. Zudem wollen viele Menschen in Zukunft bewusster regional einkaufen, was ebenfalls einen positiven Einfluss auf die CO2 Bilanz hätte.

So klein der unmittelbare Effekt individueller Entscheidungen auch sein mag, der gesellschaftliche Trend wird ganz sicher einen maßgeblichen Einfluss auf die Klimapolitik haben. Besonders eindrücklich lässt sich das jetzt schon in Frankreich beobachten. Nachdem die Grünen dort bei den Regionalwahlen im Juni triumphierten, verspricht nun auch Präsident Macron eine „grüne Welle“. Wie viele der in diesem Rahmen geplanten Maßnahmen am Ende auch umgesetzt werden, muss sich zeigen. Klar ist jedoch jetzt schon, dass es bei unseren Nachbarn kein einfaches Zurück zur alten Normalität geben wird. Und auch wenn das Konjunkturpaket der Bundesregierung dafür kritisiert wurde, Gelder mit der Gießkanne zu verteilen und „bestenfalls blassgrün“ zu sein, wurde der Umweltschutz hier schon deutlicher stärker mitgedacht als dies noch vor ein paar Jahren der Fall gewesen wäre.

Insgesamt gibt es heute also auch durchaus Anlass für Optimismus. Die Corona-Krise „ist die Chance des Jahrhunderts,“ so formulierte es der Chef der Internationalen Energieagentur Fatih Birol im Juni, „die Energiesysteme weltweit jetzt umzustellen.“

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