11.08.20 #Anthropause: Sind die Delphine wirklich zurück? Hans-Joachim Ziegler • 7 min.

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Zusammenfassung

Der globale Corona-Lockdown in der ersten Jahreshälfte hatte positive Auswirkungen auf Umwelt, Luftqualität und CO2-Emissionen. Diese Effekte sind jedoch vorübergehend und tragen langfristig gesehen kaum etwas dazu bei, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten – es sei denn, wir nehmen sie zum Anlass für ein globales Umdenken.

Es schien nicht viel zu geben, über das man sich in der ersten Hälfte des Jahres 2020 freuen konnte. Während wir uns in unseren Wohnungen und Häusern versteckten, ergriff die Corona-Pandemie nach und nach immer mehr Teile der Welt. Die Nachrichten wurden dominiert von Infektionsstatistiken, Aufnahmen aus teilweise überfüllten Krankenhäusern und düsteren Prognosen für die Weltwirtschaft.

Nur verständlich also, dass viele Menschen nach Möglichkeiten suchten, der Pandemie auch etwas Positives abzugewinnen. Wenn wir nicht mehr zur Arbeit fahren, in den Urlaub fliegen oder in unseren Unternehmen arbeiten konnten – so dachten viele – dann musste doch zumindest die Natur davon einen Nutzen haben. Und tatsächlich machten bald Meldungen die Runde, die eine Art postapokalyptisches Paradies zeichneten, in der Flora und Fauna sich die Erde in unserer Abwesenheit zurückeroberten.

„Nature is healing“

Die ersten, die ihre neu gewonnene Freiheit zu nutzen schienen, waren Delfine. Zuerst wurden die Tiere vor Sardinien gesichtet, einen Monat später dann am Bosporus. Bald spazierten Wildschweine durch Barcelona, Ziegen durch die walisische Stadt Llandudno. An vielen Orten auf der Welt stieg zudem die Luftqualität. In Los Angeles verzog sich der Smog, von Indien aus blickte man zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf die Gipfel der Himalajas. Dass der Himmel über Wuhan, wo das Virus zuerst wütete, auf einmal viel klarer war, konnte man sogar aus dem Weltall beobachten. Und auch wenn man in deutschen Städten vor die Tür trat, um Hamstereinkäufe zu erledigen oder mit dem Hund zu gehen, atmete man objektiv bessere Luft. Wahnsinn, wie schnell die Natur sich erholt!

An diesem Eindruck konnte auch nichts mehr ändern, dass sich einige der beliebtesten Tier-News bald als fake herausstellten: Schwäne kehrten nicht nach Venedig zurück, keine Elefanten lagen glücklich betrunken in verlassenen indischen Teefeldern. Und auch, dass die vielen „Nature is healing“-Posts binnen weniger Tage von ironischen Memes abgelöst wurden, in denen zum Beispiel eine Herde Elektroroller ungestört im Parkteich badeten, konnte uns nicht von der Vorstellung befreien, dass die vielen Nachteile der Corona-Pandemie zu einem gewissen Grad durch eine aufblühende Natur ausgeglichen wurden.

Kurz durchatmen – und dann einfach weiter so?

Und dies nicht ganz zu Unrecht. Tatsächlich sank die globale CO2-Produktion zwischenzeitlich um ganze 17 Prozent, in einigen Ländern sogar um über ein Viertel. Wissenschaftler gaben der Verringerung des menschlichen Einflusses auf die Welt bald einen offiziellen Namen – Anthropause. Doch während sie damit einerseits offiziell bestätigten, dass die gefühlten ökologischen Auswirkungen der Pandemie-Maßnahmen tatsächlich real waren, ließ dieser Begriff auch erahnen, dass dies keine nachhaltigen Effekte waren. Nach Abebben der Pandemie würden Verkehrsaufkommen und wirtschaftliche Aktivität wieder ansteigen, und mit ihnen die CO2-Produktion.

Welche Auswirkungen auf Wirtschaft, Energiewende und Klimaziele die Corona-Pandemie langfristig haben könnte und welche Weichen heute schon dafür gestellt werden, behandelt dieses Medium an anderer Stelle ausführlich. Eine Sache ist jedoch jetzt schon offensichtlich: Die Anthropause selbst wird uns nicht vor dem Klimawandel bewahren.

Das liegt erstens daran, dass wir in den letzten Monaten zwar weniger CO2 produziert haben als in den Jahren zuvor, allerdings immer noch deutlich mehr als in derselben Zeit in der Atmosphäre abgebaut werden konnte. Soll heißen: Der CO2-Anteil in der Luft ist zuletzt zwar weniger stark gestiegen. Gestiegen ist er jedoch weiterhin – und damit verstärkt sich auch 2020 der Treibhauseffekt. Damit der Kohlendioxid-Anteil in der Luft wirklich sinkt, müssten die globalen Emissionen langfristig um mindestens ein Viertel zurückgehen. Mit anderen Worten: Auch wenn wir ab jetzt jedes Jahr ein paar Monate in den Lockdown gingen, reichte das nicht aus, um den Klimawandel zu stoppen.

Gleichzeitig deutet heute erstmal wenig darauf hin, dass sich schädliche Emissionen nach der Krise auf einem niedrigeren Niveau einpendeln. Eine Studie des Centre for Research on Energy and Clean Air ergab zum Beispiel, dass die Luftverschmutzung in China schon Anfang Mai wieder das Vorjahreslevel überschritten hatte. Und auch für die Luftqualität in deutschen Städten sagt das Umweltbundesamt eine Rückkehr zu den alten Werten voraus, sobald sämtliche Corona-Maßnahmen wieder zurückgenommen wurden.

Eine Chance für die Wende

Unmittelbare, langfristige Effekte des Lockdowns auf Klima und Umwelt sind also nicht zu erwarten. Gleichzeitig muss das nicht heißen, dass die Pandemie kein Wendepunkt für den Klimawandel sein kann – wenn wir sie denn dazu nutzen. So können wir zum Beispiel Lehren aus der Corona-Krise ziehen, die uns auch beim Umgang mit der Klimakrise behilflich sein können: Wozu ist die Politik im Notfall fähig? Zu welchen Opfern ist die Bevölkerung im Notfall bereit? Und welche Faktoren haben den größten Effekt auf die Emissionswerte?

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg jedenfalls sieht in der politischen Reaktion auf Covid-19 schon eine Blaupause für die Art und Weise, wie wir auch die Klimakrise in den Griff bekommen könnten – wenn wir sie nur genauso entschlossen angehen würden wie den Kampf gegen das Virus.

Und hier hat uns die Pandemie doch noch ein kleines Geschenk gemacht. Sie hat uns nämlich einen Ausblick darauf verschafft, wie schön eine gesündere, saubere Welt aussehen kann. Mit diesen Bildern vor Augen schreitet es sich jetzt vielleicht leichter voran – in eine Zukunft mit sauberer Luft und Delfinen vor allen Küsten.

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