28.10.22 Schwammige Kriterien Autor*in: Mirko Heinemann • Lesedauer: 7 min.

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Zusammenfassung

Nachhaltige ESG-Geldanlagen verzeichnen rapides Wachstum. Über die Frage, wie nachhaltig sie tatsächlich sind, scheiden sich allerdings die Geister. 

Schleswig-Holstein tut es schon. Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen wollen es auch. Gemeint ist: Diese Bundesländer wollen gesetzlich vorgeben, dass landeseigene Pensionsfonds ausschließlich in nachhaltige Geldanlagen investieren dürfen. Sprich: Die Bundesländer sollen sich finanziell nur noch an Unternehmen beteiligen, die klimafreundlich agieren, soziale Standards einhalten und eine vorbildliche Unternehmensführung vorweisen können. Als Orientierung für die landeseigenen Investitionen werden die ESG-Kriterien (für „Environmental“, „Social“, „Governance“) herangezogen. Das ESG-Label soll gewährleisten, dass die im Investmentportfolio enthaltenen Unternehmen nachhaltig agieren, also hohe Standards in Sachen Umwelt- und Klimaschutz, Menschenrechte, Arbeitsschutz und Mitarbeiterführung einhalten. 

Die Bedeutung solcher nachhaltiger ESG-Geldanlagen wächst rasant. 2021 hat sie laut dem Verband „Forum Nachhaltige Geldanlagen“ (FNG) eine neue Rekordmarke erreicht: 501,4 Milliarden Euro betrug die Gesamtsumme der so bezeichneten Geldanlagen in Deutschland, womit der Anteil des Sektors am Gesamtmarkt der Geldanlagen um drei auf 9,4 Prozent wuchs. Insbesondere Publikumsfonds legten stark zu, sie überholten sogar die nachhaltigen Spezialfonds. Wachstumstreiber dieser Entwicklung waren vor allem die privaten Anleger. Deren Anlagevolumen verdreifachte sich auf 131,2 Milliarden Euro. 

Fehlende ESG-Standards

Das Label „ESG“ ist dabei inzwischen quasi zum Synonym für den Begriff Nachhaltigkeit geworden. Erstmals verwendet wurde „ESG“ im Jahr 2006, als die Vereinten Nationen gemeinsam mit zwei Dutzend Investmentgesellschaften die Initiative „Principles for Responsible Investment“ ins Leben riefen. Die beteiligten Investoren verpflichteten sich freiwillig, die Faktoren „Environmental“, „Social“ und „Governance“ in ihre Investmententscheidungen einfließen zu lassen. Das Problem war nur: Es wurden keine Standards formuliert, nicht einmal Mindestanforderungen gab es. Folglich kann ESG von jedem anders ausgelegt werden. Die Deutsche Bank etwa definiert ESG wolkig als eine „Ambitionserklärung für die Welt, wie sie sein sollte, wenn die Finanzkraft zur Unterstützung der umfassenderen Ziele der Gesellschaft eingesetzt werden kann“.  

Das Problem: Häufig wird von den Emittenten der ESG-Fonds ein sogenannter „Best-in-Class-Ansatz“ verfolgt. Dabei werden automatisch die nachhaltigsten Unternehmen ausgewählt. „Je nach Bandbreite dieser Auswahl können darunter dann auch Unternehmen fallen, die eben nicht gänzlich auf fossile Energien verzichten, Arbeitsrechtsstandards nicht vorbildlich einhalten oder deren Unternehmensführung eben nicht makellos ist“, erklärt Nadine Bold, Referentin Nachhaltigkeitsmanagement bei der UmweltBank AG, die auf nachhaltige Geldanlagen spezialisiert ist. „Daneben arbeiten viele Fonds mit Toleranzgrenzen – dadurch sind Investitionen erlaubt, wenn zum Beispiel der Rüstungsanteil eines Unternehmens maximal zehn Prozent beträgt.“ 

Solche Praktiken hat ein Fernsehteam des SWR aufgedeckt: Danach wurden Konzerne wie TotalEnergies, Hensoldt oder Coca-Cola in einen nachhaltigen ETF (Exchange Traded Fund) aufgenommen, der einen Index nachbildet und Aktien verschiedener im Index enthaltener Unternehmen bündelt. Ratingagenturen hatten die Nachhaltigkeit der oben benannten Unternehmen bestätigt.  

Greenwashing vermeiden

Menschenrechtsorganisationen und Umweltschützer nennen so etwas „Greenwashing“. Um dies zu verhindern, wenden viele Investmentfonds Ausschlusskriterien an. Sie meiden also bestimmte Branchen oder Unternehmen im Portfolio, etwa wenn sie gegen Menschenrechte oder internationale Arbeitsstandards verstoßen oder in Korruption und Bestechung verwickelt sind. Ausschlusskriterien wenden laut FNG inzwischen rund 82 Prozent der als „nachhaltig“ geltenden Fonds an. 

Wie unterschiedlich ESG-Kriterien sein können, zeigt nicht zuletzt der Streit um die „Taxonomie“ auf europäischer Ebene. Als Taxonomie bezeichnet die EU eine verbindliche Definition von Nachhaltigkeit, die unter anderem dazu dient, den klimafreundlichen Finanzmarkt zu stärken. Jedes Jahr müssten, so die EU, 180 Milliarden Euro in „grüne“ Investments investiert werden, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Derzeit sind es viel weniger. Die Taxonomie soll zu einem Baustein des „Green Deals“ werden, mit dem die EU ihr Ziel erreichen will, bis 2030 ihren CO2-Fußabdruck gegenüber 1990 um 55 Prozent zu reduzieren. Doch auch hier gibt es einen Streit um die Ausgestaltung der Kriterien.  

In der aktuellen Version der Taxonomie gelten als nachhaltige Investments demnach auch Investments in Atomkraft und Gaskraftwerke. Die deutsche Regierung hat sich lange gegen diese Definition gewehrt, und Umweltschutzorganisationen bezeichnen die EU-Taxonomie als „Greenwashing“. Martin Kaiser, Vorstand von Greenpeace Deutschland, erklärte: „Mit dieser Taxonomie verrät die EU ihre selbst gesteckten Umwelt- und Klimaziele des Green New Deal.“ Er kündigte eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof an. 

Kein Verzicht auf Rendite

Aber wie sieht eine ESG-Geldanlage in Sachen Profitabilität aus? Über die Hälfte der Investoren erwartet sich von ihrer nachhaltigen Geldanlage marktübliche Erträge, ergab eine Marktstudie aus dem Jahr 2020 der „Bundesinitiative Impact Investing“. Ein wachsender Anteil aber erhofft sich durch die Nachhaltigkeitskriterien sogar eine überdurchschnittliche Rendite. Nur 18 Prozent aller derjenigen, die auf diese Weise ihr Geld anlegen, würden zugunsten der Nachhaltigkeit auf Rendite verzichten.  

Mit Renditeverlusten oder höheren Risiken aber sei bei einer langfristigen, reinen ESG-Geldanlage zumindest im Erwartungswert zu rechnen, warnt Lars Hornuf, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bremen und Experte für Finanzdienstleistungen. Er verweist auf die moderne Portfoliotheorie, wonach ein effizientes Portfolio möglichst diversifiziert ist und somit auf der sogenannten Kapitalmarktlinie liegt. Auf dieser Linie liegen Portfolios, bei denen sich die erwartete Kombination von Rendite und Risiko im Gleichgewicht befindet. „Wenn Sie lediglich Risiko und Rendite über lange Zeiträume optimieren wollen, sollten Sie nicht auf ein Portfolio setzen, das unterhalb der Kapitalmarktlinie liegt“, so Hornuf. „Sobald Sie zu viele Waffenhersteller, Cannabis-Unternehmen oder was auch immer, aus dem Portfolio ausschließen, senken Sie mögliche Potenziale zur Diversifikation und damit der Portfoliooptimierung.“ Im Klartext: Wer nur in ausgewählte Segmente investiert, erkauft dies immer auch mit einem höheren Risiko. 

Steuerliche Förderung von ESG-Anlagen

Auf der anderen Seite könnten die Kosten für ESG-Portfolios in der Zukunft sinken. So hat der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung vorgeschlagen, die Erträge aus Anlagen in Anlageprodukten, „die gemäß Offenlegungsverordnung als nachhaltig gewertet werden“, bis zu einem bestimmten Höchstbetrag von der Besteuerung zu befreien. Das Expertengremium, dem Praktiker aus der Wirtschaft – darunter auch Fondsmanager – angehören, erhofft sich dadurch, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Finanzmarktprodukten erhöht wird. Vorbild sind die Niederlande. Dort werden Geldanlagen in nachhaltige Investmentfonds bereits steuerlich gefördert.  

Hinzu kommt beim Faktor „E“ für Environment, dass es eine politische Vorgabe gibt, die Wirtschaft zu dekarbonisieren und sie ökologisch umzubauen. Aus Sicht der Profitabilität könnte eine Investition in bestimmte Unternehmen dann Sinn ergeben, wenn sie geldwerte Vorteile durch eine besonders strenge Dekarbonisierungsstrategie erlangen – etwa, indem sie Emissionen vermeiden und somit weniger CO2-Steuern entrichten müssen.  

Bei den Kriterien für soziale und gute Unternehmensführung, also „S“ für Social und „G“ für Governance, könnten Investoren darauf hoffen, dass „sozial“ agierende Unternehmen eine langfristigere Planungssicherheit erlangen, weil sie weniger häufig in Arbeitsrechtsprozesse verwickelt werden oder einem geringeren Risiko ausgesetzt sind, Ziel von Boykottaufrufen von Menschenrechtsorganisationen zu werden.  

In puncto „Governance“ sollte die höhere Zufriedenheit von Mitarbeitern von Unternehmen mit „guter Unternehmensführung“ zu weniger personeller Fluktuation führen – und folglich auch zu einer besseren Expertise und einem besseren Arbeitsklima. Im Vergleich könnten diese Unternehmen dadurch langfristig eine bessere Performance erlangen. 

Zunehmende Offenlegung bei Finanzprodukten

Das aber ist Spekulation und nur ein schwacher Ausgleich für die Schwammigkeit des ESG-Begriffs. Das Forum Nachhaltige Geldanlagen hofft für die Zukunft auf einen selbstregulatorischen Effekt: „Die Finanzwirtschaft wird den sozialen und ökologischen Rucksack ihrer Produkte zunehmend offenlegen“, ist Dr. Helge Wulsdorf überzeugt, Mitglied im Vorstand des FNG. Dabei sei dann darauf zu achten, welche nachhaltigen Qualitätsanforderungen Produkte erfüllen müssen, die eine ökologische oder gesellschaftliche Wirkung entfalten sollen, damit es nicht zu einer Irreführung der Anleger komme. 

Die Bundesländer jedenfalls orientieren sich bei ihren ESG-Produkten an den Kriterien, die von den Vereinten Nationen formuliert wurden. Sie schließen überdies Unternehmen aus, die mit Atomenergie oder fossilen Brennstoffen zu tun haben. Damit ergibt sich allerdings ein Widerspruch zur EU-Taxonomie, die Atomkraft und Gas als nachhaltig einstuft. Als sicher darf daher nur gelten: Die Debatte um die ESG-Kriterien ist noch lange nicht beigelegt. 

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