13.09.21 Ein Ziel, viele Wege Autor*in: Jost Burger • Credits: Mischa Keijser • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Mehr Kernkraft, Ausbau von Wind- und Solarstrom, Wärmeversorgung per Geothermie: Die Staaten Europas verfolgen unterschiedliche Strategien, um ihre Klimaziele zu erreichen. Wir stellen fünf Beispiele vor.

Um mindestens 55 Prozent sollen in Europa bis 2030 die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 sinken – darauf haben sich EU-Kommission und Europaparlament im April geeinigt. Und bis 2050 soll Europa dem „European Green Deal“ zufolge klimaneutral sein. Die EU-Mitgliedsstaaten haben für die Erreichung dieser Ziele nationale Maßnahmenpläne vorgelegt. Der Bundestag beispielsweise hat im Mai ein Klimaschutzgesetz beschlossen, dem zufolge die Emissionen hierzulande bis 2030 um 65 Prozent fallen sollen und Klimaneutralität schon 2045 erreicht werden muss.

Das Thema schlägt kurz vor den Bundestagswahlen hohe Wellen. Denn wie die ehrgeizigen Ziele erreicht werden, darüber gibt es naturgemäß Streit. Bislang etwa soll das letzte deutsche Kohlekraftwerk 2038 abgeschaltet werden. Umweltlobbyisten fordern jedoch, diesen Zeitpunkt auf 2030 vorzuziehen. Umstritten ist auch, wie der Ausbau erneuerbarer Energien vonstattengehen soll – immerhin ist klar, dass Deutschland auch in Zukunft auf Photovoltaik und Windkraft setzen wird.

Darüber gerät schnell aus dem Blick, dass der Green Deal ein europäisches Projekt ist. Nicht alle Staaten setzen auf dieselben Strategien, um die Klimaziele zu erreichen. Denn jedes Land hat unterschiedliche Startpositionen, die sich zum Teil erheblich unterscheiden. Und nicht jedes Land teilt die Ansichten darüber, was grüne Technologien seien – besonders deutlich wird das, wenn es um den Einsatz der Atomenergie geht.

Auch die Kostenfrage ist schwer zu beantworten, denn zu viele Unsicherheiten fließen in die Berechnung mit ein. Klar ist nur: Es wird nicht billig. Die Unternehmensberatung McKinsey etwa kommt in ihrer Studie „Net-Zero Europe“ zu dem Ergebnis, dass zur Umsetzung der Klimaziele europaweit bis 2050 jährlich 1.000 Milliarden Euro investiert werden müssen.

Um die Bandbreite der europäischen Maßnahmen aufzuzeigen, stellen wir hier fünf nationale Umsetzungspläne vor: aus Polen, den Niederlanden, Italien, Frankreich und Finnland.

Polen: Einstieg in die Kernenergie

Polen galt bislang als ein klassisches „Kohleland“: Gut 70 Prozent des Stroms werden dort mit Braun- und Steinkohle erzeugt. Doch im vergangenen Jahr beschloss die Regierung den Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2049. Schon bis 2030 soll ihr Anteil auf 37 Prozent sinken, bis 2040 dann auf elf Prozent. Für den Umbau setzt das Land auf erneuerbare Energien und auf Atomkraft. Mindestens 23 Prozent des Bruttoendenergieverbrauchs sollen 2030 aus Erneuerbaren stammen. Für diesen Zeitpunkt sieht der nationale Klimaplan 5,9 Gigawatt Leistung aus Offshore-Windkraft in der Ostsee vor, die bis 2040 auf elf Gigawatt steigen sollen. Für die Photovoltaik lauten die entsprechenden Zahlen bis zu sieben beziehungsweise 16 Gigawatt.

Für Debatten im Nachbarland Deutschlands sorgt der geplante Einstieg in die Kernenergie. 2033 will Polen den ersten Meiler mit bis zu 1,6 Gigawatt Leistung ans Netz nehmen. Insgesamt sind sechs Kernkraftwerke geplant, in die 30 Milliarden Euro investiert werden sollen. Die Gesamtkosten für den Umbau der Energielandschaft beziffert die Regierung bis 2040 auf 1.600 Milliarden Zloty, rund 352 Milliarden Euro. Dass die Polen die Energiewende mittragen, zeigt unter anderem der Erfolg des Förderprogrammes für Photovoltaikanlagen: 1.200 Euro erhalten seit 2019 Haushalte, die sich eine PV-Anlage aufs Dach setzen. Im ersten Jahr wurden daraufhin 200.000 Anlagen installiert.

Frankreich: mehr Wind- und Solarstrom

Knapp 70 Prozent des französischen Strombedarfs wird derzeit durch Atomkraftwerke gedeckt. Ihr Anteil an der Stromerzeugung soll bis 2035 auf 50 Prozent fallen. Paris steht der Nutzung der Atomkraft aber weiterhin positiv gegenüber, aktuell wird beispielsweise über die Laufzeitverlängerung einiger älterer Meiler diskutiert. Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren dennoch von heute rund 25 Prozent auf 33 Prozent steigen. Seine Emissionen will das Land bis dahin um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken.

Frankreich setzt dafür vor allem auf den Ausbau von Windkraft an Land und Photovoltaik. Die Windkraft onshore soll von heute 17 Gigawatt Leistung bis 2029 auf rund 33 Gigawatt fast verdoppelt werden. Die Leistung der Photovoltaik soll bis 2028 auf das Drei- bis Vierfache der heute installierten zehn Gigawatt steigen. Offshore-Windkraft spielt zurzeit keine Rolle, aber das soll sich ändern: Bis 2028 ist hier eine Leistung von fünf bis sechs Gigawatt geplant. Die installierte Wasserkraftleistung von aktuell 25 Gigawatt dürfte hingegen kaum wachsen. Zugleich soll der Endenergieverbrauch bis 2050 massiv um 50 Prozent gegenüber 2012 gesenkt werden.

Italien: massiver Ausbau der Photovoltaik

Italien plant, seine CO2-Emissionen bis 2030 um 51 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Dafür soll massiv in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert werden, deren Anteil an der Stromerzeugung 2020 bereits rund 48 Prozent betragen hat. Den Rest liefern fossile Energien, vor allem Gas. Aus der Kohleverstromung will das Land bis 2025 aussteigen. Bis 2030 sollen 68 Prozent des Stroms von Erneuerbaren kommen. Dafür plant die Regierung, rund 43 Gigawatt an zusätzlicher Photovoltaik-Leistung zu installieren. Windkraft – vor allem Offshore-Anlagen – sollen bis 2030 23 Gigawatt liefern.

Im September soll das neue Förderdekret (FER2) in Kraft treten, durch das voraussichtlich unter anderem Biomasse, Biogas und Geothermie unterstützt werden sollen. Außerdem ist Italien der größte Nutznießer des Europäischen Wiederaufbauplans nach Corona: 5,9 Milliarden Euro an Fördergeldern fließen in den Bereich erneuerbare Energien.

Eine Spezialität Italiens ist das Förderinstrument „Superbonus“. Dabei geht es um die Förderung von Umbaumaßnahmen an Privatgebäuden. Wer die Energieeffizienz seines Hauses erhöht – etwa durch eine verbesserte Dämmung oder eine effizientere Heizung – bekommt eine Steuergutschrift in Höhe von 110 Prozent der Kosten. Zusätzlich kann man dann noch die Kosten zum Beispiel für eine Photovoltaik-Anlage bei der Steuer geltend machen. Für das Superbonus-Programm stellt Italien weitere 15 Milliarden Euro zur Verfügung.

Finnland: ehrgeizigste Klimaziele aller Industrieländer

Finnland legt die bislang ehrgeizigsten Klimaziele vor: Das Land im hohen Norden Europas will bereits 2035 klimaneutral sein – und das erste Industrieland, das komplett ohne fossile Energieträger auskommt. Aktuell machen diese aber noch 44 Prozent am Endenergieverbrauch aus. Immerhin 43 Prozent stammen bereits aus erneuerbaren Quellen, gut die Hälfte davon aus Wasserkraft. Wind und Photovoltaik spielen bislang nur eine geringe Rolle. Die Kernkraft liefert derzeit 13 Prozent des Endenergieverbrauchs.

Auf Atommeiler will das Land auch in Zukunft setzen, um seine Klimaziele zu erreichen. Aktuell sind vier Blöcke an zwei Standorten in Betrieb. 2029 soll ein dritter Standort ans Netz gehen. Für dasselbe Jahr ist der endgültige Ausstieg aus der Kohle geplant. Die Treibhausgasemissionen sollen dadurch bis 2030 um 51 Prozent fallen.

Ein finnischer Sonderfall ist der Torf: Er wird vor allem fürs Heizen verwendet und ist für rund 15 Prozent des gesamten jährlichen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Darum soll die Torfverbrennung bis 2030 um 50 Prozent sinken. Als Alternative möchte man unter anderem auf Erdwärme setzen. In Espoo, der zweitgrößten Stadt des Landes, gelang 2018 die mit 6.400 Metern weltweit tiefste kommerzielle geothermische Bohrung. Geplant ist eine geothermische Anlage, die zehn Prozent der Bevölkerung mit Fernwärme versorgen kann und als Pilotprojekt für die Wärmeversorgung in Finnland dienen soll.

Niederlande: Wind statt Gas

Die größte Energiequelle der Niederlande ist Erdgas: 43 Prozent seines Endenergieverbrauchs deckte das Land 2020 damit. Grund sind die großen Gasvorkommen in der Nordsee. Doch nach schweren Erdbeben in einigen Fördergebieten hat die Regierung den Ausstieg aus der Förderung bis 2030 beschlossen. Ob dies das Ende der Gasnutzung bedeutet, ist indes noch unklar.

Sicher ist hingegen: Bis 2023 sollen 16 Prozent des niederländischen Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen stammen, 2019 waren es 8,6 Prozent. 100 Millionen Euro an Fördergeldern stellt das Land dafür zur Verfügung, 20 Prozent dieser Summe fließt in den Ausbau der Windkraft. Sie spielt eine entscheidende Rolle im zukünftigen Energiemix: Bis 2030 will man 40 Prozent des Energiebedarfs mit Windkraftanlagen decken.


Der nationale Klimaplan sieht bis 2030 eine Senkung der Emissionen um 49 Prozent im Vergleich zu 1990 und den Ausstieg aus der Kohleverstromung vor. Wind statt Gas – das scheint naheliegend in einem windreichen Land. Doch die Niederlande liefern auch ein Beispiel für innovative Photovoltaiknutzung: Im Juli 2021 gingen dort zwei „Floating PV-Anlagen“ in Betrieb. Dafür wurden Zehntausende von Solarmodulen schwimmend auf zwei nicht genutzten Baggerseen verankert. Die Anlagen versorgen rund 20.000 Menschen mit Strom und sind die größten ihrer Art außerhalb Asiens.

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