14.06.21 Eine Kugel Eis für 42 Euro Autor*in: Michael Gneuss • Lesedauer: 5 min.

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Zusammenfassung

Der Großteil der Deutschen unterstützt die Energiewende. Allen ist aber bewusst: Der Umbau ist und bleibt teuer. Zu teuer? In den vergangenen fünf Jahren haben Wissenschaftler versucht, die Kosten der Energiewende zu beziffern. Demnach könnten die Ausgaben für den Umstieg gar die Billionen-Euro-Schwelle überschreiten. Ihnen gegenüber steht allerdings der Nutzen des Klimaschutzes.

Die Energiewende hat das Leben einer ganzen Generation begleitet – denn mittlerweile liegt der Startschuss für den Umbau unserer Energieversorgung etwas mehr als 20 Jahre zurück. „Strenggenommen begann die Förderung der erneuerbaren Energien schon 1990, als unter Helmut Kohl das Stromeinspeisungsgesetz verabschiedet wurde“, so Prof. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Dennoch bezeichnet sie das Jahr 2000 als den eigentlichen Startschuss für das Mammutprojekt: Am 1. April trat das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft, zudem leitete die rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg ein.

Dass der Aufbau einer neuen Versorgungsinfrastruktur kostspielig werden könnte, war schon Anfang der 2000er-Jahre klar. Doch der damalige Umweltminister Jürgen Trittin fand beruhigende Worte: „Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbarer Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund einen Euro im Monat kostet – so viel wie eine Kugel Eis“, erklärte der Grünen-Politiker im Juli 2004 in einer Pressemeldung seines Ministeriums. Auch nach dem Regierungswechsel ein Jahr später blieb es bei nicht haltbaren Versprechen zu den Kosten der Energiewende. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte im Juni 2011, dass die Umlage zur Finanzierung der Erneuerbaren Energien (EEG-Umlage) für die Förderung der Ökostrom-Produktion nicht über 3,5 Cent pro Kilowattstunde steigen solle. Nur drei Jahre später war sie mit 6,24 Cent pro Kilowattstunde schon weit enteilt.

„Es bleibt dabei, dass die Förderung erneuerbarer Energien einen durchschnittlichen Haushalt nur rund einen Euro im Monat kostet – so viel wie eine Kugel Eis“

Jürgen Trittin, ehemaliger Bundesumweltminister

DICE-Studie: 520 Milliarden Euro für die Stromwende

Wie hoch die Kosten der Energiewende tatsächlich sind, versuchen Wissenschaftler seit Jahren zu berechnen. Das Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomik (DICE) kam 2016 für die Gesamtkosten der Energiewende im Strombereich auf eine Summe von 520 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025. Die Studie, die im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) durchgeführt wurde, identifizierte als den mit Abstand größten Kostentreiber die EEG-Umlage, die mit 408 Milliarden Euro zu Buche schlägt. Die Kosten für den Ausbau der Strom- und Verteilernetze veranschlagten die Autoren auf 55,3 Milliarden Euro. Schätzungsweise 18 Milliarden Euro entfallen zudem auf die KWK-Umlage und 12 Milliarden auf die Forschungsförderung durch Bund und Länder.

Klingt die Zahl von einer halben Billion Euro noch recht abstrakt, so zeigt eine Umrechnung auf eine Person deutlich, wie hoch die Belastung für die Bürger ist: Pro Einwohner hat das DICE die Kosten im Zeitraum 2000 bis 2025 auf 6.300 Euro taxiert. Über 25.000 Euro zahlt demzufolge eine vierköpfige Familie rechnerisch laut DICE im ersten Vierteiljahrhundert für die Energiewende im Strombereich. Der Großteil entfällt davon mit 18.000 Euro auf den Zeitraum 2015 bis 2025. Und wie teuer ist damit die „Kugel Eis pro Monat“ von Jürgen Trittin? Ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland besteht aus zwei Personen, muss demzufolge also monatlich rund 42 Euro Zusatzkosten berappen.

Ifo Institut: Bis zu drei Billionen Euro

Das Münchner ifo Institut hat 2019 errechnet, wie viele technische Komponenten und Infrastrukturen für das Erreichen der Klimaziele erforderlich sind. Für unterschiedliche Entwicklungspfade haben die Wissenschaftler die jeweiligen Kosten für Investitionen, Importe von Energieträgern, Betrieb und Wartung relevanter Anlagen und Systeme sowie für die Herstellung heimischer Energieträger berechnet. Aus der Differenz von Klimaschutz- und Business-As-Usual-Szenario ergaben sich die Mehrkosten, die den Kosten der Energiewende entsprechen: Sie liegen laut ifo bis 2050 zwischen 500 Milliarden und mehr als drei Billionen Euro. Das entspricht pro Jahr 0,4 bis 2,5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts aus dem Jahr 2018.

Der größte Anteil der Mehrkosten entfällt laut ifo auf den Umbau des Energiesystems, also Investitionen in Anlagen und Infrastrukturen. „Ist der Umbau aber erst einmal abgeschlossen, so belaufen sich die jährlichen kumulativen systemischen Kosten auf einen Wert, der ähnlich hoch liegt wie der heutige Wert zum Betrieb der Energieversorgung“, schreiben die Münchner Wirtschaftsforscher. Zudem relativieren sie die Mehrkosten: Zwar würden sie „astronomisch“ erscheinen. In ihrer Größenordnung seien sie aber vergleichbar mit anderen gesellschaftlichen Großprojekten, wie zum Beispiel der Wiedervereinigung.

Auch das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg hat die Nettomehraufwendungen durch die Energiewende in mehreren Szenarien berechnet und ist für den Zeitraum 2020 bis 2050 auf Kosten zwischen 440 Milliarden und 2.330 Milliarden Euro gekommen. Bezogen auf das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2019 reichen die jährlichen Mehraufwendungen von 0,4 Prozent bis hin zu rund 2 Prozent. Bezogen auf eine Tonne vermiedene CO2-Emission liegen die Kosten je nach Szenario zwischen 50 und 233 Euro.

Starker Preisanstieg beim Strom

Für Haushalte und Unternehmen macht sich die Energiewende bereits heute finanziell bemerkbar. So haben sich die Strompreise in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht: Nach Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) stieg der durchschnittliche Strompreis für einen Haushalt bei einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden zwischen 2000 und 2021 (Stand: Januar 2021) von 13,94 auf 31,89 Cent pro Kilowattstunde – das ist ein Anstieg von 129 Prozent. Noch stärker traf es die Industrie: Bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 160.000 bis 20 Millionen Kilowattstunden kletterte der durchschnittliche Strompreis von 5,79 auf 16,71 Cent pro Kilowattstunde – ein Anstieg von 189 Prozent.

Kosten-Nutzen-Analyse

Doch neben den Kosten müssen auch die Vorteile der Energiewende gesehen werden, meint Expertin Kemfert: „Herkömmliche Kraftwerke liefern nicht nur zuverlässig eine bestimmte Menge an Energie, sondern verursachen leider auch gewaltige Umwelt- und Klimaschäden.“ Unter dem Strich zeige sich darum, dass der Nettonutzen der Energiewende weit größer sei als die Nettokosten. „Ehrlich und realistisch auf den Punkt gebracht: Die Energiewende kostet nicht, sie spart Geld“, so Kemfert.

„Ehrlich und realistisch auf den Punkt gebracht: Die Energiewende kostet nicht, sie spart Geld.“

Prof. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Auf der Kostenseite könnten indes durch einen beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien weitere Ausgaben vermieden werden. „Je schneller wir die Energiewende umsetzen, desto günstiger wird es. Es ist wie beim Bausparen: Je früher Sie damit anfangen, desto kleiner sind die monatlichen Beiträge und desto größer die Rendite“, so Kemfert. Lernen könne Deutschland beispielsweise von Dänemark, denn dort setze man seit langem auf erneuerbare Energien für die Energieversorgung. Insbesondere wurde ein hoher Anteil an erneuerbarer Kraft-Wärme-Kopplung durchgesetzt. Auch wegen der Versorgungssicherheit plädiert Kemfert für einen schnelleren Umstieg. „Die derzeitigen Ausbauziele erneuerbarer Energien reichen nicht aus. Wir laufen sehenden Auges in eine Ökostromlücke.“

Kostenfaktor Kohleausstieg

Unnötig Zeit und Geld ist laut Kemfert in den letzten 20 Jahren mit dem „Brückentechnologie-Theater“ vergeudet worden. „Der Kohleausstieg hätte effizienter und billiger sein können“, sagt sie. Den Kohleausstieg hält auch Christoph Kost, Head of Group Energy Systems and Energy Economics beim Fraunhofer ISE, für einen wesentlichen Hebel hinsichtlich der Kosten der Energiewende: Mit einer stärkeren Fokussierung auf den Braunkohle-Ausstieg hätte es günstiger werden können, meint er.
Von internationalen Vergleichen der Energiewende-Kosten hält Kost wenig. Die Ausgangslagen der Länder seien oft sehr unterschiedlich. Österreich und die Schweiz könnten beispielsweise mit ihren hohen Bergen sehr viel mehr Strom aus Wasserkraft erzeugen und hätten somit weniger Druck beim Zubau von Photovoltaik- und Windkraftanlagen.

Kritik vom Bundesrechnungshof

Kritik an der Steuerung der Energiewende durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) kommt vom Bundesrechnungshof (BRH). „Die Bundesregierung steuert den Transformationsprozess weiterhin unzureichend. Das gefährdet eine sichere und bezahlbare Stromversorgung. Mehr noch: Die Energiewende droht Privathaushalte und Unternehmen finanziell zu überfordern“, so BRH-Präsident Kay Scheller.

„Die Energiewende droht Privathaushalte und Unternehmen finanziell zu überfordern.“

Kay Scheller, Präsident Bundesrechnungshof

Der Aufwärtstrend bei den Strompreisen könnte sich sogar verstärken, fürchtet Scheller. Denn die Wasserstoffstrategie sowie die Einbeziehung von Verkehr und Wärme in die Energiewende würden zusätzliche Nachfrage nach Strom schaffen. Hinzu kämen die Kosten für den weiteren Netzausbau und den Ausbau erneuerbarer Energien. Das BMWi müsse prüfen, wie es eine umfassende Preisreform vorantreiben kann, damit die finanzielle Belastung der Verbraucher zumutbar bleibt. Dafür müsse das Ministerium endlich bestimmen, was es unter einer preisgünstigen und effizienten Stromversorgung versteht. Der Bundesrechnungshof empfiehlt, die staatlich geregelten Strompreis-Bestandteile grundlegend zur reformieren – so zum Beispiel die EEG-Umlage und die Netzentgelte. Denn derzeit seien die Strompreise für Haushalte, Gewerbe und Industrie die höchsten in Europa.

Ehrgeizige Ziele der EU

Einfluss auf die Energiekosten hat auch der „European Green Deal“ der Europäischen Kommission. Demzufolge soll die EU bis 2050 klimaneutral werden. Laut Fraunhofer ISE steigen dadurch die CO2-Vermeidungskosten um 50 Euro pro Tonne CO2 auf 200 Euro. Ein möglicher Ausweg aus dem Kostenanstieg ist den Fraunhofer-Forschern zufolge eine starke Verbrauchsreduktion. So könnten die Kosten um etwa 100 Euro pro Tonne CO2 gesenkt werden. Und die Kugel Eis würde nicht noch teurer.

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