06.10.20 Klimakrise? Falscher Alarm: das Buch „Apocalypse Never“ von Michael Shellenberger Dariush Jones • 6 min.

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Zusammenfassung

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg warnte im April 2019, dass „um das Jahr 2030 ... eine unkontrollierbare Kettenreaktion ... höchstwahrscheinlich zum Ende der Zivilisation führen wird.“ Drei Monate zuvor hatte die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez prognostiziert, dass „die Welt in zwölf Jahren untergehen wird, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff kriegen.“ Der Umweltschützer Michael Shellenberger dagegen hält solche katastrophale Klimaprognosen für ebenso unwissenschaftlich wie kontraproduktiv.

Nach Ansicht der Vereinten Nationen ist der Klimawandel „die entscheidende Krise unserer Zeit,“ die für alle Regionen der Erde „verheerende Folgen“ habe und Kosten verursache, die „noch lange nicht absehbar“ sind. Der amerikanische Umweltschützer Michael Shellenberger hält die Erderwärmung für echt. Aber laut seinem neuen Buch, „Apocalypse Never: Why Environmental Alarmism Hurts Us All“ (Harper Collins, Juni 2020) bedeutet sie weder eine Krise noch das Ende der Welt.

Polare Gegensätze

Im Dezember 2017 veröffentlichte „National Geographic“ ein als „herzzerreißend“ bezeichnetes Video eines ausgehungerten Eisbären. Das Video, dessen ursprünglicher Untertitel „so sieht der Klimawandel aus“ lautete, verbreitete sich viral und erreichte bis zu 2,5 Milliarden Zuschauer. Michael Shellenberger hält die Hungersnot der Eisbären für eine Mär (Seite 253). Aus den jüngsten Beobachtungen der IUCN Polar Bear Specialist Group ergibt sich nämlich kein erkennbarer Trend: Die Zahl der Eisbären war in zwei der insgesamt 19 Subgruppen höher, in vier niedriger und in fünf stabil; bei den anderen acht Subgruppen ließ sich aus den Daten keine Schlussfolgerung ziehen. Passend dazu zeigt das Einbandfoto von Shellenbergers Buch eine gut ernährte Eisbärenmutter, die mit ihrem Jungen schmust. Die Botschaft ist klar: Apokalyptische Umweltschützer zeigen oft ein verzerrtes, manipulatives Bild der ökologischen Wirklichkeit. Im Juni 2018 veröffentlichte „National Geographic“ denn auch eine Berichtigung und räumte dabei ein, dass sie mit der ursprünglichen Behauptung, dass der Klimawandel für den Zustand des Eisbären verantwortlich sei, „zu weit gegangen war“.

Fakt oder Fiktion?

Shellenberger zieht eine Vielzahl einschlägiger Studien heran, um zahlreiche andere vermeintliche „Tatsachen“ zu widerlegen (die betreffenden Studien, die online verfügbar sind, sind verlinkt). Der Amazonas-Regenwald ist die Lunge der Erde und spielt damit bei der Sauerstoffversorgung eine entscheidende Rolle, oder? Nein, so Shellenberger, der Sauerstoffbeitrag des Amazonas sei „unter dem Strich gleich null“ (30). Der Klimawandel ist für die Zunahme der Häufigkeit und Zerstörungskraft von Waldbränden in Kalifornien und Australien verantwortlich, nicht wahr? Keineswegs – der Temperaturanstieg sei zwar ein Faktor, aber, verglichen mit dem starken Zuwachs an Siedlungen in unmittelbarer Nähe der Wälder, unerheblich (5). Fordern Extremwettersituationen im Zuge der Erderwärmung mehr Todesopfer und Sachschaden? Nein, zwischen 1980 und 2016 gingen die durch Naturkatastrophen verursachten Todesfälle und Sachschaden „um 80 bis 90 Prozent zurück“ (4). Führen höhere Temperaturen künftig zu Nahrungsmittelknappheit? Durchaus nicht, die globale Nahrungsmittelproduktion könne weiter steigen, sogar wenn in Zukunft die Temperaturen bis zu 5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen (12). Ähnliche anti-apokalyptische Fakten präsentiert Shellenberger zu einer Reihe von anderen Themen, von der Zersetzung des Polystyrols (die schon nach wenigen Jahrzehnten möglich ist, nicht, wie bisher angenommen, erst nach mehreren Jahrhunderten) bis hin zur weltweiten Flächennutzung für die Fleischproduktion (die bereits seit dem Jahr 2000 erheblich geschrumpft ist).

Wie steht es mit der Behauptung von Thunberg und Ocasio-Cortez, dass das Jahr 2030 einen entscheidenden Wendepunkt für das Überleben der Menschheit darstelle? Laut Shellenberger beruht sie auf einer Fehlinterpretation des 2018er Berichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Im Bericht stehe lediglich, dass „die CO2-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent sinken müssen, wenn wir gute Chancen haben wollen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Das IPCC sagte weder den Weltuntergang noch einen Zusammenbruch der Zivilisation hervor, wenn die Temperaturen um 1,5 Grad steigen“ (4).

Kein Klima-Kolonialismus mehr

Shellenberger will jedoch mehr, als nur den Umwelt-Alarmismus entkräften. Er will auch Wohlstand und Chancengleichheit in Entwicklungsländern fördern und gleichzeitig die Umwelt- und Klimaauswirkungen weltweit verringern. Er setzt auf den Aufbau von Industrie und die Modernisierung der Landwirtschaft in armen Ländern: „Industrialisierung führt zu höherem Wohlstand. Dieser versetzt Industrieländer in die Lage, Straßen, Kraftwerke, Stromnetze, Hochwasserschutzvorrichtungen, sanitäre Einrichtungen und Abfallentsorgungssysteme zu bauen. Es ist diese Infrastruktur, welche reiche Nationen von den armen unterscheidet“ (90). Durch moderne Ansätze in der Landwirtschaft würden Entwicklungsländer die Ernteerträge um das Fünffache steigern, die Bodenqualität verbessern sowie die Flächen-, Wasser- und Düngemittelnutzung reduzieren (90-91).

Beim Thema Energie setzt Shellenberger auf einen stufenweisen Übergang zu Energieträgern mit jeweils größerer Energiedichte: von Holz über Kohle, Erdöl, und Erdgas zu Wasser- und Kernkraft. Durch jeden Schritt entlang diese Kette – wenn ein armes Land von der Holz- zur Kohlenutzung, ein reiches von der Kohle- zur Erdgasnutzung übergeht – werden CO2-Emissionen reduziert. Wie steht es mit Wind- und Solarenergie? Durch die hohe Flächennutzung, die beide erfordern, sind sie laut Shellenberger bestenfalls eine Teillösung. Beispiel USA: Das Land deckt derzeit seinen gesamten Energiebedarf unter Beanspruchung von nur 0,5 Prozent der Gesamtfläche; eine vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien würde diesen Anteil auf 25 bis 50 Prozent erhöhen, was kaum konsensfähig wäre (191).

Milliarden von Menschen weltweit kochen noch mit Holz. Die damit verbundene Rauchbelastung führt zum vorzeitigen Tod von jährlich fast vier Millionen Menschen. Shellenberger hält die Abschaffung von Holz als Kochbrennstoff daher für besonders dringlich. Er weist jedoch darauf hin, dass „die Weltbank die Finanzmittel für billige und zuverlässige Energiequellen wie Wasserkraft, fossile Brennstoffe und Kernenergie inzwischen auf teure und unzuverlässige Energiequellen wie Sonne und Wind umleitet,“ während die Europäische Investitionsbank den Geldhahn für fossile Projekte in Entwicklungsländern bis 2021 zudreht (225). Für Shellenberger sind dies bedauerliche Beispiele des Klima-Kolonialismus: „reiche Länder bringen dadurch arme Länder um genau diejenigen Technologien, auf denen unser Wohlstand basiert“ (228).

Lasst uns diskutieren!

Hat Shellenberger Recht? Das „Wall Street Journal“ sagt ja, der „Guardian“ nein. Der Klimawissenschaftler Peter Gleick hat eine lange Widerlegung des Buches veröffentlicht, Shellenberger daraufhin eine ebenso lange Widerlegung von Gleick. Der renommierte amerikanische Wissenschaftsjournalist John Horgan bezeichnete das Buch als „ein nützliches und sogar notwendiges Gegengewicht zu dem Alarmismus, mit dem einige Aktivisten und Journalisten, darunter auch ich, hausieren gehen.“ Horgan fügte hinzu: „Lasst uns diskutieren!“ Dieser Aufforderung mögen unsere Leser folgen – zum Beispiel im Rahmen der Kommentarfunktion dieses Artikels.

Hinweis
Für diejenigen, die das ganze Buch nicht lesen möchten, hat Shellenberger einen kostenlosen Auszug veröffentlicht sowie mehrere Interviews gegeben, in denen er die Hauptgedanken des Buches präsentiert.

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