17.06.20 Mit „grünem Kerosin“ gegen die Flugscham Thomas Schmidt • 4 min.

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Zusammenfassung

Die gute Nachricht: Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid liefern alles Nötige für grünes Kerosin. Die schlechte Nachricht: Die „Sun to Liquid“-Technologie braucht bis zur Marktreife noch ein bisschen Zeit. Ein Überblick.

Das Schwedische bereichert die deutsche Sprache. Mit „Troll“, „Knäcke“, „Ombudsmann“ und neuerdings „flygskam“, zu Deutsch: Flugscham. Gemeint ist das schlechte Gewissen, das so manche Reisende beschleicht, wenn sie in ein Flugzeug steigen. Geschäftsreisende fragen sich: Ist für dieses Meeting wirklich meine Anwesenheit unverzichtbar, wäre es per Zug nicht ähnlich schnell gegangen? Und Privatreisende mögen damit hadern, für ein Wochenende nach Tallinn, Rom oder New York zu jetten. Weil: Gut für die Umwelt ist das nicht.

Zwar sind Flugzeuge nur für drei Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich (Straßenverkehr: 17 Prozent), allerdings geht es nicht allein um Kohlendioxid. In großer Höhe ausgestoßene Stickoxide und Aerosole, dazu Ruß und Kohlenmonoxid, sorgen für ungewollte Nebeneffekte. Die Abgase bilden Wolken in einer Höhe, die sonst wolkenlos wäre. Diese künstlichen Wolken stehen im Verdacht, die Erde aufzuheizen. „Wahrscheinlich ist, dass der Flugverkehr stärker für den Klimawandel verantwortlich ist, als der reine CO₂-Ausstoß vermuten ließe“, sagt der Atmosphärenforscher Andreas Zahn, nämlich bis zu dreimal höher.

„Die subventionierte Umweltsau“

„Das Flugzeug ist das mit Abstand umweltschädlichste Verkehrsmittel“, schreibt DIE ZEIT. Dass es dennoch mit steuerfreiem Kerosin subventioniert wird, sei „der größte energetische Skandal der Gegenwart“. Titel des Beitrags: „Die subventionierte Umweltsau.“ Klima- und Umweltschützer fordern seit Jahren, Kerosin zu besteuern und damit das scheinbar unaufhaltsame Wachstum des Flugverkehrs zu dimmen. Denn eine überzeugende Alternative zu Kerosin als Treibstoff zumindest für Langstreckenflüge gibt es derzeit nicht.

Was es allerdings gibt: eine Alternative zu Kerosin aus Erdöl, nämlich „grünes Kerosin“. Derzeit konkurrieren mehrere Methoden dafür miteinander. Ein Ansatz besteht darin, Bioabfälle zu verarbeiten. Der finnische Marktführer Neste nutzt für sein „Biokerosin“ zu 80 Prozent Fette und Öle, Abfälle und Reststoffe. Doch die Vorräte an Bioabfällen sind endlich. Auf Mais, Weizen oder Raps auszuweichen – Stichwort: „Tank oder Teller?“ –, ist höchst umstritten. Erfolgversprechender ist ein anderer Ansatz: Power to Liquid. Überschüssiger Strom aus Solar- und Windanlagen spaltet Wasser in Sauer- und Wasserstoff auf, und der wird anschließend mit Kohlendioxid zu Kerosin verarbeitet. Der nötige Energieeinsatz macht dieses „Power to Liquid“-Verfahren allerdings mäßig effektiv.

Sonne zu Kerosin

Schlauer ist es, die Sonne direkt zu nutzen. Dafür ist es allerdings entscheidend, das Sonnenlicht zu konzentrieren – etwa um den Faktor 2500. Dafür sorgen in „Sun to Liquid“-Projekten wie im spanischen Móstoles sogenannte Heliostaten. Große Felder mit Spiegeln fokussieren das auftreffende Sonnenlicht, genau auf einen Reaktor, der in einem „Solarturm“ eingebaut ist. Bei Temperaturen von 1500 °C wird im Reaktor aus Wasser und CO2 per chemischer Reaktion ein Synthesegas produziert, das wiederum in Kerosin umgewandelt wird.

Die Ausbeute beim „Sun to Liquid“-Projekt in Móstoles: ein Liter grünes Kerosin pro Tag. Der Wirkungsgrad der Anlage liegt bei fünf Prozent. Mindestens viermal so hoch müsste der Wirkungsgrad liegen, damit sich das Ganze ansatzweise rechnet. Und natürlich muss die Sonne viel scheinen. Deshalb lassen sich Solartürme am besten in den Trockengebieten der Erde betrieben: dort, wo der Himmel meist wolkenlos ist. Die Sahara oder auch Gebiete der Arabischen Halbinsel kommen dafür in Frage, in Europa etwa der Süden Spaniens. Auch in Zentralasien, im Süden Afrikas, in Australien und in Nord- und Südamerika gibt es geeignete Regionen.

Flugscham als Entwicklungstreiber

Doch vor weiteren Pilotprojekten steht die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. So billig wie Kerosin aus Erdöl wird grünes Kerosin kaum jemals werden, das sagen die Forscher offen. Sie wären schon froh, wenn sie in zehn Jahren einen Literpreis von 1,30 Euro anbieten könnten. Kerosin aus Erdöl kostet nicht einmal die Hälfte, derzeit sogar nur ein Viertel davon – so ganz ohne Steuern.

Das Preisgefälle zwischen „grünem“ und „schwarzen“ Kerosin lässt sich daher nur über Steuern nivellieren – oder eben über die Flugscham. Das Szenario: Wer sich für sein Fliegen nicht schämen möchte, bezahlt ungefähr ein Drittel mehr für sein Ticket – und fliegt dafür mit grünem Kerosin.

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