22.05.20 Das grüne Jahrhundert Dariush Jones • 5 min.

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Zusammenfassung

Für den französischen Philosophen Régis Debray war das 20. Jahrhundert rot: die Rote Armee Fraktion, die Roten Khmer und die sozialdemokratische Parteifarbe weltweit. Es war gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital, Kolonie und Kolonialmacht, unterdrückten Minderheiten und eingeigelter Mehrheit. Das neue Jahrhundert dagegen sei grün: „Das Ziel ist nicht mehr eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung, sondern vielmehr eine kohlenstoffarme Gesellschaft ohne Umweltverschmutzung. Der Hauptfeind ist nicht mehr der Eigentümer der Fabrik, sondern deren Emissionen“ (19). Diesen Wandel hält Debray zwar für unabdingbar, befürchtet aber auch, dass er zu neuen Formen der Intoleranz und Unterdrückung führen könnte.

Auf dem Klimagipfel 2019, der am 23. September im UN-Hauptquartier in New York stattfand, präsentierten mehr als 60 Staats- und Regierungschefs – darunter Angela Merkel, Boris Johnson und Emmanuel Macron – Fährpläne, wie ihre Länder bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden können. Die erste Rednerin war jedoch die Klimaaktivistin Greta Thunberg, die kein Blatt vor den Mund nahm: „Es sterben Menschen. Ganze Ökosysteme brechen zusammen... Und alles, worüber ihr reden könnt, ist Geld und die Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Wie könnt Ihr es wagen!“ Sie schloss ihren vierminütigen Tadel mit einer Warnung: „Alle kommenden Generationen haben Euch im Blick, und wenn Ihr Euch entscheidet, uns im Stich zu lassen, dann sage ich: Wir werden Euch das niemals verzeihen. Hier und jetzt ziehen wir die Linie. Die Welt wacht auf, und es wird Veränderungen geben, ob Ihr wollt oder nicht.“

In „Le siècle vert: un changement de civilisation“ (Gallimard, 2020) schreibt Debray, dass dieser Generationenkonflikt symptomatisch ist für einen Paradigmenwechsel, wie wir uns selbst, den Planeten und unsere Rolle auf ihm sehen: „Die Zukunft klagt die Vergangenheit an, ... weil die Menschen von morgen vielleicht nicht wissen werden, was ein Schneemann ist oder eine natürliche Trinkwasserquelle oder ein naturbelassener Strand.“ (2) Die Ära, aus der wir hervorgehen – die der „Märchen des ewigen Wirtschaftswachstums“ – stellte Dynamik über Stillstand, Geschwindigkeit über Langsamkeit, Innovation über Stagnation. Dies sei, so Debray, bestenfalls unverantwortlich, schlimmstenfalls pyromanisch und potenziell selbstzerstörerisch.

Verletzlichkeit führt zur Brüderlichkeit – und zur Weiblichkeit?

In seinen Texten über die Gefahr, die Technologie für die Menschheit darstellt, zitierte Martin Heidegger gern zwei Verse aus dem Gedicht Patmos von Friedrich Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst/Das Rettende auch.“ Heidegger glaubte, das Durchdenken des wahren Wesens der Technologie verändere die eigene Einstellung zu ihr. Es sporne Menschen zu Handeln an, welches sie selbst und den Planeten vor den negativen Auswirkungen der Technologie bewahrt. Debray argumentiert ähnlich, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Die Einsicht in planetare Gefahren ist für ihn nicht das Ergebnis eines Denkprozesses, sondern eines Gefühls: Angst. Die Angst vor Unwetter, Überschwemmungen und Dürren erzeugt demnach die nötige Einstellung, um gegenzusteuern: „Die Raubtiere finden sich nun in einer prekären und verwundbaren Lage wieder. Dieses Gefühl der Verletzlichkeit wird uns brüderlicher und verantwortungsvoller machen“ (10).

Angst ordnet auch die Geschlechterverhältnisse neu: die westliche Welt wird Debray zufolge immer weiblicher. Dass derzeit Frauen an der Spitze des Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank sowie der Regierungen von Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Island und Norwegen stehen, sei nicht nur die Folge einer zunehmenden Geschlechtergerechtigkeit. Es spiegele auch den Übergang des Westens von der Ressourcenausbeutung hin zur planetaren Fürsorge wider: Vom Konflikt zur Kooperation, vom Konsum zur Konservierung, kurz, zu einer Welt, in der „die Fahrradspur Vorrang hat, die Luft rein ist, die Körper schlank, die Finanzberichterstattung transparent und die Gewerkschaften kooperativ“ (25). Klischeehafte Vorstellungen von Geschlechterrollen hin oder her, Debray hält die von ihm als Feminisierung bezeichnete Entwicklung für wünschenswert: „Die zunehmende Weiblichkeit der Gesellschaft ist eine bisher unterschätzte Immunabwehr gegen das Virilitätsvirus... Männerherrschaft und die Zerstörung der Natur gehen Hand in Hand. Das eine ist ohne das andere nicht möglich“ (16-17).

Die neue Weltreligion

Mit dem Paradigmenwechsel zur planetaren Fürsorge entsteht laut Debray sogar eine neue Religion. Nicht im Sinne einer neuen Kirche, sondern im weiter gefassten Sinne des lateinischen religare: verbinden, aneinanderbinden. Zu den bisherigen Religionen, welche die Menschen verbunden haben – „die Moral der Truppen aufrechterhielten und das richtige Verhalten diktierten“ – gehören der Szientismus, Positivismus, Progressivismus, Liberalismus, Kommunismus und Kapitalismus (29). Die Religion des grünen Jahrhunderts sei der Klimato-Ökologismus. In ihm werden alle Fragen nach ihren Auswirkungen auf das Klima und die natürlichen Lebensräume bewertet. Die maßgebliche Wissenschaft für das Verständnis der der Gesellschaft ist dann nicht mehr die Wirtschaftswissenschaft (Smith, Marx, Keynes), sondern die Klimatologie. Das Narrativ erzählt nicht mehr von Fortschritt, sondern von einem Wendepunkt – einem Punkt ohne Wiederkehr, ab dem der Planet nicht mehr derselbe sein kann (32). Beispielhaft hierfür ist das im Jahr 2015 veröffentlichte Buch „End Game: Tipping Point for Plant Earth?“ von Anthony Barnovsky und Elizabeth Hadly.

Von der Demokratie zur Biokratie?

Debray weist mit leichtem Spott auf die vielen Parallelen der neuen Religion zu organisierten Religionen hin. Der Klimato-Ökologismus hat Synoden (UN-Klimakonferenzen), strenge Doktrinäre (Veganer), schwache Gläubige (Vegetarier, die einem gelegentlichen Burger nicht widerstehen können), Ketzer (Klimaskeptiker), Prozessionen („Fridays for Future“-Märsche), Propheten des Weltuntergangs (Greta Thunberg) und Propheten der Hoffnung (Bill Gates) (30-31).

Trotz der Witzelei ist Debray fest davon überzeugt, dass der Klimato-Ökologismus für das Überleben des Menschen notwendig ist. Allerdings sorgt er sich, ob die neue Religion tolerant sein wird. Werden ihre Tugenden – wie die aller -ismen – bald auf die Spitze getrieben und sich so in Untugenden verwandeln? Wird die Demokratie eines Tages von der Biokratie abgelöst, einem autoritären Regime, das im Namen eines neuen souveränen Gutes – der Gesundheit des Planeten – die Freiheiten einschränkt und bestimmte Verhaltensweisen erzwingt? (42). Das Buch wurde vor COVID-19 geschrieben, aber es liegt nahe, dass Debray die Lockdown-Restriktionen als Vorzeichen einer Virokratie gedeutet hätte.

Die westlichen Gesellschaften – abgesehen von einer gewissen Intoleranz gegenüber politisch inkorrekten Meinungen zum Klimawandel – scheinen noch weit von dem entfernt zu sein, was Debray als „Khmer vert“ bezeichnet, einem autokratischen, repressiven „Klimatisten“-Regime. Aber so wie die „kommenden Generationen“ führende Politiker der Welt „im Blick haben“, um sicherzustellen, dass wirklich Maßnahmen zur Verlangsamung des Klimawandels ergriffen werden, schlägt Debray vor, die neue Religion des grünen Jahrhunderts im Blick zu behalten, um sicherzustellen, dass ihr lobenswerter Eifer zum Schutz des Planeten nicht dazu führt, dass Menschenrechte vernachlässigt werden: „Grün steht nicht immer für Freundlichkeit, Rot nicht immer für Blut“ (41).

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