Atomkraft, Atomkraftwerk

23.04.20 Atomkraft: Strahlendes Comeback? Thomas Schmidt • 8 min.

Scroll to Read
Zusammenfassung

„Atomstrom“ wird jetzt als „klimaneutraler Strom“ angepriesen. Und auf einmal ist alles anders: Über das Comeback einer umstrittenen Energie.

Bei Atomkraft geht es weniger um Technik als um zwei menschliche Eigenschaften: Zuversicht und Zweifel. Im zuversichtlichen „Wir können das, also machen wir das“ hallt die Technikbegeisterung des 20. Jahrhunderts nach. Die Zweifler hingegen fragen: „Und wozu führt das?“ Im Fall der Atomkraft beispielsweise zu radioaktiven Abfällen, die laut Bundesregierung eine Million Jahre sicher gelagert werden müssen. Auch wenn manche Forscher argumentieren, einige tausend Jahre im Endlager reichen aus: Wenn wir „einige tausend Jahre“ in der Menschheitsgeschichte zurückschauen, landen wir in der Steinzeit.

Wer also Ja zur Atomkraft sagt, bürdet den nachfolgenden Generationen eine immense Last auf. Um so verblüffender ist das vorsichtige Comeback der Atomkraft. Die Argumentation der Kernkraft-Befürworter:

Wenn wir den Klimawandel aufhalten wollen, brauchen wir verlässliche Alternativen zur Kohle und Gas. Wind und Sonne sind davon überfordert – anders als die Atomkraft.

Atomkraft als verkapptes Grün: Mit dieser Logik wissen die Atombefürworter selbst Greta Thunberg auf ihrer Seite. „Atomkraft kann ein kleiner Teil einer großen neuen CO2-freien Energielösung sein“, sagte die Klimaaktivistin – und musste sich daraufhin harsche Kritik anhören. Ihre Erklärung: „Ich persönlich bin gegen Atomkraft“, aber laut IPCC könne sie tatsächlich Teil einer CO2-freien Energielösung sein. Das IPCC ist das Intergovernmental Panel on Climate Change: der Weltklimarat.

Weg mit Denkverboten und Scheuklappen

„Wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Klimaschutz, müssen wir Schluss machen mit Denkverboten und ohne ideologische Scheuklappen über die Nutzung der Kernkraft diskutieren“, schreiben Jürgen Hambrecht, Lino Guzzella und Lars Josefsson in einem Beitrag fürs Handelsblatt. Hambrecht ist Aufsichtsratsvorsitzender bei BASF, Guzzella lehrt Thermotronik an der ETH Zürich und Josefsson war Vorstandsvorsitzender des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall. Ihre Botschaft: „Wer sich seriös mit realisierbaren Szenarien für ein Ende der Nutzung fossiler Brennstoffe beschäftigt, muss sich eingestehen, dass in Europa an der Kernenergie kein Weg vorbeiführen wird.“

Atom-Endlager: Das ungelöste Problem

Ebenso argumentiert Thomas Blades, Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns Bilfinger. „Man kann nicht gleichzeitig aus der Kohle und der Atomenergie aussteigen“, sagt der Brite und resümiert: „Die deutsche Energiewende ist klimapolitisch misslungen.“ Auch der britische Biophysiker James Lovelock hält den deutschen Atomausstieg für einen Fehler. Die Angst vieler Menschen vor der Atomkraft, geschürt durch Tschernobyl und Fukushima, sei völlig unbegründet. „Atomkraft ist extrem sicher“, sagt Lovelock. Auch der Harvard-Kognitionspsychologe Steven Pinker sieht in der Kernkraft die sicherste Energiequelle, die wir hätten. „Wir brauchen mehr Atomkraft, nicht weniger“, sagt er, und die Probleme bei der Endlagerung der radioaktiven Abfälle seien „eher politisch als technologisch“.

Die Politiker als Problematisierer? Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fühlt sich missverstanden und fordert: „Kernforschung muss weiter betrieben und gefördert werden. Wir müssen technologieoffen bleiben.“ Sollte in zehn Jahren trotz versuchter Energiewende die Versorgungssicherheit gefährdet sein, so der CDU-Politiker, sei ein Comeback der Kernenergie vorstellbar.

Hoffen auf den Fusionsreaktor

Kretschmer äußert sich vorsichtig, schließlich ist ein Ja zur Atomkraft in Deutschland derzeit nicht mehrheitsfähig. Im Nachbarland Frankreich sieht das anders aus. Dort ist Atomausstieg kein Thema. „Die Atomenergie verhilft uns zu einer CO2-freien und billigen Energie", sagt Präsident Emmanuel Macron. Im Süden des Landes, in Saint-Paul-lès-Durance, wird sogar ein Fusionsreaktor gebaut. Statt Atomkerne zu spalten sollen sie hier zu einem Plasma fusioniert werden. Dabei wird, so die Theorie, ein Zehnfaches der aufgewendeten Energie frei – und alle Energieprobleme wären gelöst. Der praktische Beweis steht noch aus, obwohl am Fusionsreaktor bereits seit 2007 geschraubt wird.

Den Chinesen dauert das zu lange: Sie haben angekündigt, demnächst einen eigenen Fusionsreaktor bauen zu wollen. In den USA und auch in Großbritannien wird viel Geld in die Hand genommen, um die Fusions-Forschungen voran zu treiben. Microsoft-Gründer Bill Gates ist einer der Investoren. „Kernenergie ist die Lösung für den Klimawandel", lautete seine Botschaft zum Jahresbeginn 2019 in der "Washington Post".

In Fachkreisen kursiert übrigens ein Witz über die Fusionsenergie: Egal wann man fragt – sie steht immer kurz vor dem Durchbruch, braucht aber noch zehn Jahre. Wer auf Kernenergie setzt, muss daher heute auf „normale“ Atomkraftwerke zurückgreifen. Und tatsächlich werden derzeit mehr als 100 AKWs gebaut oder zumindest geplant. Die meisten davon sind „old school“, sprich: dritte Generation, während Forscher längst an der vierten Generation arbeiten: sauberer, effizienter – und sicher. Diese Reaktoren strecken die Zahl der benötigten Urans um mehr als 50-fache und können sogar gebrauchte Brennelemente weiterverwenden. Und sie beruhen auf einer anderen Technologie, mit flüssigem Natrium statt Wasser als Kühlmittel. „Unfälle wie in Fukushima lassen sich damit ausschließen“, sagt Götz Ruprecht, Leiter des Instituts für Festkörper-Kernphysik in Berlin.

Die alten AKWs werden abgeschaltet

Neue Impulse braucht die Branche auf jeden Fall, denn klassische Reaktoren sind erstens teuer und produzieren zweitens teuren Strom. Eine Kilowattstunde Atomstrom kostet in Deutschland mehr als 10 Cent, deutlich mehr als eine Kilowattstunde aus Kohle oder Gas, Sonne oder Wind. AKW-Neubauten gibt es deshalb vor allem dort, wo sie vom Staat finanziert oder zumindest massiv gefördert werden, etwa in Russland, China oder Indien. Die alten Werke werden allmählich abgeschaltet. 2019 lieferte Atomkraft 10 Prozent der Elektrizität, 1997 waren es noch 17 Prozent. Bis 2040 könnte dieser Anteil sogar auf 3 Prozent sinken – außer natürlich, es kommt zum Comeback des Atomstroms.

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.

Verwandte Themen

Energie • Wirtschaft Gibt es das stabile Netz auch in grün? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Klima Emissionshandel: CO2 einsparen, wo es am günstigen ist Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Innovation Der Wasserstoff, aus dem die Klimawende ist Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Wirtschaft Emissionen einfach ungeschehen machen – geht das? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Innovation • Wissenschaft Der Visionär des Wasserstoffs Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Klima Das grüne Jahrhundert Dariush Jones • 5 min.
Lenin auf einer Briefmarke.
Energie • Gesellschaft • Wirtschaft Russland überholt seine fossilen Kraftwerke Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Innovation Mit „grünem Kerosin“ gegen die Flugscham Thomas Schmidt • 4 min.
Energie • Innovation Wasserstoff: So lässt sich Strom speichern Thomas Schmidt • 3 min.
Energie • Event Best-Of zum Nachhören: Das war die erste internationale Debate.Energy-Konferenz in Berlin Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Gesellschaft „Corona bringt Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren erwartet hatten“ Hannah Meisters • 4 min.
Energie • Innovation „Grüner kann Wasserstoff gar nicht sein.“ Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Meinungen Ist die Energiewende ein Krimi, Thomas Unnerstall? Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Klima #Anthropause: Sind die Delphine wirklich zurück? Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Politik • Wirtschaft Gas ist der ideale Wegbereiter für den Erfolg der Energiewende Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 6 min.
Joe Biden
Energie • Gesellschaft • Klima • Politik Joe Bidens Klimastrategie: Beschäftigung, Arbeiter, Gewerkschaften. Und ja, auch saubere Energie Dariush Jones • 6 min.
Energie • Innovation • Wirtschaft Energieeffizienz ohne Leckerlis Thomas Schmidt • 7 min.
Donald Trump
Energie • Gesellschaft • Politik • Klima Trumps Klimastrategie: “Ein goldenes Zeitalter der Energiedominanz” Dariush Jones • 7 min.
Bremst der Coronavirus die Energiewende aus?
Energie • Klima • Gesellschaft Chance oder Todesstoß? Was Corona für die Energiewende bedeutet Hans-Joachim Ziegler • 9 min.
Energie • Innovation • Klima Podcast: "Städte spielen eine zentrale Rolle für die Energiewende" Jochen Brenner • 30 min.
Wasserstoff: Energieträger der Zukunft
Energie • Klima • Meinungen Wasserstoff – Jules Vernes Vision wird Realität Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 7 min.
Energie • Innovation Nach der Energiewende ist vor der Energiewende – der lange Atem der Fusionsforschung Hans-Joachim Ziegler • 4 min.
Energie • Wirtschaft • Wissenschaft Über Sinn und Unsinn der Brennstoffzellen-Technologie Hans-Joachim Ziegler • 8 min.
Folgen Sie uns auf Social Media
Folgen Sie uns
auf Social Media