29.04.20 Emissionen einfach ungeschehen machen – geht das? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.

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Zusammenfassung

Privatleute wie Unternehmen nutzen gern Angebote, um das Freisetzen von Emissionen durch grüne Investitionen zu kompensieren. Aber führt die Sehnsucht nach einem reinen Gewissen auch wirklich zu sauberer Luft?

Auch bevor das Coronavirus den Tourismus nahezu zum Erliegen brachte, gab es bereits gute Gründe, weniger zu fliegen. Allen voran die große Menge CO2, die jeder Flug in die Atmosphäre entlässt.  

In Wahrheit gibt es jedoch nur wenige Menschen, die sich von solchen Überlegungen vom Fliegen abhalten lassen. Stattdessen beruhigt man sein schlechtes Gewissen, indem man die verursachten Emissionen über Onlineplattformen kompensiert („Carbon Offset“). Dort zahlt man für jede Tonne CO2, die man durch sein Verhalten produziert hat, einen bestimmten Betrag, der dann zum Beispiel für Aufforstungsprojekte verwendet wird. Die neu gepflanzten Bäume sollen den Kohlenstoff, den das Flugzeug ausgestoßen hat, wieder binden und unschädlich machen.  

CO2-Kompensation ist im Großen wie im Kleinen beliebt

Nicht verzichten müssen und trotzdem keinen nachhaltigen Schaden verursachen – das Prinzip der CO2-Kompensation ist verführerisch. Was für Privatverbraucher eher eine Neuerung ist, wird auf europäischer Ebene bereits über Jahre praktiziert.  

 Der 2003 verabschiedete EU-Emissionshandel (EU ETS) sieht vor, dass große Unternehmen ihren Ausstoß an Treibhausgasen durch eine entsprechende Menge an Zertifikaten decken müssen, die sie frei untereinander handeln können. Dies führt dazu, dass immer dort CO2 eingespart wird, wo es am günstigsten ist. Ab 2008 konnten Unternehmen zudem an Zertifikate gelangen, indem sie grüne Projekte in Entwicklungsländern unterstützten.  

Diese Kompensationszahlungen wurden als ein Beitrag zur Entwicklungshilfe verstanden, der ökologische und soziale Aspekte geschickt miteinander verband. Für die Unternehmen galt, was heute für Vielflieger gilt: Sie konnten sich dank der Kompensationslogik weiterhin so verhalten, wie sie wollten, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.  

Seit diesem Jahr sieht der EU-Emissionshandel jedoch keine solchen Ausgleichszahlungen mehr vor. Was in der Theorie nämlich nach „win-win“ klingt, stellte sich in der Praxis als recht fehleranfällig dar. Die Gründe dafür sind auch für private Kompensierer lehrreich.  

Wie effektiv sind Offsets? 

Der Hauptgrund, warum man auf EU-Ebene wieder vom Offset-Prinzip Abstand nahm, war, dass es die regulierende Kraft des ETS binnen kürzester Zeit zunichte machte. Die Möglichkeit, die eigenen Emissionen durch Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu kompensieren, führte (neben anderen Faktoren) schnell zu einem rapiden Preisverfall bei den CO2-Zertifikaten. Das Problem: In industriell unterentwickelten Ländern Emissionen einzusparen ist mitunter extrem billig. Schon kleinste Investitionen in die Aufrüstung veralteter Anlagen verschafften Unternehmen darum ein Anrecht auf mehr Zertifikate, als sie in absehbarer Zukunft verbrauchen konnten. Damit hatten europäische Unternehmen keinen echten Anreiz mehr, die eigene Produktion umweltfreundlicher zu gestalten.  

Das wäre natürlich halb so schlimm, wenn es dafür echte CO2-Einsparungen in Entwicklungs- und Schwellenländern gegeben hätte. Ob das jedoch so war, ist höchst umstritten. Zumindest waren die Investitionen oft längst nicht so effektiv, wie man sich das bei der Konzeption der Regel erhofft hatte. So wurden zum Beispiel Fälle öffentlich, in denen ausländische Firmen ihren CO2-Ausstoß erst künstlich hochfuhren, um sich dann von EU-Unternehmen für die Reduktion bezahlen zu lassen.

Gleichzeitig verlangte China extrem überhöhte Preise für die Zerstörung eines potenten Treibhausgases – nur um den Erlös in den Aufbau einer Industrie zu stecken, die dann gegen Europas grünere Unternehmen konkurrieren konnte. Was als Entwicklungshilfe gedacht war, kann unter gewissen Umständen also der europäischen Wirtschaft schaden. Im Extremfall unterstützt Europa damit eine Entwicklung, an deren Ende die ganze Welt nachhaltige Technologien verwendet, während Europas Industrie im 20. Jahrhundert feststeckt.  

Wäre ohne die Offsets wirklich alles anders? 

In der EU, genau wie bei den privaten Anbietern heute, gab es natürlich strenge Richtlinien, die zum Beispiel sicherstellen sollten, dass die unterstützten Projekte „echt, überprüfbar und zusätzlich“ waren. Gerade letzterer Punkt – also die Frage, ob eine CO2-Reduktion auch ohne die Kompensations-Investition zustande gekommen wäre – erwies sich jedoch als extrem problematisch. Denn natürlich kann man immer sagen: „Ohne uns wäre das nicht passiert.“ Gleichzeitig lässt sich nur schwer verhindern, dass andere Länder und Unternehmen dazu übergehen, sich auf die Zahlungen aus der EU zu verlassen und dafür eigene Investitionen umzuschichten.  

Eine entsprechende Studie kam 2016 zu dem Ergebnis, dass bei ganzen 85% der unterstützten Projekte erhebliche Zweifel an der Zusätzlichkeit bestünden.  

Doch selbst wenn man Korruption und Fehleinschätzungen außen vor lässt, ist das Offset-Prinzip mit Schwierigkeiten verbunden. Dies beginnt bei der Frage, wie man die Menge der zu kompensierenden Treibhausgase berechnet. Das Phänomen kennt jeder, der schon mal einen Flug kompensieren wollte. Verschiedene Anbieter veranschlagen für denselben Flug oft ganz unterschiedliche Preise. Dabei kommt es auf die Rechenweise an: Zählt nur das CO2 oder auch andere Treibhausgase? Wie ist es mit dem Wasserdampf, der so weit oben in der Atmosphäre ebenfalls klimawirksam sein kann? Und müsste man nicht eigentlich die Treibhausgase gegenrechnen, die das Auto ausgestoßen hätte, wenn man gefahren statt geflogen wäre? 

Auch bei der strengsten Rechnungsweise hat der Offset jedoch einen klaren Nachteil: Er wirkt in der Regel deutlich später als das Freisetzen von Emissionen selbst. Denn wenn man  eine Tonne Treibhausgas produziert und dafür Bäume pflanzt, die diese Menge eines Tages binden werden, dann ist das Gas ja dennoch für eine Zeit in der Luft und hat einen Einfluss auf das Klima, der unter Umständen nicht mehr so einfach umkehrbar ist. 

Europa sucht nach neuen Lösungen – und Sie? 

Diese und weitere Punkte haben dazu geführt, dass im Rahmen des EU ETS ab 2020 keine Ausgleichsinvestitionen mehr zulässig sind. An ihre Stelle soll eine Ausweitung des Emissionshandels treten – eine Vernetzung unterschiedlicher Handelsgebiete, von denen es heute deutlich mehr gibt als noch vor zwanzig Jahren. Diese Ausweitung soll es Unternehmen ermöglichen, weiterhin dort CO2 zu reduzieren, wo es am günstigsten ist. Gleichzeit verspricht man sich von dieser Regelung, dass die Wirksamkeit der Investitionen besser überwacht werden kann. Derzeit wird heftig darüber diskutiert, wie genau Missbrauch verhindert und Vergleichbarkeit gewährleistet werden kann. 

Für private Nutzer können seriöse Kompensationsangebote derweil eine gute Alternative sein, Verschmutzungen auszugleichen, die sich nicht verhindern lassen. Die genannten Faktoren sollten jedoch deutlich machen, dass Ausgleichszahlungen den Ausstoß von CO2 nie einfach wieder ungeschehen machen können. Darum lohnt es sich vielleicht auch nach Corona, den einen oder anderen Business-Flug durch einen Videoanruf zu ersetzen. Dass dies absolut möglich ist, haben wir inzwischen ja gelernt.  

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