27.10.20 Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler bei der Klimadebatte? Ein Gespräch mit Klimaforscher Wolfgang Knorr Hans-Joachim Ziegler • 10 min.

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Zusammenfassung

Seit mindestens 40 Jahren liefert die Wissenschaft regelmäßig Erkenntnisse über den menschengemachten Klimawandel. Und obwohl Gesellschaft und Politik inzwischen durchaus eine größere Empfindsamkeit für das Thema entwickelt haben, gibt es doch erhebliche Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der bislang beschlossenen Gegenmaßnahmen. Der Klimaforscher Wolfgang Knorr findet: Daran trägt die Wissenschaft eine gewisse Mitschuld. Zu lange habe man das Potenzial der Menschheit, den Klimawandel zu beherrschen, zu optimistisch dargestellt und sich ansonsten zu sehr aus der Debatte herausgehalten. Er ruft auf zu einem neuen Selbstverständnis des wissenschaftlichen Betriebs.

Klima-Angst, Öko-Trauer – diese neuerdings allgegenwärtigen Begriffe beschreiben ein Unbehagen angesichts der drohenden Klimakatastrophe, welches immer mehr Menschen mit sich herumtragen. Besonders davon betroffen sind Klimaforscher, Meeresbiologen und Polar-Experten; Wissenschaftler also, die jeden Tag mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert werden, weil sie das Sterben der Riffe dokumentieren, das Schmelzen des Eises, den Verlust seltener Tierarten. Solche Menschen verstehen besser als andere, was auf dem Spiel steht. Und darum reagieren sie besonders emotional, wenn Politik und Wirtschaft ihrer Meinung nach nicht genug tun, um die Katastrophe abzuwenden.

Rückzug in die Wissenschaft

Auch Wolfgang Knorr kennt das Phänomen nur zu gut: „Es gibt viele Wissenschaftler, die angesichts der aktuellen Entwicklung ein schlechtes Gefühl haben. Die Erfahrung, dass die Politik nicht auf die Wissenschaft zu hören scheint, ist frustrierend. Deswegen blenden das manche von uns aus oder ziehen sich in ihre wissenschaftliche Nische zurück.“ Das sei aber genau der falsche Weg, findet Knorr. Darum nimmt sich der angesehene Klimawissenschaftler, der unter anderem am renommierten Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie geforscht hat, eine Stunde Zeit, um von seiner griechischen Wahlheimat aus über seine Essays zu sprechen, in denen er seine Forscher-Kollegen zum Umdenken auffordert.

Klimaforscher Wolfgang Knorr

Klimaforscher Wolfgang Knorr

„Die Wissenschaft sieht den Klimawandel natürlich zuallererst als physikalisches Problem und nicht als Problem des Lebensstils oder der sozialen Ungerechtigkeit. Das ist auch erstmal sinnvoll, führt aber dazu, dass das Thema aus einer sehr theoretischen Perspektive angegangen wird.“ Diese theoretische Perspektive ist eigentlich Knorrs Fachgebiet: Anhand von aufwendigen Computersimulationen berechnet er, wie sich Klima und Ökosysteme in den kommenden Jahrzehnten verändern könnten. In den vergangenen Jahren sind diese Modelle immer komplexer geworden. An einem grundsätzlichen Makel, den diese Systeme fast immer haben, ändert dies laut Knorr jedoch wenig.

Alles reine Theorie?

„Die Modelle, mit denen berechnet wird, wie wir zum Beispiel das 1,5°-Ziel erreichen können, sind von den Gegebenheiten in der realen Welt in vielerlei Hinsicht abgeschnitten. So schafft es die Menschheit in diesen Modellen zum Beispiel nicht nur, nach 2050 alle ihre CO2 Emissionen komplett einzustellen – es werden darüber hinaus auch im großen Stil Klimagase aus der Atmosphäre entfernt. Über ein Drittel unserer heutigen CO2-Jahresproduktion soll dann jährlich wieder eingesaugt und weggespeichert werden. Ob das aber realistisch ist, geht kaum in die Untersuchung ein, nur die theoretische Machbarkeit.“

In einem seiner Artikel wird Knorr noch deutlicher: "Die Climate Action Tracker Initiative" schätzt, dass sich die Welt angesichts der bestehenden Zusagen auf drei Grad Erwärmung zubewegt. Als Bürgerinnen und Bürger kennen wir alle den Unterschied zwischen den Worten und Taten von Politikern. Und doch haben sich die verschiedenen Bewertungsberichte des Weltklimarats (IPCC) wiederholt auf hoch idealisierte so genannte integrierte Modelle gestützt, die nichts von diesen Dingen wissen und daher leicht zu Ergebnissen verbogen werden, die dem gesunden Menschenverstand zuwiderlaufen.“

Während solche Berichte die technischen Entwicklungsmöglichkeiten und den Handlungswillen der Politik tendenziell überrepräsentierten, wird das Ausmaß des Klimawandels laut Knorr meist eher konservativ dargestellt. „So funktioniert nunmal die Wissenschaft,“ sagt Knorr. "Man ist sehr vorsichtig und vermeidet Aussagen, die später vielleicht widerlegt werden könnten.“

Die CO2-Emissonen steigen exponentiell

Auch weil man sich die Zukunft durch solche Studien schönmale, habe die Klimaforschung bislang zu wenig Einfluss auf die Politik ausüben können. So schreibt Knorr: „Nach jahrzehntelanger Erforschung des Klimasystems, die zum großen Teil mit einem politischen Prozess zur Eindämmung des Klimawandels koordiniert wurde, steigen die globalen CO2-Emissionen quasi exponentiell weiter an. Was die Atmosphäre betrifft, so hat es keinerlei Maßnahmen gegen den Klimawandel gegeben.“

Knorr ist frustriert, das merkt man ihm auch via Zoom an, trotz seines sympathischen Lächelns, trotz Sonne im Gesicht. Am liebsten würde er wohl in einer Welt leben, in der Wissenschaftler einfach forschen und die Fakten für sich sprechen lassen könnten. Sich öffentlich zu engagieren kann für ihn und seine Kollegen schließlich sogar gefährlich sein: „Viele meiner Kollegen haben Angst, dass es ihrer Karriere schadet, wenn sie sich über ihre Forschung hinaus engagieren,“ gibt er zu. Und doch ist er überzeugt, dass es heute nicht mehr anders geht. Was also muss sich seiner Meinung nach ändern?

Wissenschaftler haben eine Vorbildfunktion

Zumindest kann man nicht einfach weitermachen wie bisher. Denn: „Auch mein Schweigen hat unter Umständen eine Message. Wissenschaftler müssen daher ein Gefühl für die unterschwelligen Botschaften entwickeln, die sie durch ihre Arbeit senden.“ Für Knorr fängt das schon bei der Reisetätigkeit an: „Wenn dieselben Leute, die unentwegt über den Klimawandel reden, die ganze Zeit zwischen Klimakonferenzen hin und her fliegen, dann untergräbt das die eigene Botschaft. Die Wissenschaft sollte sich ihrer Vorbildfunktion bewusster werden: Wenn wir radikalen Wandel von der Gesellschaft verlangen, müssen wir das vorleben.“

Wichtiger noch ist für ihn die Frage, auf welche wissenschaftlichen Themen man sich in seiner Arbeit fokussiert. „Es ist ja keine rein objektive Entscheidung, worauf ich meine Forschung konzentriere. Meine Wahl hat aber ganz spezifische Auswirkungen auf die Botschaft, die ich sende,“ sagt er. Und in einem seiner Artikel ergänzt er: „Angesichts einer echten existenziellen Bedrohung unserer Zivilisation müssen wir Wissenschaftler unseren Schwerpunkt von langfristigen Modellen verlagern, die ein falsches Gefühl der Kontrolle über die Klimakrise vermitteln und drastische Emissionssenkungen als leicht erreichbar darstellen. Stattdessen sollten wir uns auf unsere Verwundbarkeit im Hier und Jetzt konzentrieren.“ Darüber, wie zerbrechlich zum Beispiel unsere Lebensmittel-Versorgungsketten sind, wissen wir heute nämlich „beunruhigend wenig“.

Mehr sein als nur Experte

Grundsätzlich ruft Knorr Wissenschaftler dazu auf, die Meinungsführung nicht mehr nur Politikern oder Aktivsten zu überlassen, auch wenn er für die Erfolge vor allem letzterer großen Respekt übrig hat. „Als Klimawissenschaftler sollte man mehr sein als nur Experte. Nicht nur Daten liefern und das war’s. Stattdessen können wir dazu beitragen, die ganze Diskussion ehrlicher zu machen, mehr Klarheit zu schaffen.“ Dafür müsste sich die Wissenschaft jedoch erst selbst von ihren Illusionen verabschieden. “Botschaften, die den Betroffenen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, sind in einer Notsituation, wie wir sie heute haben, genau falsch,“ erklärt Knorr. „Da muss man ja erstmal vom schlimmsten Fall ausgehen und vorsorglich Handeln.“ Es gehe darum, den Worst Case zum Dreh- und Angelpunkt der Politik zu machen.

Knorr betont, dass er die seiner Meinung nach zu langsam vorankommende Energiewende nicht den Wissenschaftlern anlastet. „Aber die Krise ist heute dringender denn je, und unsere derzeitige Herangehensweise beginnt, uns zum Teil des Problems zu machen.“

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