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01.12.20 Fünf Mythen über nachhaltige Geldanlagen – und was an ihnen dran ist Hans-Joachim Ziegler • 8 min.

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Zusammenfassung

Nachhaltiges Denken erobert nach und nach alle Lebensbereiche. Nur bei den Finanzen scheuen sich noch viele Menschen, dieselben Maßstäbe anzusetzen wie etwa beim Einkauf im Supermarkt. Debate.Energy zeigt, woran man nachhaltige Anlagemöglichkeiten erkennt, welche Produkte es gibt und wie viel Rendite man erwarten kann. Dabei wird deutlich: Das Thema hat enormes Potenzial – auch für den Klimaschutz.

Wenn es ums Geldausgeben geht, sind Belange der Nachhaltigkeit längst im gesellschaftlichen Mainstream angekommen. Immer mehr Menschen kaufen Kleider aus Bio-Baumwolle, geben ihrer Flugscham nach oder bemühen sich, Produkten mit Palmöl aus dem Weg zu gehen. Eine deutlich kleinere Rolle spielt das Thema allerdings, wenn es um das Geld geht, dass wir nicht ausgeben – unsere Rücklagen auf dem Tagesgeldkonto, unsere Investments in Fonds und ETFs. Dabei hätten wir hier genauso wie im Supermarkt die Möglichkeit, nachhaltige Produkte zu bevorzugen.

An diesem Missverhältnis ändert sich nur langsam etwas. Zwar haben deutsche Privatanleger 2019 fast doppelt so viel in nachhaltige Finanzprodukte investiert wie noch im Jahr zuvor. Doch wird diese erstaunliche Steigerung relativiert durch die Tatsache, dass der Anteil nachhaltiger Investments am deutschen Gesamtfondsmarkt auch jetzt noch bei gerade mal 5,4 Prozent liegt. Diese Art der Geldanlage darf also weiterhin als Nische gelten.

Dass dem so ist, hat laut einer Studie vor allem drei Gründe: Die Menschen „haben Angst, Geld zu verlieren; der Bankberater hat ihnen nichts angeboten; und sie fühlen sich nicht ausreichend informiert.“ Zumindest dem letztgenannten Aspekt können wir hier etwas entgegensetzen, indem wir uns nämlich die fünf beharrlichsten Mythen über nachhaltige Investments einmal genauer ansehen.

Mythos #1: „Nachhaltige Investments bringen weniger Rendite“

Vergleicht man die Bilanz des internationalen MSCI World Aktienindex mit dem MSCI World SRI, in dem nur „socially responsible investments“ gelistet werden, so stellt man fest, dass letzterer seit Jahren besser performt. Heißt im Klartext: Im Durchschnitt drücken un-nachhaltige Aktien den Kurs. Diese Tendenz spiegelt sich denn auch in den entsprechenden Fonds wider. So verglich die Ratingagentur Scope Analysis nachhaltige Aktienfonds mit Produkten, die keinen solchen Filter verwenden. Das Ergebnis war eindeutig: Produkte mit ethisch-ökologischem Ansatz erwirtschafteten im Schnitt etwa einen halben Prozentpunkt mehr Rendite im Jahr.

Dass Fonds erfolgreicher sind, wenn sie neben rein wirtschaftlichen Faktoren auch andere, scheinbar nicht performance-relevante Parameter in die Auswahl ihrer Aktien mit einbeziehen, klingt im ersten Moment vielleicht kontraintuitiv. Tatsächlich ist es jedoch in Zeiten, in denen der Klimawandel eine immer größere gesellschaftliche Relevanz bekommt, nur verständlich, dass Aktien nachhaltig agierender Firmen langfristig eine überdurchschnittliche Entwicklung hinlegen. Schließlich sind es auch diese Firmen, die am meisten von den Veränderungen im politischen Diskurs und dem Wandel im Konsumverhalten der Verbraucher profitieren werden.

Sobald sich diese Logik einmal bei Fondsmanagern und Finanz-Laien herumspricht, dürfte sich der Trend zudem noch weiter verstärken. Denn umso mehr in solche Aktien investiert wird, desto höher steigen die Preise – und damit die Chancen, auf nachhaltige Weise Profit zu machen.

Mythos #2: „Es gibt kaum Auswahl bei nachhaltigen Finanzprodukten“

Auch das stimmt inzwischen nicht mehr. Tatsächlich findet man heute die ganze Bandbreite an Finanzprodukten auch in grün: von Aktien einzelner Unternehmen über ETFS bis hin zu Mikrofinanzfonds und Greenbonds. Und auch innerhalb der einzelnen Sparten gibt es jede Menge Auswahl: So zählt Scope Analysis zum Beispiel ganze 145 nachhaltig gemanagte Investmentfonds allein in Deutschland.

Abseits von Fonds und ETFs werden inzwischen zudem immer mehr grüne Girokonten angeboten, die auch den alltäglichen Geldverkehr auf eine nachhaltige Basis stellen sollen. Neben etablierten Geldhäusern wie der GLS hat in dieser Hinsicht vor allem die recht neue Tomorrow Bank von sich Reden gemacht. Das rasant wachsende Startup aus Hamburg verspricht seinen Kunden, mit dem angelegten Geld „ausschließlich nachhaltige und soziale Projekte“ zu finanzieren. Dabei macht das Unternehmen seine Auswahlkriterien komplett transparent: Man orientiere sich zum Beispiel an den „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen und bewerte Unternehmen nach ESG-Kriterien – einem anerkannten Standard nachhaltiger Anlagen. Womit wir schon beim nächsten – diesmal nicht ganz aus der Luft gegriffenen – Mythos wären.

Mythos #3: „Wie nachhaltig ein Finanzprodukt wirklich ist, lässt sich nur schwer ermitteln"

Wahr ist, dass „Nachhaltigkeit“ für jeden Menschen etwas anderes bedeutet. Und auch in der Finanzbranche gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs. Wer also nachhaltig investieren will, sollte zuerst einmal für sich selbst festlegen, was er oder sie damit eigentlich meint, um dann in einem zweiten Schritt zu prüfen, ob ein Finanzprodukt diesem Verständnis entspricht oder nicht.

Grundsätzlich gilt es dabei, vier verschiedene Ansätze zu unterscheiden, die Anbieter bei der Zusammenstellung nachhaltiger Fonds verfolgen. So gibt es erstens die Möglichkeit, ganz gezielt in bestimmte Branchen zu investieren, die nachhaltige Ziele verfolgen: Erneuerbare Energien zum Beispiel. Weil die Aktien so jedoch kaum gestreut werden können, ist mit diesem Ansatz ein gewisses finanzielles Risiko verbunden, wenn die Branche als Ganzes in die Krise rutschen sollte.

Der zweite Ansatz ist in dieser Hinsicht sicherer: Statt eine Branche zu bevorzugen schließt man hier Branchen aus, die man nicht unterstützen möchte: Waffenhersteller, die Tabakindustrie oder Firmen, die Kinderarbeit unterstützen. Drittens gibt es den sogenannten „Best in Class“ Ansatz: Hierbei werden keine Branchen ausgeschlossen, innerhalb der Branchen jedoch immer solche Unternehmen ausgewählt, die relativ zu ihrer direkten Konkurrenz am nachhaltigsten agieren. So unterstützt man unter Umständen zwar auch Unternehmen aus der Waffen- Oder Tabakindustrie, belohnt innerhalb dieser Branchen jedoch nachhaltiges Verhalten. Viertens und letztens gibt es Anbieter, die ihr Stimmrecht als Anteilseigner in den Unternehmen dazu nutzen, nachhaltiges Denken zu fördern.

Welchen Ansatz man als Anleger bevorzugt, hängt von den eigenen Wertvorstellungen und Zielen ab. Wer sich jedoch einmal entschieden hat, dem helfen eine Vielzahl an Guides und Siegeln dabei, die richtigen Produkte auszuwählen. So bietet der Fair Finance Guide zum Beispiel ein entsprechendes Ranking verschiedener Banken. Die Portale Faire-Fonds.info und nachhaltiges-investment.org geben Auskunft darüber, in welche Branchen einzelne Fonds investiert sind. Zudem helfen zum Beispiel das Siegel der FNG – nach eigenen Angaben „der Qualitätsstandard für nachhaltige Investmentfonds“ – und das ECOreporter-Siegel bei der Wahl des richtigen Anbieters.

Wenn es nach der EU geht, soll diese Wahl bald noch leichter und sicherer werden. Dort will man mit einem sogenannten "Green Bonds Standard“ nämlich strenge, verbindliche Vorgaben machen und damit dem Wort „Nachhaltigkeit“ eine allgemeingültige Definition geben. Das Regelwerk, welches im Moment vor allem klimarelevante Faktoren berücksichtigt, soll schon im kommenden Jahr verabschiedet werden.

Mythos #4: „Meine Anlage hat eh keinen echten Einfluss auf die Umwelt“

Natürlich haben kleinere Investments einen kleineren Einfluss als größere. Dennoch lassen sich mit der richtigen Anlage nennenswerte Mengen CO2 einsparen – und manche Fonds geben sogar ziemlich detailliert Auskunft über diese Zahlen.

Eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen solche Investitionen jedoch vor allem, wenn sie zum Trend werden. Zu diesem Urteil kamen zumindest das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Dort glaubt man, dass ein Trend zu nachhaltigerem Investitionsverhalten zu einem Dominoeffekt führen könnte, der die gesamte Wirtschaft mit sich reißt. So vermutet PIK-Forscher Jonathan Donges, „dass der kritische Moment des sozialen Kippens erreicht würde, wenn die klimaneutrale Stromerzeugung höhere finanzielle Erträge erzielt als die Stromerzeugung durch fossile Energieträger.“

Mythos #5: „Wenn ich nichts tue, schade ich immerhin niemandem“

Laut heraus sagt diesen Satz vielleicht kaum jemand. Insgeheim beruhigen sich jedoch viele von uns mit der Vorstellung, dass unser Geld auf dem Girokonto zwar vielleicht nicht die Welt rettet, aber doch auch immerhin keinen Schaden anrichtet. Leider stimmt das nicht unbedingt. Denn wenn unsere Bank Kredite an Unternehmen vergibt, die Waffen herstellen, Kinderarbeit fördern oder den Regenwald abholzen, dann finanzieren wir das durch unser Erspartes unbewusst mit.

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