25.06.20 Die Sorge für das gemeinsame Haus Dariush Jones • 6 min.

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Zusammenfassung

Im Mai 2020 gab der Vatikan den Startschuss zu einem Gedenkjahr für „Laudato Si’: Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, die Enzyklika über Umweltschutz von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015. Debate.Energy schaut zurück auf das Sendschreiben und die Reaktionen, die es ausgelöst hat, und wirft einen Blick auf die Events der kommenden zwölf Monate.

Die Enzyklika „Laudato Si’“ beginnt mit den Worten des heiligen Franz von Assisi, Namensvetter und Vorbild von Papst Franziskus: „Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter“ (1). Dieser Gesang aus dem dreizehnten Jahrhundert enthält im Kern die Hauptbotschaft des Sendschreibens: Die Beziehung der Menschen zur „Schwester“ Erde ist brüderlich, und sie sind „allem, was existiert, innerlich verbunden“ (11). Nach der biblischen Entstehungsgeschichte „herrschen“ zwar die Menschen über den ganzen Planeten, sind aber, wie Franziskus betont, von Gott beauftragt, den Garten der Erde „zu bebauen und zu bewahren“ (67).

Das Problem: das techno-ökonomische Paradigma

Diesen Auftrag befolgt die Menschheit in Franziskus’ Augen äußerst nachlässig. Das Problem sieht er darin, dass unsere Beziehung zum Planeten vom techno-ökonomischen Paradigma geprägt sei. Nach diesem Paradigma erlangt das menschliche Subjekt durch die Anwendung von logischen Verfahren Kontrolle über ein externes Objekt. Hierfür sei die wissenschaftliche Methode, welche die Enzyklika als eine „Technik des Besitzens, Beherrschens und Umgestaltens“ anprangert, beispielhaft (106). Unter dem techno-ökonomischen Paradigma verhalte sich der Mensch der Natur gegenüber „feindselig“. “Von da aus gelangt man leicht zur Idee eines unendlichen und grenzenlosen Wachstums, das die Ökonomen, Finanzexperten und Technologen so sehr begeistert” (106). Für den Papst entwickelt sich das Leben allmählich dahin, „sich den Umständen zu überlassen, die von der Technik geprägt werden“. Die Symptome hierfür sind „die Umweltverschmutzung, die Angst und der Verlust des Lebens- und Gemeinschaftssinns“ (110).

Die Lösung: integrale Ökologie

Nach Franziskus soll das techno-ökonomische Paradigma abgelöst werden durch eine „integrale Ökologie“, in der „ein wirklich ökologischer Ansatz“ gleichzeitig immer auch „ein soziale[r] Ansatz“ ist. Nur dieser doppelte Ansatz setze uns in die Lage, „die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“ (49). Ein solcher Paradigmenwechsel habe mehrere Konsequenzen. Erstens seien Biodiversität und kulturelle Vielfalt gleichermaßen wichtig: „Die Durchsetzung eines vorherrschenden Lebensstils … kann genauso schädlich sein wie die Beeinträchtigung der Ökosysteme“ (145). Zweitens müsse nachhaltige Entwicklung sowohl die Solidarität mit den Armen der eigenen Generation als auch die Solidarität zwischen den Generationen umfassen, „da die Erde, die wir empfangen haben, auch jenen gehört, die erst noch kommen“ (162). Schließlich setze die integrale Ökologie „diversifizierte Verantwortlichkeiten“ (52) voraus: Die entwickelten Länder, deren Wohlstand auf einer starken Industrialisierung und damit auf mehr als einem Jahrhundert massiver Kohlenstoffemissionen beruht, müssen „eine gewisse [wirtschaftliche] Rezession akzeptieren“, damit die Entwicklungsländer die Mittel haben für „ein[en] gesunde[n] Aufschwung“ (193).

Der Widerhall: gemischt

An der Mahnung des Papstes zur „Sorge für das gemeinsame Haus“ schieden sich – wie sollte es anders sein – die Geister. Für die „New York Times“ war die Enzyklika „revolutionär“ und „zutiefst beunruhigend für diejenigen, die ein persönliches Interesse am Status quo haben“. Der britische „Guardian“ ging weiter und bezeichnete sie als „das erstaunlichste und vielleicht ehrgeizigste päpstliche Dokument der letzten 100 Jahre“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ meinte dagegen, das Sendschreiben biete „so viele Beispiele für eine einseitige Negativwahrnehmung, dass in der Summe ein Zerrbild der Zivilisation entsteht“. Angesichts der vom Papst geforderten sozialen Verantwortung fragte sich der „Cicero“: „Welches Los blüht den Arbeitenden dieser Erde, wenn die Kaufzurückhaltung bis zu jener Schwelle führt, an dem sie durch einen massiven Nachfrageeinbruch Arbeitslosigkeit generiert?“ Trotz Vorbehalten gegenüber einzelnen Punkten der Enzyklika erkannten viele Kritiker jedoch ihre Bedeutung als „globalen Weckruf“ an.

Enzyklika-Recycling: das Jubiläumsjahr

Im Jubiläumsjahr für „Laudato Si‘“, das bis Ende Mai 2021 dauert, will die katholische Kirche für das Konzept einer integralen Ökologie und für sozial verantwortliches Handeln werben. So gab das „Global Catholic Climate Movement“ gleich zu Beginn des Jahres am 18. Mai 2020 bekannt, dass 42 Glaubensinstitutionen sich verpflichtet haben, ihre Anlagen in Unternehmen der fossilen Industrie zu veräußern.

Jubiläen geben üblicherweise Anlass zu Tagungen, und dieses gleich zu mehreren: „Reinventing the Global Educational Alliance“ (am 15. Oktober 2020 im Vatikan); die „Economy of Francis“, die rund 2000 junge Ökonomen und Unternehmer aus 115 Ländern zusammenbringen wird, um Ansätze zur Förderung von Innovation, Umweltschutz und Menschenwürde zu erarbeiten (19. bis 21. November 2020 im italienischen Assisi); zum Ende des Gedenkjahres eine Abschlussveranstaltung (20. bis 22. Mai 2021 in Rom). Darüber hinaus soll eine Reihe von katholischen Institutionen Pläne aufsetzen, um in den kommenden sieben Jahren vollständig nachhaltig zu werden. Außerdem ist eine alljährliche Verleihung von Laudato-Si’-Preisen geplant.

Ziel des Jubiläumsjahrs ist es, das päpstliche Plädoyer, für die Erde, füreinander und für künftige Generationen zu sorgen, lebendig zu halten – damit die Botschaft einer integralen Nachhaltigkeit selbst nachhaltig wird.

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