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15.10.21 Die Big Five beim Klimaschutz Autor*in: Jost Burger • Credits: Getty Images/Visual China Group • Lesedauer: 6 min.

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Zusammenfassung

Diskussionen über den Klimawandel sind oft auf unsere nationale Sicht verengt. Darum lohnt sich der Blick auf die fünf wirklich großen Emittenten: China, die USA, die EU, Indien und Russland. Wir analysieren ihre Klimaziele und erklären, wie sie erreicht werden sollen.

Ende Oktober findet in Rom der G20-Gipfel statt. Das Treffen der 20 größten Volkswirtschaften dient in diesem Jahr auch der Vorbereitung der 26. jährlichen Weltklimakonferenz (COP26) im schottischen Glasgow, wo Vertreter von mehr als 190 Staaten erwartet werden. Das ursprünglich für 2020 geplante Treffen wurde pandemiebedingt abgesagt – umso größer sind nun die Erwartungen an die COP26.

Das diesjährige Treffen in Glasgow ist besonders wichtig, weil die Teilnehmer sich beim Pariser Klimagipfel von 2015 verpflichtet hatten, alle fünf Jahre neue nationale Klimaziele vorzulegen. Dieser Zeitpunkt ist jetzt gekommen.

Im Folgenden haben wir darum eine Übersicht über die aktuelle Klimapolitik der weltweit fünf größten Kohlendioxid-Verursacher (sortiert nach den Emissionen) zusammengestellt. Maßstab sind die reinen CO2-Emissionen, die den Großteil der gesamten Treibhausgasemissionen ausmachen und deshalb eine hohe Aussagekraft für einen Vergleich haben. Zudem sind sie am einfachsten zu erfassen, sodass aktuelle Daten schnell zur Verfügung stehen – auch für das Pandemiejahr 2020, das wir in unsere Betrachtung miteinbezogen haben.

Für den Vergleich der CO2-Emissionen von Russland, China, Indien und den USA haben wir Zahlen des Forschungs- und Beratungsunternehmens Enerdata zugrunde gelegt, für die EU Zahlen von Eurostat.

Platz fünf: Russland

Russland gilt als klassisches Rohstoffland und gehört zu den größten Produzenten und Exporteuren von Erdgas, Öl und Kohle. Daran soll sich nach dem Willen der Regierung auch nichts ändern – im Gegenteil: Sie will die Gasförderung bis 2035 um ein Drittel auf über 1.000 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigern. Ein Teil davon wird im Land selbst verbraucht, das gut 85 Prozent seines Primärenergieverbrauchs aus fossilen Quellen deckt. Ihre Bedeutung schlägt sich auch in den Emissionszahlen nieder: 2020 emittierte das Land 1.619 Millionen Tonnen CO2, was einem Pro-Kopf-Ausstoß von 11 Tonnen entspricht.

Das Wirtschaftsmodell Russlands als Exporteur fossiler Energieträger könnte allerdings ins Wanken geraten – zumindest beim Handel mit der EU, die 2020 von dort Öl, Ölprodukte und Erdgas im Wert von rund 60 Milliarden Euro bezogen hat. Denn die Europäische Union plant eine CO2-Grenzsteuer, die auf Kohlendioxid-intensive Güter anfallen soll. Dazu gehören auch fossile Brennstoffe.

Russland möchte deshalb im kommenden Jahr den Handel mit CO2-Emissionszertifikaten aufnehmen. So will man Anreize für die Energiewirtschaft schaffen, ihre Produktion klimafreundlicher zu gestalten, was wiederum zu weniger Kohlendioxid-Steuern auf EU-Exporte führen würde. Große Energiekonzerne wollen ihre CO2-Bilanz außerdem durch die Modernisierung ihrer Kraftwerke verbessern. Der russische Energieversorger EN+ etwa will so bis 2030 seine Emissionen um 30 Prozent im Vergleich zu 2014 senken.

Und die Klimaziele? Auch Russland hat sich 2015 in Paris zur Reduktion seiner Emissionen verpflichtet. Im Juni dieses Jahres verabschiedete die Staatsduma ein Gesetz zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen. Der Schadstoffausstoß soll bis 2030 auf 70 Prozent der Emissionen von 1990 sinken. Dieses Ziel erfüllt Russland allerdings schon heute, da der Ausstoß 1990 bei mehr als drei Milliarden Tonnen lag.

Im Oktober will die Regierung eine „Entwicklungsstrategie zur Senkung der CO2-Emissionen bis 2050“ vorlegen. Bislang ist dazu nur wenig Konkretes bekannt, etwa zur Rolle der erneuerbaren Energien. Starkes Wachstum ist im Atomsektor geplant: Präsident Putin verfügte in diesem Jahr, dass die Kernkraft bis 2045 25 Prozent zur Stromerzeugung beitragen solle. Bislang sind es 20 Prozent. Experten gehen davon aus, dass dafür der Bau von 24 neuen Kraftwerkseinheiten nötig sei – auch um auslaufende Altanlagen zu ersetzen.

Platz vier: Indien

Indien nimmt eine Sonderrolle ein. Einerseits war das Land 2020 der viertgrößte Emittent von Kohlendioxid: 2.191 Millionen Tonnen CO2 gab es in die Atmosphäre ab. Andererseits lag der Pro-Kopf-Ausstoß bei nur 1,5 Tonnen. Selbst 2019 (vor Corona) kam Indien mit 1,9 Tonnen hier nur auf Rang 103 von 181 Ländern.

Grund für den hohen Gesamtausstoß ist die große Bevölkerung des Subkontinents, die zurzeit rund 1,4 Milliarden Menschen zählt. Und dabei soll es nicht bleiben: Die Vereinten Nationen schätzen, dass Indien ab 2027 das bevölkerungsreichste Land der Welt sein und 2050 mehr als 1,6 Milliarden Einwohner haben wird.

Zum steigenden Ausstoß von Treibhausgasen trägt auch das hohe Wirtschaftswachstum des in weiten Teilen noch wenig industrialisierten Landes bei. Nach einem starken Einbruch 2020 soll die Wirtschaft 2021 laut Internationalem Währungsfonds zunächst stark um gut zwölf Prozent wachsen. Danach werden Raten zwischen fünf und sieben Prozent pro Jahr erwartet. Das dürfte zunächst mit zunehmenden CO2-Emissionen einhergehen, weil der indische Energiemix vor allem auf fossilen Energieträgern beruht. 2020 wurden über 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs aus ihnen bestritten.


Dennoch gehört Indien zu den Ländern, die ihre Klimaziele aus dem Pariser Abkommen wohl einhalten werden. Sie sehen vor, die CO2-Emissionen je produzierter Einheit des Bruttoinlandsprodukts bis 2035 gegenüber 2005 um 33 bis 35 Prozent zu senken. 2019 war bereits eine Reduktion um 21 Prozent erreicht.

Klar ist: Die CO2-Emissionen Indiens sind an das rasante Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum gebunden. Doch Indien ist in einer guten Ausgangsposition für eine in vielen Bereichen dekarbonisierte Wirtschaft – wenn es dem Land gelingt, sein Wachstum künftig auf klimafreundlichen Technologien aufzubauen.

Platz drei: EU


Außer Frage steht, dass die EU eine wichtige Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel spielt – immerhin belegt sie Platz drei bei den weltweiten CO2-Emissionen. Sie lagen 2019 bei 3.054 Millionen Tonnen. Für 2020 geht Eurostat von einem pandemiebedingten Rückgang um zehn Prozent auf 2.748 Millionen Tonnen aus. Der Pro-Kopf-Ausstoß lag 2020 demnach bei 6,1 Tonnen Kohlendioxid.

Mit dem derzeit diskutierten Gesetzespaket „Fit for 55“ wollen EU-Kommission und Europäisches Parlament beim Klimaschutz vorankommen. Es enthält Vorschläge, wie die neuen, bereits beschlossenen Klimaziele der Europäer erreicht werden können. Sie sehen eine Reduzierung der Treibhausgase bis 2030 um 55 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 vor. 2050 will die EU klimaneutral sein.

Typisch für die Klimapolitik der EU ist die Mischung aus Zielvorgaben für die gesamte Gemeinschaft (Gesetze wie das beschlossene Klimaziel) und spezifischen Maßnahmen, die die einzelnen Länder beschließen. So sollen zwar überall erneuerbare Energien ausgebaut werden, aber manche Länder setzen weiterhin oder in Zukunft parallel auch auf Atomstrom.

Doch was steht nun konkret in „Fit for 55“? Dazu drei Beispiele: Zu den Vorschlägen zählt, dass ab 2035 neue Fahrzeuge kein CO2 mehr ausstoßen dürfen. Zugleich sollen die Ladesäulen-Infrastruktur sowie das Netz von Wasserstoff- und Gastankstellen schneller ausgebaut werden. Geplant ist ebenfalls, den bereits bestehenden Emissionshandel auf den Gebäude- und Verkehrssektor auszuweiten. Auch dort würden in Zukunft CO2-Kosten in die Preise für Kraft- und Brennstoffe einfließen.

In einigen Sektoren soll zudem ein CO2-Grenzausgleich eingeführt werden – eine Art Kohlendioxid-Steuer auf Importe wie Zement, Stahl oder Strom, die die Lieferanten aus Drittstaaten zahlen müssen. Damit sollen Wettbewerbsnachteile für Unternehmen in der EU ausgeglichen werden.

„Fit for 55“ soll bis Ende 2022 von der EU beschlossen und dann schnellstmöglich in den Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Die Vorschläge würden tiefgreifende Veränderungen nicht nur für die Wirtschaft, sondern für jeden EU-Bürger mit sich bringen. Einzelne Länder haben sogar noch strengere Ziele: Schweden verbietet beispielsweise neue Verbrenner schon ab 2030, und Finnland will bereits 2035 klimaneutral sein.

Platz zwei: USA

Die USA waren unter Donald Trump aus dem Klimaabkommen von Paris ausgestiegen. Nach dem Amtsantritt von Joe Biden haben sie sich im Kampf gegen den Klimawandel zurückgemeldet. Im April präsentierte er der Welt seine Klimaziele: Bis 2035 soll der US-amerikanische Stromsektor dekarbonisiert, bis 2050 die gesamte Wirtschaft klimaneutral sein.

Ein ehrgeiziges Vorhaben – belegen die USA derzeit doch Platz zwei auf der weltweiten Rangliste der CO2-Emissionen. Diese gingen 2020 zwar coronabedingt um rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, betrugen aber immer noch rund 4.405 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Pro-Kopf-Ausstoß von mehr als 13 Tonnen.

Das liegt vor allem am Lebensstil der Amerikaner, aber auch der Energiemix in den USA spielt eine Rolle. Das Land deckt seinen Primärenergieverbrauch vor allem durch Gas (34 Prozent) und Öl (35 Prozent). Atomenergie und Kohle machen jeweils neun beziehungsweise zehn Prozent aus. Der Anteil der Erneuerbaren liegt bei zwölf Prozent.

Wie aber sollen die Klimaziele erreicht werden? Darüber ist noch wenig Konkretes bekannt. Immerhin hat Biden angekündigt, die rund 645.000 Fahrzeuge umfassende Flotte der Bundesregierung durch Elektroautos zu ersetzen. Geplant sind außerdem eine halbe Million Ladestationen.

Um Bidens Pläne einzuschätzen und angesichts der geplanten Dekarbonisierung des Energiesektors lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung der Stromerzeugung. Hier deutet vieles darauf hin, dass mit Gas auch in Zukunft ein fossiler Brennstoff eine entscheidende Rolle spielen wird. Die Regierungsbehörde Energy Information Administration (EIA) geht davon aus, dass bis 2050 1.000 Gigawatt an zusätzlicher Stromerzeugungskapazität in den USA installiert werden. Zwar sollen 60 Prozent davon aus erneuerbaren Quellen stammen, die zurzeit 21 Prozent am Strommix ausmachen. Doch die restlichen 40 Prozent, so schätzt die EIA, werden aus Gaskraftwerken stammen.

Und es gibt noch eine weitere Unsicherheit. Biden hat billionenschwere Investitionen in die Infrastruktur angekündigt, von denen ein Teil dem Klimaschutz zugutekommen soll. Die entsprechenden Gesetze müssen aber noch den Senat und das Repräsentantenhaus passieren. Erst wenn das gelungen ist, kann es an die Umsetzung der Maßnahmen gehen, die ein neuer Expertenrat („Climate 21 Project“) entwickeln soll.

Platz eins: China

Dem Land, das wie kein zweites für rasantes Wachstum steht, ist in der Corona-Krise etwas Ungewöhnliches gelungen: Seine Wirtschaft wuchs auch 2020 um immerhin 2,3 Prozent. Die Regierung geht für 2021 von einer Erholung auf sechs Prozent aus, der IWF rechnet sogar mit acht Prozent. Wachstum gab es aber auch bei den CO2-Emissionen: Sie stiegen 2020 um 1,6 Prozent auf 9.717 Millionen Tonnen, was 90 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen von Russland, den USA, der EU und Indien zusammengenommen entspricht. Der Pro-Kopf-Ausstoß lag mit 6,7 Tonnen höher als in der EU.

In China ist die Industrialisierung trotz gewaltiger Wachstumsraten in den letzten Jahrzehnten noch lange nicht abgeschlossen. Auch in Zukunft wird es darum eine große Nachfrage nach energieintensiven Produkten wie Stahl und Zement geben. Und diese Energie stammt in China vor allem aus der Kohle: Ihr Anteil macht rund 70 Prozent am dortigen Primärenergieverbrauch aus. Ein Ende der Nutzung ist nicht in Sicht: China hat allein seit Beginn der Corona-Krise mehr als 20 Milliarden Dollar in die fossile Energieerzeugung investiert, vor allem in Kohlekraftwerke.

Dennoch will das Land 2030 den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen erreicht haben und bis 2060 klimaneutral sein. Dafür investiert es in erneuerbare Energien ungefähr den gleichen Betrag wie in fossile Energieträger. Bereits Ende 2020 waren zum Beispiel insgesamt 252 Gigawatt Photovoltaik-Leistung installiert (in Deutschland waren es 54 Gigawatt). Und nahe der Wüste Gobi steht der größte Windpark der Welt mit einer installierten Leistung von zehn Gigawatt.

Generell sollen nichtfossile Energiequellen inklusive der Atomenergie bis 2025 einen Anteil von 25 Prozent am Primärenergieverbrauch haben, bislang sind es 15 Prozent. Zudem soll die Wirtschaft weniger energie- und CO2-intensiv werden. Dafür soll neben Effizienzsteigerungen in der Industrie auch ein im Juli gestartetes Handelssystem für CO2-Emissionen sorgen.

Nichts deutet darauf hin, dass sich Chinas Wachstum verlangsamen wird. Schätzungen sehen das Land 2030 als größte Volkswirtschaft der Welt. Damit wird es auch weiterhin eine entscheidende Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel spielen.

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