Ja, wie wächst der denn? Beim Graviplant wachsen die Bäume durch ständige Drehung vertikal
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03.12.20 Nachhaltig verrückt – das sind die kuriosesten grünen Innovationen Autor*in: Clara Müller • Lesedauer: 6 min.

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Zusammenfassung

Neue Ideen, die Energie sparen, grüne Energie produzieren oder Co2 einsparen? Wichtig, richtig und gut - aber oft bekannt. Wer in dem Bereich noch etwas wirklich Neues schaffen will, muss um die Ecke denken. Deswegen stellen wir Ihnen in einer zweiteiligen Serie die kuriosesten nachhaltigen Innovationen vor: In Folge 1: ein versenktes Rechenzentrum, Solarparks in Tierform – und Bäume, die waagerecht an Häusern wachsen.

Microsoft „Project Natick“: Ein Rechenzentrum geht baden

Wasser und Technik vertragen sich nicht? Um wirklich innovativ zu sein, haben Microsoft-Forscher wirklich alle bestehenden Regeln erst einmal über Bord geworfen. Drei Jahre verbrachten Sie damit, herauszufinden, wie man ein schnell einsetzbares und autonomes Rechenzentrum unter Wasser betreiben könnte. Im Rahmen dieser – „Project Natick“ getauften – Unternehmung wurde im Juni 2018 ein zwölf Meter langer containergroßer Zylinder nahe den schottischen Orkney Inseln 35 Meter tief im Meer versenkt. Warum?

Letzte Arbeiten am Rechenzentrum, kurz bevor es vor den schottischen Orkney Inseln im Meer versenkt wurde. 
© Scott Eklund/Red Box Pictures

Letzte Arbeiten am Rechenzentrum, kurz bevor es vor den schottischen Orkney Inseln im Meer versenkt wurde. ©Scott Eklund/Red Box Pictures

Dafür hatten die Forscher gleich mehrere Gründe:

  • Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt weniger als 200 Kilometer von einer Küste entfernt. Wenn sich also die Rechenzentren im Meer und somit in der Nähe der Städte befinden, müssen Daten nur kurze Entfernungen zurücklegen, was die Internetverbindung schneller macht.

  • Das Rechenzentrum mit 864 Servern soll von der Kraft des Wassers profitieren, vor allem bei der Kühlung: Mit einem Wärmeaustauschverfahren, das auch bei U-Booten genutzt wird. Sie ist so wesentlich günstiger als an Land.

  • Bei den ersten Tests stellte sich laut Microsoft bereits heraus, dass sich das Rechenzentrum gut mit dem empfindlichen Ökosystem Ozean verträgt. So erhitze sich das Wasser in der Umgebung des Rechenzentrums nicht mehr als um ein Tausendstel Grad Celsius und ein paar Meter entfernt vom Tank würden die Geräusche bereits vom Schnappen einer Garnele übertönt.

  • Der Meeresboden bietet eine stabile und zuverlässige Umgebung für den Betrieb des Rechenzentrums. Die IT-Infrastruktur ist umgeben von trockenem Stickstoff – sie ist also keiner Korrosion durch Sauerstoff und Feuchtigkeit ausgesetzt. Deshalb müssen auch keine Menschen zur Reparatur vorbeikommen, die wiederum Temperaturschwankungen und Erschütterungen verursachen.

  • Die Nähe zu Offshore-Windparks oder Gezeitenkraftwerken kann die Versorgung mit erneuerbaren Energien sicherstellen.

Mitte 2020 wurde der Zylinder nach zwei Jahren in der Tiefe wieder aus dem Meer gehoben – dicht mit Seepocken, Algen und Seeanemonen bewachsen. Laut Microsoft war das Projekt erfolgreich: Die Ausfallrate sei achtmal geringer als an Land. Außerdem sei nun belegt: Unterwasser-Rechenzentren sind logistisch, ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll. Das Zukunftsszenario: Man könnten die „kleinen“ containergroßen Rechenzentren vorproduzieren und bei Bedarf mit LKW oder Schiffen dorthin bringen, wo sie gebraucht werden.

Visioverdis: Bäume, die an Wänden wachsen

Am 14. Mai 2020 hat der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn einen Garten in Stuttgart besichtigt. Klingt nicht nach einer kuriosen Innovation? Nur wenn man außer Acht lässt, dass sich der Garten mitten in der City am Rotebühlplatz an der Fassade eines Gebäudes befindet – und die Bäume waagrecht an der Hauswand wachsen. Außerdem ist der Garten 8,50 Meter lang, 3,50 Meter breit und hängt in zehn Metern Höhe.

Knick in der Linse? Nee. Der hängende Garten mit den Graviplant-Bäumen ist 50 Meter lang und 3,50 Meter breit und mittlerweile von der Uni Hohenheim an eine Fassade am Stuttgarter Rotebühlplatz  umgezogen
© Visioverdis GmbH

Knick in der Linse? Nee. Der hängende Garten mit den Graviplant-Bäumen am Stuttgarter Rotebühlplatz © Visioverdis GmbH

Die Idee stammt von Dr. Alina Schick: Sie ist Agrarwissenschaftlerin und Gravitationsbiologin und hat sich bereits 2009 mit der Schwerkraftwahrnehmung von Pflanzen beschäftigt: Damals drehte sie Pflanzen mit Hilfe von Waschmaschinenmotoren. 2017 gründete sie ihr Unternehmen Visioverdis mit dem ersten Produkt: GraviPlant. Kleine Bäume und Büsche können dank der Innovation horizontal an Fassaden wachsen.

Durch Rotation wachsen mehr Blätter

Durch die langsame Rotation der Pflanzen (0,1 bis 1,6 Umdrehungen pro Minuten) um ihre horizontale Achse wird deren Wahrnehmung von Licht und Schwerkraft verändert. Die Pflanzen hören dadurch fast vollständig auf, in die Länge zu wachsen. Laut Visioverdis begrünt sich die Pflanzenkrone dadurch bis ins Innerste und hat mehr Blätter. Das heißt, die Biomasse nimmt zu und die Photosynthese geschieht wesentlich effizienter. Die Fassaden sind mit LAN-, Wasser- und Stromleitungen verbunden und Sensoren steuern die automatische Bewässerung, Rotation und LED-Beleuchtung der Pflanzen.

Aber warum sollen Bäume quer wachsen?

Das Unternehmen sieht vor allem zwei wesentliche Effekte:

  • Gerade Großstädte mit wenig Grün kämpfen mit immer stärkerer Luftbelastung durch Feinstaub, Stickstoffoxide und Ozon: Da in den Städten kein Platz ist, Grünflächen zu schaffen, sind horizontale Bäume eine Möglichkeit, die Schadstoffbelastung zu reduzieren.

  • Die vertikalen Gärten sorgen zusätzlich für eine deutliche Kühlung von Gebäuden. Im Vergleich zu Klimaanlagen verursachen sie sogar geringere Energiekosten.

Laut Visioverdis gibt es bereits einige Anfragen von Firmen aus anderen Städten und aus dem Ausland.

Panda und Reh: Solarparks in Tierform

Solarparks sind zwar eine tolle Innovation, so richtig neu sind sie nicht. An zwei ganz unterschiedlichen Orten der Welt hat man sich nun aber eine ganz andere Form einfallen lassen: In China stehen Solarfarmen, die aus der Luft betrachtet riesige Pandabären formen, das Nationaltier des Landes.

In China gibt es bereits zwei Solarfarmen, die Pandas zeigen: Die erste Anlage in Datong, rund 300 Kilometer westlich von Peking, ging 2017 ans Netz und soll laut dem Betreiber Beijing Energy International Holdings eine Leistung von 100 Megawatt haben. Die zweite liefert 60 Megawatt und steht in Guigang, in der südlichen Provinz Guangxi an der Grenze zu Vietnam. Die dunkleren Stellen im Panda-Fell werden durch monokristalline Solarmodule geformt, Dünnschichtmodule bilden die helleren Fellteile. Weitere Panda-Anlagen sind geplant, auch auf den Fidschi-Inseln und den Philippinen.

In der polnischen Stadt Jelenia Gora (das heißt auf deutsch: Hirschberg) soll ein Solarpark entstehen, der ein Reh darstellt. Dadurch soll der Bezug zur nahe gelegenen Stadt hergestellt werden. Das Kraftwerk hat eine Leistung von zehn Megawatt, die die 30.000 schwarzen und blauen Solarmodule erzeugen sollen, die das Reh darstellen. Der um die neun Millionen Euro teure Bau soll rund 4.500 Haushalte versorgen.

Lesen Sie in Folge 2 der kuriosesten nachhaltigen Innovationen: Die futuristischen Supertrees in Singapur, riesige schwimmende Solarparks und Barcelonas Spielplätze auf Straßenkreuzungen.

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