22.09.21 Nur gemeinsam zum Ziel: Anregende Diskussion um Investitionen in eine klimaneutrale Zukunft Autor*in: Benedikt Schwan • Credits: Getty Images/Ivan Bajic • Lesedauer: 3 min.

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Zusammenfassung

Wie schaffen wir es, möglichst schnell klimaneutral zu werden? Und dabei gleichzeitig die Menschen und auch die Wirtschaft mitzunehmen, ohne dass es für beide Gruppen zu negativen Effekten kommt? Beim Tagesspiegel Debate.Energy Talk #1 war dies das Thema – mit Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Finanzen.

Kurz vor dem Start des nächsten UN-Klimagipfels am 1. November in Glasgow hat das Team des Berliner Tagesspiegels zusammen mit den Machern von Debate.Energy zu einer spannenden Kurzrunde geladen: Beim Tagesspiegel Debate.Energy Talk #1 ging es am Dienstagmittag in sehr gerafften wie inhaltlich dichten anderthalb Stunden um die Frage, wie wir zur Klimaneutralität gelangen.

Denn vom Kohle- und Atomausstieg über die Installation von Erneuerbaren Energien bis hin zu neuen Infrastrukturen für die klimaneutrale Ausrichtung von Energiewirtschaft und Industrie: Längst ist allen Beteiligten klar, dass die Finanzierung dieser Vorhaben eine – wenn nicht die – Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel spielt. Immerhin werden bis 2030 jährlich 2,5 Billionen Dollar benötigt, um die ehrgeizigen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu erreichen, haben Experten errechnet.

Mit in der Diskussion waren spannende Gäste. Hildegard Bentele (CDU), MdEP und Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie des Europäischen Parlaments, vertrat die politische Seite. Dr. Frank Possmeier, Executive Vice President Renewables bei Uniper war als Vertreter der Energiewirtschaft im Panel. Der renommierte Klimaschutzexperte Dr. Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik, Öko-Institut e.V., zeigte den aktuellen Stand der Wissenschaft auf – und erläuterte, wie es möglich ist, diesen mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten in Einklang zu bringen. Dr. Henrik Pontzen, Leiter Environmental, Social, and Corporate Governance im Portfoliomanagement bei der Union Investment Institutional GmbH, vertrat wiederum die Seite des Kapitals, das auf nachhaltige und dennoch gewinnbringende Investments hofft. Und Nima Nader, Leiter Klimapolitik, WirtschaftsVereinigung Metalle e.V., zeigte die aktuelle Situation aus Sicht der Wirtschaft auf – nämlich jene der Betriebe, die akut mit all den Änderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität konfrontiert werden.

Der Tagesspiegel Debate.Energy Talk #1 fand natürlich nicht der Weisheit letzten Schluss. Dennoch zeigten die Diskutanten in dieser Zusammensetzung, dass alle – wirklich alle – beim gemeinsamen Ziel, den Klimawandel aufzuhalten, an einem Strang ziehen müssen. Dabei gilt es, technologieoffen zu denken, andere mitzunehmen und zu lernen, sich in die Lage von Unternehmen und Menschen zu versetzen, die direkt betroffen sind. Und nicht jede Entscheidung muss für alle richtig sein.

Beispiel Atomkraft: Während Matthes vom Öko-Institut das Thema zumindest in Deutschland für „durch“ hielt und keine neue Debatte aufmachen möchte, da dies den Weg in die Klimaneutralität nur ausbremsen würde, gab MdEP Bentele zu bedenken, dass das nicht alle Länder in der Europäischen Union so sehen. „In Deutschland ist die Diskussion um Atomkraft vorbei, aber nicht in Europa“, sagte sie. Investorenvertreter Pontzen sieht zwar in der Kernenergie ebenso keine Zukunft mehr und seine Nachhaltigkeitsfonds haben deshalb etwa französische Staatsanleihen abgestoßen – weil Atomkraft für den staatlichen Energieversorger EDF eine zentrale Rolle im Energiemix spielt – abgestoßen. Doch auch er räumt ein: „Es gibt zahlreiche Zielkonflikte. Ideologie hilft nicht.“ Man müsse „alle Sektoren nachhaltig“ machen.

Wirtschaftsvertreter Nader fürchtet Billigkonkurrenz aus anderen Ländern, die weniger strenge Regeln haben. „Wir sind unglaublich hart in Konkurrenz mit anderen Regionen wie China, wo es einen enorm schlechten CO2-Fußabdruck gibt“, sagte er für seinen Bereich, die Nichteisenmetalle. Man gehe die Schritte der CO2-Vermeidung mit, habe aber noch nicht für alles neue Technologien zur Verfügung. Auch Ausgleichszahlungen für Abschaltbescheide reichten nicht. "Die Abschaltung von Unternehmen ist kein Geschäftsmodell.“ Seine Mitgliedsfirmen wollten produzieren.

Matthes vom Öko-Institut glaubt, dass der Weg zur Klimaneutralität nicht nur mit dem Aufbau von Infrastrukturen – vom Leitungsausbau über Anlagen der Erneuerbaren Energien bis hin zu Speichersystemen – verbunden ist, sondern auch mit deren Abbau. „Welcher Teil der Gasindustrie übersteht den Klimaneutralitäts-Stresstest?“, fragte er. Uniper-Renewables-Chef Dr. Frank Possmeier glaubt, dass der Umbau machbar ist, „wenn wir gemeinsam die Transformation in Angriff nehmen“. Man müsse schneller und besser werden. "Der Klimawandel überholt die Genehmigungspraxis in Deutschland“, so Possmeier. Der marktorientierte Ansatz sei zu bevorzugen. „Wir brauchen Technologieoffenheit – mit dem Ausbau der Erneuerbaren und dem Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft treiben wir bereits die Dekarbonisierung voran. Mit den richtigen Rahmenbedingungen ginge das deutlich schneller.“ Ein Problem sei noch die „Nicht-in-meinem-Vorgarten“-Mentalität vieler. Das bremse etwa den Leitungsausbau für die Erneuerbaren. Erdgas sei hier Partner beim Übergang. „Wenn Politik, Unternehmen und Gesellschaft in einer konzertierten Aktion zusammen arbeiten, können wir das Ziel der Klimaneutralität schaffen“, sagte Possmeier. Pontzen ergänzte: „Wir haben kein Ambitionsproblem sondern ein Umsetzungsproblem.“

MdEP Bentele hofft, dass man sich auch auf EU-Ebene endlich näherkommt. „Die Klimaneutralität wurde für die gesamte Europäische Union konzipiert, aber nicht alle Mitgliedsländer haben sie bereits anerkannt“, warnte sie. Klar war allen Diskutanten, dass man nur gemeinsam nach vorne kommt. Energiewirtschaft, Industrie, Politik und Finanzen müssten Hand in Hand zur Erreichung des gemeinsamen Ziels agieren. Die Debatte, moderiert von Thomas Wendel, Redaktionsleiter von „Tagesspiegel Background Sustainable Finance“, hätte noch Stunden fortgesetzt werden können, wie Wendel zum Schluss meinte. Und das wird sie sicher auch werden – nicht zuletzt beim nächsten Tagesspiegel Debate.Energy Talk.


Hier geht’s nochmal zum vollen Stream der Konferenz: https://berlin.debate.energy/de/event

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