17.11.20 Corona zeigt, wie’s klappt mit dem Energiesparen Thomas Schmidt • 6 min.

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Zusammenfassung

Die Corona-Restriktionen mindern CO2-Emissionen und bremsen den Klimawandel: Durch den zweiten Lockdown sinkt der Energieverbrauch In Deutschland in diesem Jahr wohl um 12 Prozent. Was bedeutet das für die Energiewende?

Man sollte … man müsste … aber bringt ja alles nichts: Einig sind wir uns darin, dass wir den Klimawandel aufhalten müssen. Doch sobald es konkret wird – Was kann ich dafür tun? – bröckelt die Einigkeit. Denn wer sich verantwortungsvoll verhält, muss lernen zu verzichten: kein Wochenendtrip nach Rom, kein SUV in der Garage, kein winterliches Heizen auf angenehme 22 Grad.

Kann unser persönlicher Verzicht die Welt retten? Tja. Entsprechend widersprüchlich verhalten wir uns, steigen öfter aufs Fahrrad und nehmen doch den Flieger statt der Bahn (dauert ja sonst ewig). Sollte unser Gewissen sich melden, haben wir sofort eine Entschuldigung parat: bringt doch alles nichts. Diese Entschuldigung ist bequem – und hinfällig.

Die Folgen der Corona-Krise zeigen, dass der Klimawandel tatsächlich aufzuhalten ist. Wenn wir unser schlechtes Gewissen nicht allzu leichtfertig beruhigen würden.

Weniger Energie, weniger Emissionen

Schauen wir uns die Zahlen an. Der Energieverbrauch geht in Deutschland im Jahr 2020 um bis zu 7 Prozent zurück, schätzt die AG Energiebilanzen. Nach dem ersten Lockdown lag der Energieverbrauch zur Jahresmitte um 8,8 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums. Weil weniger Kohle eingesetzt wurde – auch in Deutschland werden bevorzugt erneuerbare Energien in die Netze eingespeist –, gingen die energiebedingten CO2-Emissionen sogar um 13 Prozent zurück. Für das Gesamtjahr 2020 rechnet die AG Energiebilanzen mit einem Minus von rund 10 Prozent beim energiebedingten CO2-Ausstoß.

Beim Strom ist der Corona-Effekt weniger ausgeprägt, auch wenn der Netzbetreiber Bayernwerk zu Pfingsten meldete, er habe so wenig Strom abgegeben wie niemals zuvor. Für das erste Halbjahr 2020 errechnet der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) einen Rückgang von 5,7 Prozent. Das bedeutet: weniger Braun- und Steinkohle, weniger Atomkraft. Gleichzeitig steigt der Anteil regenerativer Energien: An den meisten Tagen machen sie mehr als die Hälfte am Strommix aus. Im Vorjahr lag ihr Anteil noch bei 44 Prozent.

Wenn Pendler nicht mehr pendeln

Corona dämpft auch die Reiselust. Die Zahl der Passagiere am Flughafen Frankfurt schrumpfte während des ersten Lockdowns um 95,6 Prozent – an anderen Flughäfen sah es ähnlich aus. Kein Wunder, dass der Absatz von Kerosin im ersten Halbjahr 2020 um 46 Prozent einbrach. Ähnlich leer waren Busse und Bahnen. 70 Prozent weniger Passagiere wurden in deutschen Städten gezählt, in Madrid lag das Minus zwischenzeitlich bei 84 Prozent, in Mailand sogar bei 86 Prozent.

Trotz der leeren Busse und Bahnen hat der Autoverkehr nicht zu-, sondern ebenfalls abgenommen. Das zeigt sich im Straßenbild, aber auch in den Zahlen: Der Absatz von Benzin sank in Deutschland im ersten Halbjahr 2020 um 13,5 Prozent. Und die Zahl der Verkehrstoten war so gering wie noch nie seit der Wiedervereinigung: 1476 – ein Rückgang um 13 Prozent. Der Grund dafür: Auf den Straßen war weniger los. Wer vor Corona pendelte, blieb im Homeoffice.

Unter Strom in Homeoffice

Das Arbeiten im Homeoffice kurbelt den Energieverbrauch an. Wer vom heimischen Schreibtisch aus arbeitet, nutzt die Geräte im Haushalt häufiger: Kaffeemaschine und Staubsauger, Herd und Spülmaschine – und vor allem den Computer. Wir nutzen ihn zum Arbeiten, und wir nutzen ihn nach Feierabend immer häufiger zum Streamen. Das alles zieht Strom. Wie stark der Stromverbrauch in Corona-Zeiten steigt, darüber kursieren verschiedene Zahlen. Vorsichtige Schätzungen gehen von einem Plus von 4 Prozent aus, andere sehen den Verbrauch um rund 20 Prozent steigen.

Einen Kredit muss trotzdem niemand aufnehmen, um die Stromrechnung zu zahlen. Die zusätzlichen Stromkosten für ein Laptop liegen laut Vergleichsportal Verivox täglich bei rund 15 Cent. Wer am PC mit externen Monitor arbeitet, muss etwa mit 50 Cent pro Tag rechnen. Wie effektiv Computer heute sind, zeigt der Vergleich mit Küchengeräten: Wer ein Kochfeld eine Stunde lang auf höchster Stufe nutzt, zahlt ebenfalls 50 Cent. Mag der Verbrauch auch steigen: Es bleibt alles im Rahmen.

Übrigens steigt nicht nur der Verbrauch an Energie. Auch der Alkoholkonsum nimmt zu. Bei einer Umfrage des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit sagte mehr als ein Drittel der Befragten, sie hätten während des ersten Lockdowns mehr Alkohol getrunken als zuvor.

Indien braucht keinen Strom

Corona beschränkt sich nicht auf Deutschland: Auch im Rest der Welt sinken Energieverbrauch und CO2-Emissionen. Die Internationale Energie-Agentur IEA spricht „vom größten Schock für das weltweite Energiesystem seit dem Zweiten Weltkrieg“. Die IEA erwartet ein globales Minus in der Energienachfrage um 6 Prozent, für Europa sogar um 11 Prozent. Um die Größenordnung einzuschätzen: Der weltweite Rückgang entspricht dem gesamten Energiebedarf von Indien – immerhin der drittgrößte Energiefresser der Welt.

Global sinken die Kohlendioxid-Emissionen laut IEA um rund 8 Prozent. „Mit diesem Rückgang sind alle Zuwächse der vergangenen zehn Jahre ausradiert“, sagt IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol. Während der ersten Lockdowns im März und April ging der Ausstoß an Kohlendioxid laut Forschungsinitiative Carbon Monitor weltweit sogar noch stärker zurück: um 17 Prozent. Die Emissionen durch den Verkehr reduzierten sich global um 40 Prozent, was die Forscher auf den Zwang zum Homeoffice zurückführen.

Zum befreiten Aufatmen ist es allerdings zu früh: Bereits im Juli, als überall in der Welt die Beschränkungen weitgehend aufgehoben waren, wurde das gewohnte CO2-Niveau wieder erreicht. Weltweit

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