Ist der Diesel etwa doch gar nicht so schlecht?

12.01.21 Warum der Diesel besser als sein Ruf ist – und trotzdem keine Zukunft hat Hans-Joachim Ziegler • 7 min.

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Zusammenfassung

Seit 2015 bekannt wurde, dass die Volkswagen AG die Abgaswerte ihrer Dieselmotoren illegal manipulierte, um gesetzliche Grenzwerte einzuhalten, gilt der Diesel bei vielen nicht mehr als Zukunftstechnologie. Umso mehr wird an anderen Stellen gegen den Trend angeschrieben. Dabei machte in den letzten Monaten vor allem die Nachricht Furore, die neuste Generation Dieselantrieb sei so sauber, dass in den Abgasen weniger Feinstaub zu finden sei als in der Umgebungsluft. Doch obwohl diese Aussage – mit einigen Einschränkungen – im Grunde richtig ist, wird sie kaum den Abschied vom Diesel abwenden können.

Selten wurde der Ruf einer Technologie in so kurzer Zeit so nachhaltig zunichte gemacht wie beim Dieselmotor. Wer heute an Diesel denkt, der denkt an den Dieselskandal: an hinterlistige Automobilkonzerne, hingehaltene Kläger und verpestete Luft. Tatsächlich war eine der wenigen positiven Folgen dieses teuren Kapitels der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte, dass sie „der Verkehrswende Rückenwind“ verlieh, wie Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, feststellt. In den Visionen der „Stadt von Morgen“ und der „Mobilität der Zukunft“ kommt der Diesel denn auch so gut wie nicht mehr vor. VW selbst setzt heute verstärkt auf E-Antrieb. Und in einer aktuellen Umfrage halten nur noch 22 Prozent der 18 bis 23-jährigen den Diesel für eine zukunftsweisende Antriebsart.

Das passt naturgemäß nicht allen. So hält zum Beispiel der ADAC den schlechten Ruf des Dieselmotors für nicht gerechtfertigt und wirbt dafür, auch weiterhin auf die Technologie zu setzen. Anderswo verweist man auf die Fortschritte, die auf diesem Gebiet auch weiterhin gemacht werden: auf „Spezialisten im Nordschwarzwald“, die den Wirkungsgrad und die Umweltverträglichkeit des Dieselmotors durch eine neue Zündmethode verbessert haben; auf die Möglichkeit, Diesel aus Speisefetten herzustellen; auf die neue Twindosing-Technologie, mit der VW den Diesel zum „Saubermann der Nation“ machen möchte.

Markus Köhne, Leiter der Dieselentwicklung bei VW, erzählte dem Stern erst im vergangenen Frühjahr: „Der Dieselmotor ist in der Volkswagen DNA. Er leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der CO2-Flottenverbrauchsziele und der EU-Klimaziele“. Nach Abschied klingt das nicht.

Der Mythos vom Diesel, der die Luft reinigt

Und dann geistert da noch eine Nachricht durch die Medien, die das Potenzial zu haben scheint, den Ruf des Diesels wieder rein zu waschen. Die Rede ist von der Behauptung, Dieselmotoren würden weniger Dreck ausstoßen, als sie einsaugen. Oder wie die Zeit schreibt: „Ein Dieselmotor, der beim Fahren die Luft reinigt.“

Diese unglaubliche These hat das Magazin „Auto, Motor und Sport“ im Herbst letzten Jahres einem gründlichen Test unterzogen. Dafür untersuchte die Zeitschrift zuerst die Feinstaub-Belastung in der Stuttgarter Luft und verglich diese dann mit den Werten im Abgas neuer Dieselmodelle. Die Ergebnisse sind tatsächlich verblüffend: Nicht nur sind die Feinstaubwerte im Dieselabgas vollkommen unabhängig von der Belastung in der Umgebungsluft. Wenn dichter Smog über der Stadt hängt, kann ein Diesel tatsächlich reinigend wirken: „An Tagen mit wenig Feinstaub in der Luft wirkt ein Diesel nur in äußerst günstigen Betriebszuständen wie ein Luftwäscher. An schmutzigen Tagen ist es jedoch umgekehrt: Fast immer profitiert die Luft vom Diesel.“

Einige Einschränkungen müssen hier gemacht werden. Erstens betrifft diese Feststellung nur die neuste Dieselgeneration. Alte Diesel sind genauso dreckig, wie man es ihnen nachsagt. Zweitens hängt die Reinigungskraft des Diesels vom Zustand des Motors ab. Richtig sauber wird die Luft nämlich nur, wenn der Motor noch kalt ist. Sobald er sich erhitzt, finden sich im Abgas mehr Feinstaubteilchen – wenn auch immer noch weniger als in der Luft über Stuttgarts Hauptverkehrsadern.

Nicht zuletzt muss betont werden, dass hier nur die Feinstaub-Emissionen gemessen werden, während Stickoxide und andere Abgase außen vorbleiben. Weil letztere von modernen Dieseln jedoch nur noch in recht geringen Mengen ausgestoßen werden und der Schaden, den Feinstaub in unseren Lungen anrichtet, ungleich größer ist, ist das eine durchaus zulässige Einschränkung. Insgesamt lässt sich also schon sagen, dass Dieselmotoren heute sauberer sind, als vielerorts gedacht wird.

So eine Nachricht ist natürlich Wasser auf die Mühlen all derer, die auch in Zukunft auf den Diesel setzen wollen. Die FAZ schließt ihren Artikel zum Thema sogar mit einer – wohl nicht ganz ernst gemeinten – Aussicht auf Tage mit Feinstaubalarm, an denen es heißt: „raus mit dem Euro-6-Feinstaubsauger aus der Garage, allgemeines Fahrgebot.“

Feiert der Diesel also bald sein Comeback?

Dass Diesel heute sauberer sind, ist ein Grund zur Freude. Dass sie deswegen auch langfristig die beste Wahl sind, heißt das aber nicht. Und das weiß auch die Industrie, die sich – ungeachtet aller positiven Entwicklungen – augenscheinlich immer mehr vom Dieselmotor verabschiedet. BMW, Jaguar und Range Rover stellen ihre leistungsstärksten Modelle ein. Und auch bei Mercedes und Opel dünnt sich das Angebot langsam aus.1

Im November dieses Jahres erklärte dann sogar der „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer den Diesel zum Auslaufmodell: Die Entwicklungskosten neuer Modelle würden sich nicht mehr rentieren, und aus Nachhaltigkeitsperspektive gebe es sowieso „deutlich bessere Alternativen.“ Als Indiz für seine These verweist Dudenhöffer auch auf bereits fallende Zahlen bei den Neuzulassungen. Die „letzte Bastion“ des Diesels seien „die dicken SUV, die großen Firmenwagen und die Steuervorteile etwa in Deutschland“, stellte er fest und prophezeite, dass die Technologie bald wieder vor allem bei Nutzfahrzeugen zum Einsatz kommen könnte.

Aber auch dort sieht es für den Diesel düster aus. So stellt aktuell eine Industrie-Allianz von Daimler, Scania, MAN und vier weiteren Lkw-Herstellern in Aussicht, ab 2040 keine Diesellaster mehr produzieren zu wollen. „Wir müssen uns so schnell wie möglich vom Verbrennungsmotor verabschieden" , kommentierte Henrik Henrikson, Scania-Chef und Vorstand der Nutzfahrzeugsparte im Verband der Europäischen Autoindustrie.

Allem Anschein nach ist der Dieselantrieb auf seinem Weg ins Abseits. Und das ist wahrscheinlich auch zum Besten. Denn ganz gleich, wie sauber die nächste oder übernächste Generation der Technologie auch arbeiten mag: So sauber wie Elektromotoren, die lokal gar keine Emissionen verursachen, werden sie nie sein.

Der Abschied vom Diesel löst nicht sämtliche Probleme

Was die Feinstaubbelastung angeht, werden wir allerdings auch dann noch ein Problem haben, wenn überhaupt nur noch E-Fahrzeuge unterwegs sind. Denn wie die Landesanstalt für Umwelt des Landes Baden-Württemberg herausgefunden hat, stammt nur ein einstelliger Prozentsatz des Feinstaubs in deutschen Städten aus Autoabgasen. Fast die Hälfte entsteht dagegen durch Reifenabrieb, Bremsen und aufgewirbelten Straßendreck.

Das ist dann auch das größte Problem mit der Nachricht vom Feinstaubsauger-Diesel: Was der Partikelfilter aus der Luft holt, wird von den Reifen wieder aufgewirbelt – und zwar doppelt und dreifach. Dieses Problem lösen natürlich auch E-Autos nicht. Durch die Rekuperation würde der Bremsenabrieb bei diesen zwar ein wenig reduziert werden. Im Großen und Ganzen bleibt die Luft in deutschen Städten jedoch auch nach der Verkehrswende schlecht.

Auf Dauer ist darum nur eine Maßnahme ein echter Garant für deutlich weniger Feinstaub in der Luft: deutlich weniger Autos auf den Straßen.

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