Lenin auf einer Briefmarke.

03.06.20 Russland überholt seine fossilen Kraftwerke Dariush Jones • 6 min.

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Zusammenfassung

Russland ist nach Landmasse das größte Land der Welt. Es erstreckt sich über gut 17 Millionen Quadratkilometer und neun Zeitzonen. Der russische Strommarkt ist der viertgrößte der Welt; nur die Märkte der Vereinigten Staaten, Chinas und Japans sind größer. Jährlich wird mehr als 1 Billion Kilowattstunden Strom produziert, doppelt so viel wie in Frankreich. Vor genau 100 Jahren nahm dieses riesige Energiesystem seinen Anfang. Derzeit durchläuft es eines der größten Modernisierungsprogramme seiner Geschichte.

Auftakt: ein Mann, eine Karte, eine Zukunftsvision

Am Heiligabend 1920 stand ein Mann auf der Bühne des Bolschoi-Theaters in Moskau vor einem großen Publikum. Er sang weder eine Arie noch tanzte er ein Ballettsolo. Er stellte den Delegierten des achten gesamtrussischen Sowjetkongresses den Plan zur Elektrifizierung Russlands vor. Er sprach mit großer Leidenschaft und Überzeugung, wobei er wiederholt auf eine überdimensionierte, hell erleuchtete Karte deutete, die am Vorhang hinter ihm befestigt war. Die Karte zeigte im Detail, wie das Stromsystem ein Jahrzehnt später aussehen sollte. Der Redner war Wladimir Iljitsch Lenin.

Er sagte voraus: „Wenn Russland sich mit einem dichten Netz von elektrischen Kraftwerken und mächtigen technischen Anlagen bedeckt haben wird, dann wird unser kommunistischer Wirtschaftsaufbau zum Vorbild für das kommende sozialistische Europa und Asien werden.“ Diese Zukunftsvision löste laut Lenins Werke „stürmischen, nicht enden wollenden Beifall“ aus (Seite 515). Doch die Karte selbst sagte noch viel mehr aus, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens war sie mit mehr als 100 neuen Kraftwerken gespickt, welche die russischen Stromerzeugungskapazitäten innerhalb von nur zehn Jahren um mehr als das Zwanzigfache auf insgesamt 7,7 Gigawatt (GW) steigern sollten. Zweitens überforderte die Beleuchtung der Karte die damals noch fragile Strominfrastruktur Moskaus dermaßen, dass es in mehreren Stadtvierteln zu Stromausfällen kam. Die futuristische Karte und die dadurch verursachten Ausfälle verdeutlichten Russlands kühne Ambitionen für die Zukunft ebenso wie den rudimentären Status quo.

Heute: abschalten oder modernisieren?

Hundert Jahre später setzt Russland zu einem weiteren Mehrjahresplan zur Modernisierung des Stromsystems an. Der Grund ist einfach: Viele fossile Kraftwerke sind veraltet. Die meisten sind seit mindestens 35 Jahren am Netz und nur bei rund einem Viertel kommen moderne Technologien zum Einsatz. Die antiquierten Anlagen werden zunehmend unzuverlässig und müssen im Laufe des kommenden Jahrzehnts renoviert oder ersetzt werden. Ersatz wäre teuer und würde zu höheren Strompreisen führen. Die russische Regierung hat daher für den Zeitraum 2022 bis 2035 ein Modernisierungsprogramm aufgelegt. In Fachkreisen heißt es DPM2 (DPM ist die russische Abkürzung für „Kapazitätslieferverträge“).

Lenin auf einer Briefmarke

V. I. Lenin (1870-1924)

DPM2 sieht die Überholung von 40 GW fossiler Kraftwerkskapazitäten vor, 16 % des Gesamtvolumens. Ein Typisches Modernisierungsprojekt ist der Ersatz von Dampfkesseln oder Turbinen. Die Auswahl der Projekte erfolgt über Auktionen auf Basis rein wirtschaftlicher Kriterien. Anschließend wählt das Energieministerium eine kleine Anzahl von Projekten aus, die bei der Auktion nicht zum Zuge kamen, um seine Entwicklungsstrategie für einzelne Regionen umsetzen. Nach Instandsetzung erhält das Kraftwerk für 16 Jahre Kapazitätszahlungen, die dem Betreiber eine Kapitalrendite nach Steuern von rund 14 % versichern (die Höhe der Rendite ist an die Höhe russischer Staatsanleihen gekoppelt). Die ersten Auktionen für Anlagen, die von 2022 bis 2025 wieder ans Netz gehen, fanden im April und September 2019 statt.

Das Los geht an...

Die Beteiligung war hoch: Bei den zwei Auktionen wurden insgesamt 445 Projekte vorgeschlagen. Die Ergebnisse waren überraschend. Für die erste Auktion mit rund 9 GW Kraftwerksleistung hatte die Regierung mit Investitionen von rund 420 Milliarden RUB bzw. 5,2 Milliarden USD gerechnet. Stattdessen beliefen sich die Gesamtinvestitionen der ausgewählten Projekte auf lediglich 62 Milliarden RUB bzw. 0,8 Milliarden USD. Die zweite Auktion, für 4 GW, verlief ähnlich. Einige industrielle Kunden beschwerten sich, dass die Kraftwerksbetreiber für kleinere Modernisierungsmaßnahmen mit einer Rendite von 14 % belohnt wurden, , obwohl sie diese vielfach auch ohne DPM2 umgesetzt hätten.

Vladimir Sklyar und Anastasia Tikhonova, Analysten bei VTB Capital in Moskau, sehen das anders: „Die Regierung wollte die Betriebslebensdauer von wichtigen Anlagen um 16 Jahre verlängern. Dieses Ziel hat sie erreicht, und zwar zu 15 % der ursprünglich erwarteten Kosten und zu 11 % der Kosten für den Neubau. Sie kann somit für zuverlässigen, preiswerten Strom sorgen.“

Modernisierung, Dekarbonisierung oder beides?

Die Bezeichnung DPM2 legt nahe, dass es eine DPM1 gab. Dieses Modernisierungsprogramm, das von 2008 bis 2018 lief, umfasste den Neubau von 30 GW modernster Gas- und Dampfkraftwerkskapazitäten. Im Gegenzug erhielten die Betreiber garantierte Kapazitätszahlungen für zehn Jahre. Diese hocheffizienten Anlagen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die meisten russischen Stromerzeuger ihre Klimabilanz im letzten Jahrzehnt deutlich verbessert haben, in einigen Fällen um 15 bis 30 %.

Bei den ersten beiden DPM2-Auktionen dagegen kamen meistens kostengünstige Ersatzmaßnahmen zum Zuge, die laut Sklyar und Tikhonova die C02-Emissionen der Anlagen lediglich um insgesamt 1% reduzieren werden. Zwei weitere russische Energieexperten, Tatiana Mitrova und Vitaly Yermakov, sind besorgt, dass DPM2 „den Status quo für die nächsten paar Jahrzehnte festschreibt.“ Demnach werden „alte, ineffiziente Komponenten durch neue derselben Art ersetzt.“ Indessen stehen noch sechs DPM2-Auktionen aus (die nächste ist für Juni 2020 geplant, könnte aber wegen Corona verschoben werden). Sollte sich die Regierung für eine ambitioniertere Modernisierung und Dekarbonisierung entscheiden, hat sie noch reichlich Spielraum.

Grüner Druck von außen?

Doch gibt es hierzu derzeit wenig Anlass. Russland verfügt über 80 GW CO2-freier Kraftwerkskapazitäten (50 GW Wasserkraft, 30 GW Atomkraft). Das ist mehr als die Gesamtkapazitäten der Türkei und des Irans. Der hohe Anteil an sauberer Energie ist der Hauptgrund dafür, dass trotz der vielen alten fossilen Kraftwerke die Klimabilanz des russischen Stroms auf dem Niveau von Dänemark ist, besser als Deutschland und die USA und etwa zweimal besser als Australien und Polen. Zudem hat Russland im Oktober 2019 das Pariser Klimaabkommen ratifiziert und wird seine (zugegebenermaßen wenig ambitionierten) Ziele für 2030 voraussichtlich erreichen.

Andererseits ist aufgrund der großen Abhängigkeit der russischen Industrie von fossilen Brennstoffen die Energieintensität der russischen Volkswirtschaft um 50 % höher als die der USA und zweimal höher als die der führenden europäischen Volkswirtschaften. Viele Länder wollen CO2-Steuern auf Importe einführen. Wenn der Energiesektor und die Industrie Russlands nicht klimafreundlicher werden, entstehen dadurch für russische Exporte Wettbewerbsnachteile. Russland will den Anteil der Wind- und Sonnenenergie am Primärenergiebedarf von 3,3 % im Jahr 2017 auf 4,5% im Jahr 2024 erhöhen. Zudem könnte, wie oben ausgeführt, DPM2 immer noch als Instrument für ehrgeizigere Dekarbonisierung eingesetzt werden. In den kommenden Jahrzehnten dürfte jedoch der Hauptantrieb zum Klimaschutz in Russland von außen kommen: die Notwendigkeit, klimafreundlichere Exporte auf den Markt zu bringen, um CO2-Steuern zu vermeiden. Beginn und Verlauf dieser Modernisierungsphase bleiben abzuwarten.



Quellen ohne Hyperlinks

  • Jonathan Coopersmith. The electrification of Russia, 1880–1926. Ithaca: Cornell
    University Press, 1992.

  • Alexey Khokhlov and Yury Melnikov. “Market liberalization and decarbonization of the Russianelectricity industry: perpetuum pendulum.” The Oxford Institute for Energy
    Studies (May 2018).

  • Vladimir Sklyar and Anastasia Tikhonova. Modernisation bulletin, vol. 1: Adam Smith and
    government commission
    . VTB Capital (June 2019).

  • _____. Modernisation bulletin, vol. 2: Decarbonisation missed, maintenance capex to grow. VTB Capital (November 2019).

  • _____. Russian utilities. Modernisation handbook (final edition). VTB Capital (January
    2019).







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