23.04.20 Mexiko-Stadt lüftet durch Franka Freiburg • 7 min.

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Zusammenfassung

Einst galt die Metropole als die Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung der Welt. Doch der ökologische Umbau ist in vollem Gange. Mit ihrem „Plan Verde“ soll die Megacity bis 2030 grün und nachhaltig werden. Eine Umweltpolitikerin mit deutschen Wurzeln hat den Wandel vorangetrieben.

Mexiko-City zählt zu den größten Städten der Welt. Mehr als 21 Millionen Menschen leben in der Metropolregion, das ist etwa ein Sechstel der Bevölkerung des ganzen Landes. Eines der größten Probleme der Megacity ist der Verkehr: Rund 4,5 Millionen Autos verstopfen täglich die Straßen – und verursachen damit etwa 45 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen. Wer zur Arbeit pendelt, steckt jeden Tag im Stau, im Durchschnitt fast 230 Stunden pro Jahr, und sorgt damit für dicke Luft.



Eine Stadt leidet


In den 1990ern kürten die Vereinten Nationen Mexiko-City zur Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung der Welt. Ein Cocktail aus Industrie- und Autoabgasen machte die Luft so toxisch, dass manche berichteten, sie hätten Vögel tot vom Himmel fallen sehen. Ob das nun stimmt oder nicht: Fakt ist, wer die Luft atmete, nahm so viele Schadstoffe zu sich wie ein Kettenraucher, der täglich zwei Schachteln Zigaretten inhalierte. Seitdem ist viel passiert: Altfahrzeuge wurden aus dem Verkehr gezogen, Fahrverbote erlassen, die Industrie zum Einbau von Katalysatoren verpflichtet und Umweltschutzmaßnahmen für bestehende Industrieanlagen deutlich verschärft. Mittlerweile findet man Mexiko-Stadt nur noch auf Platz 461 der von Feinstaub geplagtesten Städte. Eine, die den ökologischen Wandel mitgestaltet hat, ist die Deutsch-Mexikanerin Tanya Müller García, die ehemalige Umweltministerin der Stadt. 

Die Tochter eines Deutschen wuchs am Bodensee auf, lernte saubere Luft, Fahrradfahren und blauen Himmel als etwas Selbstverständliches kennen. Dann zog sie als Jugendliche nach Mexiko-Stadt: diese Riesenmetropole in einem Talkessel, die fast immer unter einer Glocke aus Smog lag, sodass die Sonne hinter Grauschleiern verborgen blieb.

Mexiko City grün

Mexiko City

Eine Umweltaktivistin, die Mexiko-Stadt in eine grüne Metropole verwandelt

In Berlin studierte sie „International Agricultural Economics and Management“, arbeitete später in Honduras als Agraringenieurin und kehrte dann Anfang der 2000er nach Mexiko zurück. Müller García ist eine, die mitgestalten will. Eine, die anpackt. Eine, die keine Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen. Die Umweltaktivistin engagierte sich in dem Ausbau von Stadtgärten im Zentrum von Mexiko-City und das so erfolgreich, dass der damalige Bürgermeister sie 2012 als Umweltministerin in sein Kabinett berief. Dort sollte sie den „Plan Verde“ vorantreiben, den grünen Plan, der die Hauptstadt Mexikos bis 2030 in eine nachhaltige und grüne Stadt verwandeln soll. Ein Vorzeigeprojekt für ganz Lateinamerika und einzigartig für ein Schwellenland.

Bürger sollen auf Bus und Rad umsteigen

Einer der Eckpfeiler ist es, das Verkehrsproblem in den Griff zu bekommen. Die Menschen von ihrem geliebten Statussymbol, dem Auto, zu trennen. Seit den 90er Jahren hat sich die Zahl der gemeldeten Autos von zwei auf fünf Millionen mehr als verdoppelt. Deswegen hat die Regierung mehr als umgerechnet drei Milliarden Euro in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und in die Infrastruktur für Fahrradfahrer gesteckt. Denn Studien, die das Umweltministerium unter Müller García in Auftrag gab, konnten belegen, dass von den täglichen 20 Millionen Autofahrten in Mexiko-Stadt über die Hälfte kürzer als acht Kilometer sind. Deshalb wurde nicht nur ein Fahrradverleihsystem nach europäischem Vorbild etabliert, mittlerweile das größte in Nordamerika, sondern auch neue Fahrradspuren entlang der Hauptverkehrsstraßen eingezogen. So können Radfahrer nun schnell und sicher an den Autofahrern vorbeiziehen, die sich zu den Stoßzeiten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von unter 10 km/h durch den Verkehr quälen.
Die Straßen betrachtet Müller García als öffentliche Raum: für Fußgänger, Fahrräder und den Nahverkehr – und eben nicht nur für Autos. Die sind sonntags in der Innenstadt gänzlich verboten, um Fußgängern und Fahrradfahrern Platz und Luft zum Atmen zu verschaffen.

Mit Stadtgärten und bepflanzten Autobahnen von Grau zu Grün

Bei ihrem Versuch, die Stadt zu begrünen, stieß Müller García auf das Problem, mit dem viele der rasant wachsenden Megacitys zu kämpfen haben: Es mangelt an Platz. Zwar gibt es in Mexiko-Stadt Parks, schwimmenden Gärten und baumgesäumte Alleen, aber die reichen nicht aus, um gegen die 50 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen tatsächlich etwas auszurichten. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind neun Quadratmeter Grün pro Einwohner nötig, um chronische Atemwegserkrankungen zu verhindern. Davon ist Mexiko-Stadt noch weit entfernt. Sie kommt gerade mal auf 5,3. Bis 2030 sollen nun weitere 30 Millionen Quadratmeter Grünfläche entstehen. Aber wie? 
Die Lösung fand die Umweltministerin mit Blick nach oben: auf den Dächern der Stadt. Allein 2015 stellte sie mehr als 1,3 Millionen Euro bereit, um die Brachflächen der Dächer in blühende Gärten zu verwandeln, in denen die Menschen Gemüse, Früchte und Gewürze anbauen können. Daraus ist eine Urban-Gardening-Bewegung entstanden, die kontinuierlich wächst.

Und noch ein weiteres Projekt hat das Umweltministerium unterstützt: die Vía Verde, die grüne Straße. An mehr als 1000 Säulen des zweistöckigen Autobahnrings, der sich durch die Stadt zieht und eine der meistbefahrenen Straßen überhaupt ist, wurden vertikale Gärten angelegt, die giftige Abgase filtern, die thermische Aufheizung durch den Verkehr verringern und Sauerstoff produzieren.
Das Konzept ist nicht neu: Auch andere eng besiedelte Großstädte wie London, São Paulo und Beirut setzen darauf. In China soll sogar eine ganze Waldstadt entstehen.

Eine Nachfolgerin mit ambitionierten Zielen

Der ökologische Umbau wird die Stadt noch die nächsten Jahrzehnte begleiten. Tanya Müller García hat 2018 als Umweltministerin abgedankt. Aber es gibt eine neue, die den Kampf gegen den Smog weiterführt: die seit 2019 amtierende Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum, eine Umweltforscherin, die dem Weltklimarat angehörte, als der 2007 den Friedensnobelpreis bekam. Sie hat gerade ein umfassendes Paket zur Verbesserung der Luftqualität beschlossen, das den Ausstoß von Treibhausgasen innerhalb von fünf Jahren um 30 Prozent reduzieren soll.

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