23.04.20 Emissionshandel: CO2 einsparen, wo es am günstigen ist Hans-Joachim Ziegler • 6 min.

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Zusammenfassung

Die EU war der weltweit erste Staatenbund, der einen grenzüberschreitenden Emissionshandel zum Grundpfeiler seiner Klimapolitik machte. Was war die Idee dahinter? Welche Erfahrungen hat man damit gemacht? Und wie kann dieses Instrument in Zukunft dabei helfen, die Erderwärmung zu stoppen? Ein Überblick.

Mit dem Kyoto-Protokoll einigten sich 1997 erstmals viele wichtige Industrienationen auf verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen. Gleichzeitig wurden Anreize gegeben, mit welchen Mitteln diese Ziele erreicht werden könnten. Dabei waren es allen voran die USA, welche die Idee eines internationalen Emissionshandels vorantrieben. Vorreiter bei der Umsetzung war jedoch jemand anderes: 2003 beschloss die EU den ersten grenzüberschreitenden Emissionshandel.  

Bis heute ist das EU ETS (European Union Emissions Trading Scheme) der größte Markt seiner Art. Er umfasst über 11.000 Anlagen aus dem Energiesektor und der Großindustrie – von der Eisen- und Stahlverhüttung bis hin zur chemischen Industrie. Seit 2012 gehört auch der europäische Luftverkehr dazu. Insgesamt betrifft der ETS etwa 45 Prozent der europäischen Treibhausgas-Emission und damit rund fünf Prozent des globalen Ausstoßes.  

Die Idee ist erstmal recht simpel 

Da der Kampf gegen die Erderwärmung ein globaler ist, spielt es letztendlich keine Rolle, wo Treibhausgase eingespart werden, solange der Ausstoß insgesamt sinkt. Das Prinzip des Emissionshandels ist, Emissionen gerade dort einzusparen, wo dies am kostengünstigsten möglich ist. 

Hierbei sind große Energie-, Industrie- und Luftfahrtunternehmen verpflichtet, für jede Tonne Treibhausgas, die sie im Laufe eines Jahres ausstoßen, ein entsprechendes Zertifikat vorzulegen. Weil die Menge der insgesamt verfügbaren Zertifikate begrenzt ist, entsteht ein Markt, in dem der Preis der Zertifikate von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Unternehmen stehen damit jederzeit vor einer Entscheidung: Entweder sie investieren in einen klimafreundlicheren Betrieb ihrer Anlagen und müssen darum künftig weniger Geld für Zertifikate ausgeben. Oder sie stoßen unverändert weiter aus und kaufen dafür Zertifikate von anderen Unternehmen.   

Der Reiz dieser Methode ist, dass man durch die Begrenzung der Zertifikate jederzeit weiß, wie viel Treibhausgas insgesamt maximal ausgestoßen wird. Eine Reduzierung erscheint daher planbar und durch eine schrittweise Anpassung der Obergrenze vergleichsweise leicht umzusetzen.  

Die Methode hat jedoch auch Grenzen 

Unternehmen, die dem ETS unterworfen sind, messen ihren Ausstoß selbst und lassen ihn von unabhängigen Instanzen beglaubigen. Dies war lange vor allem für große Unternehmen möglich. Aus unter anderem diesem Grund werden der Transportsektor und private Haushalte vom ETS nicht erfasst. Zudem muss sichergestellt werden, dass die europäische Industrie durch die zusätzlichen Kosten nicht im globalen Wettbewerb benachteiligt wird. Darum erhalten Unternehmen, die gegen eine globale Konkurrenz antreten müssen, einen Großteil ihrer Zertifikate kostenlos.  

Als der EU-Emissionshandel 2005 an den Start ging, wurden zunächst sogar alle Zertifikate kostenlos vergeben, wobei sich der Anteil eines Unternehmens aus seiner vorjährigen CO2-Emissionen berechnete. Als dann in der Folge der Wirtschaftskrise 2008-09 viele Unternehmen ihre Produktion – und damit ihren Treibhausgas-Ausstoß – zurückfuhren, wurden dennoch weiter unvermindert Zertifikate ausgegeben. Die Folge war ein rapider Preisverfall. 

Dazu kam, dass Unternehmen nun Zertifikate erstehen konnten, indem sie klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern finanzierten. Wofür diese Kompensationszahlungen im Einzelfall verwendet wurden und welchen Effekt sie auf die Umwelt hatten, war oft schwer nachvollziehbar. Offensichtlich wurde dagegen bald, dass diese Regelung es Unternehmen leicht machte, für wenig Geld Zertifikate anzuhäufen.  

All das führte dazu, dass der Preis für den Ausstoß einer Tonne CO2 bis 2013 auf unter drei Euro sank. Solange Zertifikate so günstig waren, würden sie kein europäisches Unternehmen dazu bewegen, in klimafreundlichere Technologie zu investieren.  

Der Emissionshandel musste umgestaltet werden 

Ab 2013 änderten sich darum drei entscheidende Dinge: Erstens waren es jetzt nicht mehr die einzelnen Länder, die Zertifikate ausgaben, sondern die EU selbst. Die maximalen CO2-Emissionen aller betroffenen Industrien wurden dabei auf 2,08 Milliarden Tonnen begrenzt und sollte jährlich um 1,7 Prozent sinken, ab 2021 dann um 2,2 Prozent.  

Zweitens wurde ein wachsender Teil der Zertifikate jetzt versteigert, statt kostenlos ausgegeben zu werden. Stromerzeuger müssen seit 2013 alle ihre Zertifikate am Markt erwerben. Und schließlich wurde die Möglichkeit zur CO2-Kompensation in Entwicklungsländern stark eingeschränkt, beziehungsweise ganz abgeschafft. Die Anzahl der im Umlauf befindlichen Zertifikate wurde gleichzeitig durch mehrere Maßnahmen nach unten korrigiert. 

Heute ist der Emissionshandel aus der EU Klimapolitik nicht mehr wegzudenken 

Der Preis für eine Tonne CO2 liegt seit Ende 2018 zwischen 20 und 30 Euro. Dadurch hat der Emissionshandel einen maßgeblichen Anteil an den Kosten der Stromerzeugung mit fossilen Brennstoffen. Mit anderen Worten: Das EU ETS wird seiner intendierten Funktion als Treiber von grünen Energien, nachhaltigen Produktionsweisen und Innovation heute gerecht.  

Fliegen ohne Reue

Damit leistet es einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der europäischen Klimaziele. Um 40 Prozent soll die Produktion von Treibhausgasen bis 2030 im Vergleich zu 1990 gedrosselt werden. Dafür reduzieren die Unternehmen, die beim Emissionshandel mitmachen, ihren Ausstoß um ganze 43 Prozent, während der Rest – darunter private Haushalte – nur 30 Prozent zurückfahren muss.  

Wir sind noch nicht am Ziel 

Auch wenn der EU ETS also dabei hilft, die Klimaziele zu erreichen, stellt sich doch weiterhin die Frage: Sind diese Ziele hoch genug angesetzt? Der Ende 2019 vorgestellte „Green Deal“ der Europäischen Kommission sieht vor, den EU-weiten CO2-Ausstoß bis 2030 nicht mehr um 40, sondern um 50 oder sogar 55 Prozent zu drosseln. Diese Werte sind mit den aktuell vereinbarten Obergrenzen nicht zu erreichen.  

Aber auch Verkehr, Landwirtschaft und private Haushalte, die momentan nicht von der im Emissionshandel festgelegten Grenze betroffen sind, müssen ihren Teil zu einer klimafreundlicheren Zukunft beitragen. Eine Erweiterung des Emissionshandels kann hier sinnvoll sein. Akut im Gespräch ist bereits die Inklusion großer Frachtschiffe.  

Bei allen Vorteilen, die der EU-Emissionshandel also mit sich bringt, darf er immer nur als ein Instrument unter vielen gesehen werden, die dabei helfen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Eine ergänzende Steuer auf CO2, wie sie 15 EU-Länder bereits eingeführt haben (zu denen sich demnächst auch Deutschland hinzugesellen wird), kann hier ein sinnvoller, weiterer Baustein sein. Und natürlich gilt das auch für die Eigenverantwortung jedes Einzelnen, CO2 einzusparen, wo es möglich ist. Denn um das Klima zu schützen, braucht es die Kooperation aller Kräfte.  

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