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15.12.20 Die Morgendämmerung der Photovoltaik: über eine neue, alte Hoffnung der Energiewende Hans-Joachim Ziegler • 6 min.

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Zusammenfassung

Verglichen mit der Windkraft führte die Solarenergie in Deutschland lange ein Schattendasein. Nun sorgen technologische Neuerungen und ein drastischer Preisverfall bei den Modulen dafür, dass wieder mehr über Strom aus Sonnenenergie gesprochen wird. Dank großer Ausbaupotenziale und minimaler gesellschaftlicher Ablehnung könnte die Photovoltaik sogar bald zum Star der Energiewende werden. Nur die Politik muss noch mitmachen.

In Deutschland, so heißt es, gibt es mehr Wind als Sonne. Darum war man sich hierzulande auch lange einig, dass Solaranlagen bei der Energiewende eher eine Nebenrolle spielen würden. Protagonist sollte einzig die Windkraft sein. Diese jedoch wurde in den vergangenen Jahren zusehends ausgebremst. Denn so imposant diese Kraftwerke auch in den unzähligen Energiewende-Stock-Videos wirken, so unschön ist es bisweilen, im Schatten eines dieser rudernden Riesen zu wohnen. Inzwischen wird in den Kommunen mehr diskutiert als konstruiert, die Ausbauziele sind wie weggeweht.

Während über der Windkraft jedoch dunkle Wolken aufgezogen sind, befindet sich die Solarwirtschaft im Aufwind. Einerseits, weil Deutschland ausgerechnet durch den Klimawandel immer sonniger zu werden verspricht: 2020 ist jetzt schon Rekordjahr, wird es jedoch wahrscheinlich nicht lange bleiben.

Solarzellen können mehr und kosten weniger

Zum anderen hat die Entwicklung der Photovoltaik unerwartet große Fortschritte gemacht. In der vergangenen Dekade ist der Wirkungsgrad gängiger Solarzellen um 20 Prozent angestiegen, während die Preise auf 20 Prozent gesunken sind. Da Photovoltaik-Anlagen außerdem niedrige Betriebskosten haben, übersetzt sich diese Entwicklung ziemlich direkt in fallende Stromgestehungskosten.

So errechnet zum Beispiel das Finanzberatungsunternehmen Lazard, dass Solarenergie in den USA heute schon günstiger ist als Kohle-, Erdgas- und Atomstrom. Der VDI erklärt allgemeiner, in einigen Ländern lägen „die Fotovoltaik-Stromgestehungskosten heute schon unter denen der variablen Kosten von Kraftwerken auf der Basis fossiler Energieträger“ und stellt in Aussicht, dass „diese Grenze in der nahen Zukunft“ auch in anderen Ländern erreicht wird.

Solarenergie – der König auf dem weltweiten Strommarkt?

Bezieht man die (schwer bezifferbaren) Kosten ein, welche der Gesellschaft zum Beispiel durch Umweltschäden beim Bau und Betrieb von Kraftwerken entstehen, ist Solarenergie schon heute konkurrenzlos. So sieht das zumindest Faith Birol, Executive Director der Internationalen Energieagentur (IEA). Dieser erklärte neulich selbstbewusst: „Ich sehe Solarenergie als neuen König auf dem weltweiten Strommarkt.“

Gegenüber der Windkraft hat die Photovoltaik immerhin ein paar entscheidende Vorteile. Denn auch wenn Windkraftwerke in Sachen Kosteneffizienz und Klimafreundlichkeit durchaus mit Solarfarmen mithalten können, lassen sich letztere deutlich leichter und flexibler in ihre Umwelt integrieren.

Solarparks helfen auch Tieren und Pflanzen

So fand eine Studie des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft, dass sich eine Vielzahl von Vögeln und Insekten in Solarparks wohl fühlen. Wo kein Lärm das Gezwitscher übertönt und keine Rotorblätter die Flugbahn durchkreuzen, gedeihen auch anspruchsvolle Tierarten, die andernorts nur schwer Lebensraum finden.

Was für Tiere gilt, gilt für Pflanzen erst recht. Im Schatten von Solarmodulen wachsen nicht nur Blumen und Unkraut – hier lässt sich sogar erfolgreich Gemüse anbauen. Die sogenannte Agri-Photovoltaik, die im ostasiatischen Raum schon recht weit verbreitet ist, kann bald auch deutsche Bauern auf eine breitere finanzielle Grundlage stellen. Denn nicht nur lässt sich mit dem erzeugten Strom zusätzliches Geld verdienen. Die Module schützen die Nutzpflanzen zudem vor Hagelschäden und Sonnenbrand und sind damit in der Lage, Ernteerträge merklich zu steigern. (Mehr über dieses Thema erfahren Sie hier.)

Die erstaunliche Skalierbarkeit von Solaranlagen erlaubt es weiterhin, jedwede Freifläche für die Energiegewinnung zu nutzen. Ulrich Möller vom Planungsbüro für Raum und Energie 6MW nennt neben „Deponien, Konversionsflächen sowie Randstreifen von Autobahnen und Bahnanlagen“ auch „Wasserflächen, auf denen schwimmende PV-Anlagen errichtet werden können. Solche Anlagen eignen sich neben Kiesgruben und Baggerseen insbesondere auch für großflächige Bergbaufolgelandschaften.“ Kurz: Der ländliche Raum bietet für die Solarenergie riesiges Potenzial.

Kommt der Solar-Boom?

Das Alleinstellungsmerkmal der Solarenergie gegenüber der Windkraft ist jedoch ihre Kompatibilität mit dem urbanen Raum. Solarmodule passen auf Parkuhren, auf Lärmschutzwände und Garagen, auf Balkone und Hausdächer. Der EON-Konzern sieht in den Dächern von Kaufhäusern und Lagerhallen ein riesiges Potenzial für Photovoltaik-Anlagen. 90 Millionen Quadratmeter gewerblicher Dachfläche könnten laut dem Unternehmen rund 6750 Megawatt Leistung liefern – so viel wie acht Kohlekraftwerke. In das noch recht junge Berliner Startup Enpal, das full-service Solaranlagen an Privathaushalte vermietet, stiegen erst kürzlich gleich drei Vorstände des Onlinehandels Zalando mit Millioneninvestitionen ein. Auch hier erwartet man für die nächsten Jahre einen wahren Solar-Boom.

Vor breiter gesellschaftlicher Gegenwehr wie bei der Windkraft muss sich die Photovoltaikbranche dabei weniger fürchten. Ulrich Möller von 6MW gibt zwar zurecht zu bedenken, dass es beim Ausbau einer „geordneten Entwicklung … im Rahmen einer kommunalen Bauleitplanung“ bedarf, um Akzeptanzproblemen vorzubeugen. Doch gelten Solaranlagen heute nicht umsonst als die beliebtesten Nachbarn unter den Kraftwerken. So still und sauber sind sie, dass man sie – wenn sie richtig integriert sind – kaum bemerkt.

Die Politik bremst das Wachstum aus

Mehr Widerstandspotenzial bietet die Politik, welche für das Wachstum der Solarbranche die Weichen stellen müsste. Grundsätzlich scheint man das Thema dort eher drosseln zu wollen. So berichtete der Spiegel unter der Überschrift „Regierung bremst Solar-Ausbau“ kürzlich von einem Vorhaben der Regierung „in den kommenden zwei Jahren nur jeweils 250 Megawatt an Neuinstallationen“ von größeren Dachanlagen fördern zu wollen, um Geld zu sparen. Oliver Krischer von den Grünen kritisiert diese Maßnahme scharf: "Wirtschaftsminister Altmaier tritt ohne Not das zarte Wachstumspflänzchen bei den großen Dachanlagen platt,“ erklärt er.

Auch im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist im Moment gerade mal ein jährlicher Zubau von 2,5 Gigawatt Solarenergie vorgesehen. In einem neuen Entwurf soll dieser Wert nun zwar verdoppelt werden. Der Energieexperte Volker Quaschning rechnet jedoch vor, dass wir jedes Jahr 18 bis 20 Gigawatt Photovoltaik zubauen müssten, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE fasst darum kühl zusammen: „Das Jahresziel der Bundesregierung für den Zubau 2019 wurde übertroffen, die Ziele der Energiewende bleiben in weiter Ferne.“

Noch steht nicht fest, welche Ziele die neue Fassung des EEG für den Ausbau der Solarenergie festsetzt. Es steht zu hoffen, dass hier die richtigen Anreize geschaffen werden, damit Deutschland seine Klimaziele doch noch erreicht. Klar ist jedoch jetzt schon, dass wir bei der Energiewende nicht ohne eine substanziellen Anteil Solarenergie auskommen.

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