17.07.22 Jetzt erst recht! Autor*in: Jost Burger • Lesedauer: 7 min.

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Zusammenfassung

Der Run auf Urlaubsreisen ist nach dem Ende der Corona-Beschränkungen groß. Allerdings verursachen die Trips ins In- und Ausland viele Treibhausgasemissionen. Viele Menschen setzen darum auf Kompensationen. Die Angebote sind jedoch nicht alle sinnvoll. 

Vor wenigen Wochen hat das europäische Parlament wichtige Weichenstellungen auf dem Weg zu einer klimaneutralen EU beschlossen. Zwar scheint angesichts drohender Gasknappheit durch den Ukraine-Krieg so manchem die Frage nach der Klimakrise in den Hintergrund zu rücken. Dennoch hält Europa an seinem Ziel fest, bis 2050 klimaneutral zu sein. 

Es mag ein wenig ironisch erscheinen, dass diese hitzigen Debatten zu Beginn der Ferienzeit geführt werden. Denn regelmäßig zur Reisesaison starten auch die Diskussionen, ob es angesichts der Klimakrise noch zu verantworten sei, überhaupt zu verreisen – zumal, wenn das Transportmittel Flugzeuge sind. Wie jedes Jahr stellen sich Fragen wie: Ist es möglich, klimafreundlich oder gar klimaneutral zu verreisen? Welche Rolle spielen dabei Angebote, den CO2-Ausstoß durch den Kauf von Klimazertifikaten zu kompensieren? Welche Möglichkeiten bestehen sonst noch? 

Reisen verursachen 111 Millionen Tonnen Treibhausgase

Laut Umweltbundesamt verursachte ein Inlandsflug 2019 durchschnittlich 214 Gramm an Treibhausgasemissionen pro Kilometer und Person. Für den Pkw lag dieser Wert bei 154 Gramm, für Züge im Fernverkehr bei 29 Gramm. Insgesamt produzierte die Reiselust der Deutschen ins In- und Ausland laut Umweltbundesamt 2017 etwa 111 Millionen Tonnen Treibhausgase (aktuellere Zahlen gibt es noch nicht). Flugreisen sind nicht klimafreundlich, was zum Beispiel der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes belegt: Schon 20 Stunden auf interkontinentalen Flügen führen zu knapp 3,2 Tonnen Treibhausgasemissionen pro Kopf. Zur Einordnung: Der durchschnittliche Deutsche verursachte laut Umweltbundesamt 2021 11,7 Tonnen Treibhausgasemissionen – konsumbasiert, wobei auch diejenigen Emissionen berücksichtigt werden, die durch den Konsum von im Ausland hergestellten Produkten entstehen. 

Klar ist: Wer etwas fürs Klima tun will, sollte sich das mit dem Fliegen noch einmal überlegen. Klar ist aber auch: Die Reisefreude der Deutschen scheint ungebrochen. Daran hat auch Corona nichts geändert. Als im Frühjahr 2021 die Reisebeschränkungen gelockert wurden, folgte prompt ein Ansturm auf der Deutschen Lieblingsziel Mallorca. Zwar hat sich die Reisebranche noch längst nicht von den Einbrüchen der vergangenen Jahre erholt. Doch längst macht das Wort vom „Revenge Travel“ die Runde – nach dem Motto „Jetzt erst recht!“ machen sich die Menschen nicht nur in Deutschland daran, verpasste Reiseerlebnisse der vergangenen Jahre nachzuholen. 

Reisen werden nachgeholt

Dazu passen die Zahlen, die Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), im Vorfeld der Anfang März 2022 digital stattfindenden internationalen Reisemesse ITB Berlin vorstellte. Einmal im Jahr gibt der DRV zu diesem Zeitpunkt einen Ausblick auf die Reisesaison. Eine „steil ansteigende Buchungskurve insbesondere für die Sommerferien“ verzeichnete die Branche Fiebig zufolge. Zwar habe das das Minus im Februar 2020 gegenüber dem Vor-Corona-Sommer 2019 48 Prozent betragen. Aber: „Gegenüber dem relativ schwachen Reisesommer 2021 ergibt sich hingegen ein sehr deutliches Plus von 159 Prozent.“ 

Die Top 5 der Zielländer sind laut DRV in dieser Reihenfolge: Spanien (inklusive der Balearen und der Kanaren), Griechenland, die Türkei, Ägypten und Italien. Dort kommt man, mit Ausnahme von Italien, schlecht mit dem Zug hin – stattdessen muss man fliegen. Aber was ist aus der Flugscham geworden, die in den Jahren vor der Pandemie so oft diskutiert wurde? Das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) hat dieses Phänomen 2020 in einer Studie untersucht, die noch auf Vor-Corona-Zahlen beruht. Die Autoren verweisen auf „einen regelrechten Einbruch des Gesamtpassagierverkehrs an deutschen Flughäfen“ in der zweiten Jahreshälfte 2019. Das könne man auf zahlreiche Streiks an deutschen Flughäfen zurückführen. Interessant ist aber die für die Studie durchgeführte Medienanalyse. Spätestens ab Mai 2019 stieg die Anzahl des in Google eingegebenen Suchbegriffes „CO2-Kompensation“ um bis das 40-fache, „Flugscham“ um mehr als das 20-fache. 

Steigender Rechtfertigungsdruck

Insgesamt sehen die Autoren eine Entwicklung hin zu einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion über Sinn und Zweck des Fliegens. Sie stellen fest: „Sowohl für private als auch dienstliche Flugreisen nimmt der Rechtfertigungsdruck zu, insbesondere in Bezug auf den Zweck einer Reise.“ Bemerkenswert ist aber auch: Bei Ferienreisen machen die Deutschen eine Ausnahme. Bei Urlaubsflugreisen komme es in der Regel selbst bei Menschen mit hohem ökologischen Bewusstsein „zu einer Art selbst erteilter Ausnahmegenehmigung von der ansonsten geübten Nachhaltigkeitsdisziplin“. 

Wie also möglichst klimafreundlich verreisen? Geht es um die reine Mobilität, so scheint ganz offensichtlich die Bahn bei Fernreisen das Mittel der Wahl zu sein. Die DB gibt an, 61 Prozent des von ihr verwendeten Stromes stamme aus erneuerbaren Quellen. Und sie wirbt damit, dass zumindest der Fernverkehr ausschließlich mit Grünstrom betrieben wird. Beim Fliegen hoffen viele Menschen auf künftige umweltfreundliche Antriebe, etwa Elektromotoren oder Turbinen, die Wasserstoff verbrennen. Das ist laut einer Studie der Wirtschaftsberatung Roland Berger aus dem Jahr 2021 aber noch Zukunftsmusik. Flugzeuge, die durch Batterien, mit Brennstoffzellen oder die direkte Verbrennung von Wasserstoff betrieben werden, sehen die Experten frühestens Mitte der 2035er-Jahre in der Luft. 

Eine bekannte Möglichkeit, klimaneutral zu verreisen, ist die Kompensation des verursachten CO2 durch den Kauf von Klimazertifikaten. Viele Fluggesellschaften bieten die Möglichkeit, beim Ticketpreis einen geringen Betrag draufzulegen – je nach Zielort des Fluges. Dieser Betrag wird dann in Form von Emissionszertifikaten in Klimaschutzprojekte investiert. Auch Anbieter von Fernbusreisen geben ihren Kunden die Möglichkeit der Kompensation. 

Zu gering angesetzte Emissionen

Manche Fluggesellschaften werben damit, dass der CO2-Ausgleich schon im Ticketpreis enthalten und der Flug mithin automatisch klimaneutral sei. Experten sehen das kritisch: „Die von den Fluggesellschaften verwendeten CO2-Rechner setzen die Emissionen häufig zu niedrig an“, sagt Dr. Michael Bilharz vom Umweltbundesamt (UBA). Das UBA setzt denn auch in seinem eigenen CO2-Rechner andere Werte ein, denn: „Man kann davon ausgehen, dass die Klimawirkungen – zumal bei einem Fernflug – rund dreimal so hoch sind wie der reine CO2-Ausstoß durch die Verbrennung des Kerosins.“ Dabei entstehen nämlich unter anderem auch klimawirksame Stickoxide, Rußpartikel und Wasserdampf, die in den CO2-Rechnern der Fluggesellschaften nicht oder eher zu niedrig berücksichtigt würden. 

Wer seinen CO2-Fußabdruck kompensieren möchte, sollte deshalb auf andere Anbieter zurückgreifen. Plattformen wie atmosfair.de, climatefair.de, klima-kollekte.de, primaklima.org oder myclimate.org bieten die Möglichkeit, die Kohlendioxid-Emissionen einer Reise realistisch zu ermitteln. Ihre CO2-Rechner berücksichtigen oft auch Details wie die gewählte Flugklasse oder Zwischenstopps. Entsprechend der Menge an emittiertem CO2 wird ein Betrag errechnet, der über den Anbieter in Form von CO2-Zertifikaten in Klimaschutzprojekte investiert wird. Das gekaufte Zertifikat wird „gelöscht“, das heißt, es ist nicht mehr handelbar – und der persönliche CO2-Ausstoß bei einer Reise ist damit kompensiert. 

Ein Beispiel, berechnet mit der Plattform Atmosfair, sieht so aus: Ein Flug für vier Personen von Berlin in der Economy Class nach Los Angeles mit einem Zwischenstopp in New York verursacht rund 25 Tonnen CO2. Kompensiert werden kann das über den Anbieter mit einer Investition von 585 Euro. Gar gleich die ganze Reise „grün“ zu buchen, bieten zum Beispiel Öko-Reiseportale wie Bookitgreen, Bookdifferent oder Fairweg an.  

Kompensieren nach dem Goldstandard

Wichtig ist, bei den gewählten Projekten auf Standards zu achten. Der WWF etwa empfiehlt, ausschließlich auf Projekte zu setzen, die nach dem sogenannten „Gold Standard“ zertifiziert werden. Sie beachten neben dem Beitrag zum Klimaschutz auch andere Nachhaltigkeitsfaktoren. Ein Beispiel sind Projekte, die es Menschen in der Dritten Welt ermöglichen, statt mit offenem Holzfeuer mit umweltfreundlicheren Öfen zu kochen. Dadurch sinkt der CO2-Ausstoß, zugleich aber verbessert sich auch die gesundheitliche Lage der Betroffenen durch geringere Rauchentwicklung und den Schutz vor Verletzungen durch das offene Feuer. 

Kritisch sollte man dabei Investitionen in Wiederaufforstungsprojekte sehen: „Die Emissionen bleiben 1.000 Jahre lang in der Atmosphäre. Ein wiederaufgeforsteter Wald braucht lange, um größere Mengen an CO2 zu absorbieren, und die Dauerhaftigkeit des Waldes wird oft nur für einige Jahrzehnte garantiert“, sagt Klimaexpertin Juliette de Grandpré vom WWF. 

Kompensation ist aber nicht die einzige Möglichkeit, klimafreundlich zu reisen. Darauf weist der Nachhaltigkeitsberater Herbert Haberl hin. „Nachhaltig reisen geht mit sanftem Tourismus einher und bedeutet, sich auch vor Ort verantwortungsvoll zu verhalten“, so Haberl. Das bedeute: Müll vermeiden, Wasser sparen, aber auch die Kultur und Traditionen respektieren sowie die Tier- und Pflanzenwelt nicht zerstören. Auch vor Ort solle man sich Gedanken über umweltfreundliche Mobilität machen. Kleinere Pensionen, Apartments oder nachhaltig geführte Hotels haben einen deutlich kleineren CO2-Fußabdruck als die klassischen Großanlagen. Und nicht zuletzt: „Nur so viel einpacken, wie man benötigt. Weniger Gewicht bedeutet weniger Treibhausgasemissionen bei der Fortbewegung.“ 

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