23.04.20 Grüne Lungen unter dem Meeresspiegel Hans-Joachim Ziegler • 5 min.

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Zusammenfassung

Wie Unterwasserwälder dabei helfen können, den Klimawandel einzudämmen.

Wer an den Klimawandel denkt, der denkt an Wälder. Einerseits weil sie – als eine der ersten, unübersehbaren Folgen der Erderwärmung – vielerorts in Flammen stehen: in Brasilien, in Australien und selbst vor unserer Haustür in Brandenburg.

Andererseits erhoffen wir uns von unseren Wäldern, dass sie uns vor den Folgen des Treibhauseffekts bewahren. Wir zählen darauf, dass die „grünen Lungen der Erde“ das viele CO2, das wir in die Luft blasen, wieder heraussaugen. Und mit Recht: Denn wo immer Pflanzen wachsen und Photosynthese betreiben, binden sie Kohlenstoff aus unserer Atmosphäre.

Nur: Wenn sie sterben und sich zersetzen, geben sie das viele CO2 wieder an die Luft ab. Insofern sind Wälder sehr fragile Kohlenstoffspeicher: Rodungen, Baumkrankheiten und vor allem Brände machen ihren Beitrag für eine gesunde Erde schnell wieder zunichte.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt sind darum auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten, Kohlenstoff langfristig aus der Atmosphäre zu verbannen. Dabei blicken sie auch auf Wälder. Allerdings auf solche, die niemals in Rauch aufgehen – weil sie sich unter Wasser befinden.

Die erstaunlichen Fähigkeiten von Seegras

Ein erster, aussichtsreicher Kandidat bei der Suche nach einer feuerfesten grünen Lunge sind die Seegraswiesen, die vor den Küsten fast aller Kontinente – mit Ausnahme der Antarktis – zu finden sind.

Die dänische Biologin Marianne Holmer und ihr Team fanden kürzlich heraus, dass ein Hektar Seegras soviel CO2 bindet wie ein zehnmal so großer Wald auf dem Festland. Seegraswiesen haben außerdem den Vorteil, „dass sie den klimaschädlichen Kohlenstoff in luftdicht abgeschlossenen Sedimenten bunkern, sodass er für viele Jahre versiegelt bleibt“, erklärt die Professorin an der University of Southern Denmark in Odense. Das Geheimnis liegt im sehr langlebigen Wurzelsystem der Pflanze, das über tausend Jahre alt werden kann.

Der großflächige Anbau von Seegras ist jedoch denkbar aufwendig, weil jedes Pflänzchen einzeln von Tauchern eingegraben werden muss. Das United Nations Environment Programme (UNEP) bezeichnet den Schutz von Seegraswiesen darum zwar als „Geheimwaffe“ im Kampf gegen den Klimawandel. Der gezielte, großflächige Anbau scheint im Moment jedoch außer Reichweite.

Außerdem bindet Seegras das CO2 sowieso nur dann langfristig im Boden, solange dieser nicht durch Anker, Schleppnetze oder bei Bauarbeiten aufgewühlt wird. Besser wäre es darum, den Kohlenstoff irgendwo hinzubefördern, wo ihn ganz sicher niemand mehr ausgräbt – auf den Mond vielleicht, oder in die Tiefsee.

Die noch erstaunlicheren Fähigkeiten von Kelp

Genau an diesem Punkt kommt Kelp ins Spiel. Kelp, auch Seetang genannt, gehört zu den Braunalgen. In der Mitte hat die Pflanze einen Strunk, von dem die etwas unförmigen Blätter ausgehen, und ganz oben befinden sich meistens einige Gasblasen, die der Pflanze als Schwimmkörper dienen.

Mithilfe dieser Blasen kann die Pflanze, die, wie Seegras auch, in Küstennähe wächst, weit auf den offenen Ozean hinaustreiben. Wenn die Blasen dort dann irgendwann unweigerlich platzen, sinkt die Pflanze in die eisige Dunkelheit hinab. Dort bleibt die für die meisten Fische ungenießbare Alge im sauerstoffarmen Wasser liegen, ohne sich zu ersetzen. Auf diese Weise ziehen Großalgen wie das Kelp jedes Jahr rund 200 Millionen Tonnen CO2 aus der Luft und versenken sie im Meer. Zum Vergleich: Großbritannien produziert jährlich gerade mal doppelt so viel.

Unterwasserwald

Unterwasserwälder

Versenken oder nutzbar machen?

Die Meeresbiologin Halley Froehlich würde diesen Effekt gern ausbauen. In einem Aufsatz, der in der Zeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht wurde, schlagen die Wissenschaftler an der University of California und ihre Kollegen vor, große, künstliche Seetang-Farmen anzulegen. Dort soll Kelp angepflanzt und aufgezogen werden, um es dann im Ozean zu versenken. Fast 50 Millionen Quadratkilometer Ozean seien für diese Art der Tang-Aufzucht geeignet, schreiben sie.

Prof. Carlos Duarte, einer der weltweit angesehensten Meeresökologen, ist ebenfalls vom Potenzial des Seetangs überzeugt. Zum Versenken sind ihm die Pflanzen jedoch viel zu schade: „Es gibt bessere Möglichkeiten, dieses Material zu nutzen und gleichzeitig zur Eindämmung des Klimawandels beizutragen, als es in der Tiefsee zu entsorgen,“ erklärt er in der Zeitschrift National Geographic. So steigert Kelp die Wasserqualität, dient als Lebensraum für eine Vielzahl von Meereslebewesen und fungiert als natürlicher Deich, indem es Wellen abschwächt, schon bevor sie auf Land treffen. Gleichzeitig kann es als Rohstoff für Bio-Diesel und als umweltverträglicher Dünger genutzt werden.

Forschungen haben außerdem ergeben, dass die Beimengung von Kelp ins Futter den Methan-Ausstoß von Rindern um bis zu 70 Prozent senken kann. Diese vielen Anwendungsmöglichkeiten machen den Kelpanbau zu einem aussichtsreichen Geschäftsmodel der Zukunft – so lange man die Pflanzen nicht gleich wieder im Meer versenkt.

Die Zukunft ist grün – braungrün

Die Zeichen für einen groß angelegten Anbau von Seetang stehen damit ziemlich gut. Zwar bekommt auch diese Pflanze schon die Folgen des Klimawandels zu spüren – die Bestände sind seit der Mitte des letzten Jahrhunderts um fast 40% Prozent geschrumpft.

Gleichzeitig zeigen neuste Forschungen, dass Kelp sich an ungeahnten Ufern erstaunlich schnell ausbreitet. Indem rückläufiges Arktis-Eis immer mehr Licht zum Meeresboden durchlässt, schafft der Klimawandel beste Bedingungen für riesige Seetang-Wälder im Norden unseres Planeten. Dort entsteht also gerade eine neue, (braun)grüne Lunge. Und diese wird ganz sicher nicht in Rauch aufgehen.

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