Die Welt zu retten kostet mehrere Milliarden. Aber nicht handeln wird noch teurer
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16.02.21 Was kostet es, die Welt zu retten? Autor*in: Thomas Schmidt • Lesedauer: 8 min.

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Zusammenfassung

Die kursierenden Milliarden- und Billionensummen für den Stopp des Klimawandels verstellen den Blick auf das Wesentliche: Der Umstieg auf klimaneutrales Wirtschaften kurbelt die Konjunktur an, ohne die meisten privaten Haushalte zu belasten.

„Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten“, sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Mag ja sein, aber wie viel genau? 300 Milliarden Dollar kostet der Stopp des Klimawandels, haben Forscher der Vereinten Nationen berechnet. Einige Jahre zuvor war der Weltklimarat auf 65 Milliarden Dollar gekommen. Und der Yale-Wissenschaftler William Nordhaus, der für seine Klimawandelmodelle den Nobelpreis erhielt, spricht von 1,75 Billionen Dollar, oder ausgeschrieben: 1.750.000.000.000. Eine Zahl mit sehr vielen Nullen – und leider sehr wenig Aussagekraft.

Solche Milliarden- und Billionensummen verleiten zu einem Denkfehler, der da lautet: „völlig unrealistisch, das schaffen wir nie.“ Als müsste dieses Geld irgendwo gestapelt werden, damit sich das mit dem Klima wieder einrenkt. Dabei könnte die Lösung lauten, das Geld zu investieren. Denn das Klima zu retten, kurbelt die Wirtschaft an.

Klima retten, Wirtschaft ankurbeln

Wie das ablaufen könnte, haben 200 Experten für die BDI-Studie „Klimapfade für Deutschland“ schon 2018 mal durchgerechnet. Ihr Resümee: Um den CO2-Ausstoß um 80 Prozent zu senken, müsste Deutschland bis 2050 rund 1,5 Billionen Euro investieren. Um den CO2-Ausstoß sogar um 95 Prozent zu drücken – wie bei der Pariser Klimakonferenz versprochen –, wären sogar 2,3 Billionen Euro an Investitionen nötig. Bedeutet im Klartext: 800 Milliarden Euro mehr müssten für die Treibhausgas-Reduktion von etwa 100 Millionen Tonnen aufgebracht werden. Das ist verdammt teuer. Und trotzdem würde das der deutschen Volkswirtschaft keineswegs schaden: Die Studienautoren sprechen von einer „schwarzen Null“ im Bruttoinlandsprodukt.

„Vier Fünftel der nötigen Maßnahmen zur Erreichung des 80-Prozent-Klimaziels sind mit direkten Vermeidungskosten verbunden“, sagt Dieter Kempf, Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie). Soll sagen: Zwar profitieren einzelne Sektoren wie Maschinenbau, Bau- und Dämmstoffindustrie von mehr Aufträgen, doch die Steuern auf den Kohlendioxid-Ausstoß – die „Vermeidungskosten“ – machen profitables Wirtschaften schwieriger. Parallel dazu spüren die Privathaushalte höhere Heiz- und Benzinkosten. Folgerichtig wird die im Januar 2021 in Deutschland eingeführte CO2-Steuer sozial abgepuffert.

Einschränkungen für Bürger? Null

Das hält möglichen Unmut über die neue Steuer in Grenzen – nötig wäre es nicht. Das behauptet zumindest die aktuelle McKinsey-Studie „Net-Zero Europe“, in der die gesamte Europäische Union (EU) beleuchtet wird. Ihr Resümee: Unter dem Strich wird ein durchschnittlicher Haushalt in einer klimaneutralen Europäischen Union im Jahr 2050 eher weniger Geld für Lebenshaltungskosten ausgeben als heute, draufzahlen müssten vor allem Wohlhabende. Der Arbeitsmarkt profitiert vom Umbau, sagen die Unternehmensberater: „Während zwar sechs Millionen Jobs verloren gingen, entstünden in Zukunftsbranchen elf Millionen neue Arbeitsplätze.“ Setzt Nordeuropa verstärkt auf Wind- und Südeuropa auf Solarenergie, könnte die EU laut „Net-Zero Europe“ bereits in den 2040er Jahren klimaneutral werden.

Bemerkenswert an der Studie: An den Lebensgewohnheiten der EU-Bürger muss sich eigentlich nichts ändern. Sie können auf demselben Niveau konsumieren, Auto fahren, heizen und sogar weitgehend speisen wie heute.

Der wirksame Hebel: die CO2-Steuer

Welcher Hebel zu einem Umsteuern in Unternehmen (und Privathaushalten) sorgt, darüber sind sich Forscher und Politiker weitgehend einig: die Besteuerung von Kohlendioxid-Ausstoß. In Deutschland liegt diese CO2-Steuer derzeit bei 25 Euro pro Tonne Kohlendioxid und damit nach Ansicht von Wissenschaftlern viel zu niedrig. Um den Klimawandel aufzuhalten, ist laut Martin C. Hänsel vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – der Modelle von Nobelpreisträger William Nordhaus weiterentwickelt hat – eine Summe von „mindestens 100 Dollar pro Tonne“ notwendig.

Skandinavische Verhältnisse also. In Schweden gibt es seit drei Jahrzehnten eine CO2-Steuer, die (umgerechnet) von anfangs nicht einmal 30 Euro auf derzeit 115 Euro pro Tonne Kohlendioxid gewachsen ist. Und das ohne Unmut, Groll und Widerstände. Wie das möglich ist? Weil die Einführung der CO2-Steuer mit einer Steuerreform einherging, bei der die Lohnsteuer gesenkt und Abgaben wie Erbschaft- und Vermögensteuern ganz gestrichen wurden, um erhöhte Benzin- und Energiekosten auszugleichen. Am Ende stehen dadurch alle ungefähr bei plus minus null da.

Was andere Staaten von Schweden außerdem lernen können, fasst Thomas Sterner, Professor für Umweltwirtschaft an der Universität Göteborg, in drei Punkten zusammen: „Eine solche Steuer muss langsam eingeführt werden, aber bestimmt. Man muss den Leuten genau erklären, warum. Und mit den Einnahmen muss Sinnvolles gemacht werden.“ In Schweden wurde beispielsweise das Fernwärmenetz konsequent ausgebaut, überall im Land entstanden neue Wärmekraftwerke. Die Schadstoffemissionen sanken seit der Einführung der CO2-Steuer um mehr als 25 Prozent, obwohl sich die Wirtschaftsleistung Schwedens fast verdoppelte – Indiz dafür, dass Wachstum und Klimaschutz sehr wohl vereinbar sind.

Klimawandel: Nichtstun kommt teurer

Nobelpreisträger Nordhaus komprimiert das Problem, die Kosten des Klimawandels zu beziffern, auf zwei nullen-befreite Zahlen: 2 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) kostet es, den Klimawandel aufzuhalten – während er die Folgen des Klimawandels auf 5 Prozent des BIP beziffert. Nichtstun kommt teurer.

Das Problem sind nicht die Kosten, sondern die Zeit. Sie läuft uns davon, Um den Klimawandel zu stoppen, müssen wir uns beeilen, forderte bereits 2007 hat der Klimarat der Vereinten Nationen. Seitdem sind viele Absichtserklärungen hinzugekommen. So allmählich sollten wir mal anfangen mit dem Beeilen.

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