18.08.20 Die Digitalisierung ist durch Corona noch einmal beschleunigt worden” Torbjörn Tärnhuvud • 5 min.

Scroll to Read
Interview mit Torbjörn Tärnhuvud

Torbjörn Tärnhuvud ist CEO von Sydkraft Hydropower AB, einem schwedischen Wasserkraft-Unternehmen der Uniper-Gruppe. Im Interview sagt er, was er und seine Mitarbeiter tun, damit die Versorgungssicherheit auch während der Corona-Krise gewährleistet ist und wie die Pandemie einen Innovationsschub auslöste.

Herr Tärnhuvud, gefährdet die Corona-Krise die Versorgung mit Strom aus Wasserkraft in Schweden?

Nein! Denn wir haben frühzeitig die richtigen Maßnahmen ergriffen. Am 26. Februar habe ich in den Nachrichten einen Bericht über die Auswirkungen der Corona-Krise in Italien, Frankreich und Spanien gesehen. Mir war gleich klar, dass die Lungenkrankheit sich nicht auf diese Länder beschränken würde, sondern sich schnell ausbreiten würde – auch nach Schweden. Deshalb habe ich noch am selben Abend eine Mail an unser Management-Team geschrieben, in der ich Maßnahmen vorgeschlagen habe, um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen und um die Versorgungssicherheit zu sichern. Wir haben präventiv gehandelt anstatt später nur noch reagieren zu können. Das frühe und entschiedene Handeln hat sich gelohnt. Der Betrieb läuft reibungslos.

Welche Maßnahmen sind das?

Wir haben alle Geschäftsreisen ausgesetzt und den Zugang zum Kontrollzentrum eingeschränkt. Mitarbeiter, die von Dienstreisen aus dem Ausland zurückkehrten, mussten aus Sicherheitsgründen zwei Wochen in Quarantäne verbringen. Zudem haben wir strenge Besucherbeschränkungen verhängt. Wie der Rest des Uniper-Konzerns arbeiten seit dem 9. März alle Mitarbeiter, die nicht unbedingt im Kontrollzentrum oder in den Kraftwerken tätig sein müssen, aus dem Homeoffice.

Uniper betreibt in Schweden 76 Wasserkraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 1.700 Megawatt. Diese Kraftwerke lassen sich doch nicht alle aus dem Homeoffice betreiben...

Nein, natürlich nicht. Unser Kontrollzentrum war und ist rund um die Uhr besetzt. Es gibt Notfallpläne für den Fall, dass die hochspezialisierten Experten, die dort arbeiten, erkranken. Zudem müssen unsere Kraftwerke auch während der Corona-Krise regelmäßig gewartet werden, um einen sicheren und reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Um die Kontakte und Infektionsgefahren zu minimieren, haben wir die Wartungsteams dezentral in kleine Gruppen mit maximal drei Leuten an verschiedenen Standorten eingeteilt. Zudem haben sie zur Wartung und Reparatur verstärkt neue Techniken wie Drohnen, Helm- und Körperkameras eingesetzt. Das hat hervorragend funktioniert.

Hat die Corona-Krise zum Aufschub von geplanten Projekten geführt?

Alle nicht zwingend notwendigen Dienstreisen haben wir bis auf weiteres abgesagt. Doch für viele der geplanten Reisen haben wir virtuelle Lösungen gefunden. So hätten einige unserer Ingenieure im Frühjahr nach Venedig reisen sollen, um dort in einer Fabrik neue Turbinenwellen, die wir für eines unserer Wasserkraftwerke bestellt hatten, vor der Auslieferung auf Herz und Nieren zu prüfen. Da die Region um Venedig besonders stark von der COVID19-Pandemie betroffen war, haben wir die Reise gecancelt. Stattdessen haben unsere Techniker die Turbinenwellen aus der Ferne überprüft. Dafür haben die Italiener auf Anweisung unserer Experten in Schweden mit einer Kamera die neuen Turbinenteile gezeigt. Unsere Leute haben live übertragenen Bilder am Monitor genau analysiert. Die Tests haben einen ganzen Tag gedauert, aber es hat hervorragend funktioniert.

Wie hat die Umstellung vom Normalbetrieb auf den coronabedingten Notbetrieb geklappt?

Erstaunlich gut! Zu keinem Zeitpunkt waren der Betrieb oder die Versorgung in irgendeiner Form gefährdet. Natürlich war es für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine große Umstellung. Aber sie haben die Herausforderung mit großem Engagement und bewundernswerter Kreativität gemeistert. Unsere IT-Abteilung sorgt dafür, dass wir auch vor Cyberangriffen geschützt sind, wenn ein Großteil der Belegschaft von zu Hause arbeitet.

Haben die neuen Arbeitsweisen zu einem Innovationsschub geführt?

Auf jeden Fall. Die Digitalisierung ist durch Corona noch einmal beschleunigt worden. Viele Verfahren, die wir jetzt erfolgreich getestet und eingeführt haben, werden wir auch nach Corona beibehalten. So können wir Kosten und Zeit sparen und als Unternehmen unseren ökologischen Fußabdruck weiter verringern.

Wann werden Sie zum Normalbetrieb zurückkehren?

Das wissen wir noch nicht. Wir haben eine spezielle Pandemiegruppe, die die Entwicklung kontinuierlich analysiert und in enger Abstimmung mit anderen Uniper-Kollegen Richtlinien und Anweisungen entwickelt. Wir haben entsprechende Pläne für eine Entspannung, aber auch für eine erneute Verschärfung der COVID-19-Situation. Bislang ist niemand von unseren 175 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an Corona erkrankt. Das liegt möglicherweise auch an unseren entschiedenen Maßnahmen. Ich trage die Verantwortung für die Belegschaft. Zudem ist ihre Gesundheit entscheidend für die Sicherheit der Energieversorgung in Schweden. Ich werde keine unnötigen Risiken eingehen und die Einschränkungen so lang wie notwendig aufrechterhalten. Auch wenn bislang alles reibungslos lief: Ich bin mir sicher, dass die meisten Kollegen sich freuen, wenn Sie ins Büro zurückkehren können. Natürlich können wir vieles per Videokonferenz besprechen und entscheiden, aber all die tollen Online-Tools können das informelle Treffen an der Kaffeemaschine oder in der Turbinen-Halle doch nicht ersetzen.

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.

Verwandte Themen

Atomkraft, Atomkraftwerk
Energie • Wirtschaft • Innovation Atomkraft: Strahlendes Comeback? Thomas Schmidt • 8 min.
Energie • Wirtschaft Gibt es das stabile Netz auch in grün? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Klima Emissionshandel: CO2 einsparen, wo es am günstigen ist Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Innovation Der Wasserstoff, aus dem die Klimawende ist Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Wirtschaft Emissionen einfach ungeschehen machen – geht das? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Innovation • Wissenschaft Der Visionär des Wasserstoffs Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Klima Das grüne Jahrhundert Dariush Jones • 5 min.
Lenin auf einer Briefmarke.
Energie • Gesellschaft • Wirtschaft Russland überholt seine fossilen Kraftwerke Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Innovation Mit „grünem Kerosin“ gegen die Flugscham Thomas Schmidt • 4 min.
Energie • Innovation Wasserstoff: So lässt sich Strom speichern Thomas Schmidt • 3 min.
Energie • Event Best-Of zum Nachhören: Das war die erste internationale Debate.Energy-Konferenz in Berlin Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Gesellschaft „Corona bringt Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren erwartet hatten“ Hannah Meisters • 4 min.
Energie • Innovation „Grüner kann Wasserstoff gar nicht sein.“ Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Meinungen Ist die Energiewende ein Krimi, Thomas Unnerstall? Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Klima #Anthropause: Sind die Delphine wirklich zurück? Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Politik • Wirtschaft Gas ist der ideale Wegbereiter für den Erfolg der Energiewende Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 6 min.
Joe Biden
Energie • Gesellschaft • Klima • Politik Joe Bidens Klimastrategie: Beschäftigung, Arbeiter, Gewerkschaften. Und ja, auch saubere Energie Dariush Jones • 6 min.
Energie • Innovation • Wirtschaft Energieeffizienz ohne Leckerlis Thomas Schmidt • 7 min.
Donald Trump
Energie • Gesellschaft • Politik • Klima Trumps Klimastrategie: “Ein goldenes Zeitalter der Energiedominanz” Dariush Jones • 7 min.
Bremst der Coronavirus die Energiewende aus?
Energie • Klima • Gesellschaft Chance oder Todesstoß? Was Corona für die Energiewende bedeutet Hans-Joachim Ziegler • 9 min.
Energie • Innovation • Klima Podcast: "Städte spielen eine zentrale Rolle für die Energiewende" Jochen Brenner • 30 min.
Wasserstoff: Energieträger der Zukunft
Energie • Klima • Meinungen Wasserstoff – Jules Vernes Vision wird Realität Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 7 min.
Energie • Innovation Nach der Energiewende ist vor der Energiewende – der lange Atem der Fusionsforschung Hans-Joachim Ziegler • 4 min.
Energie • Wirtschaft • Wissenschaft Über Sinn und Unsinn der Brennstoffzellen-Technologie Hans-Joachim Ziegler • 8 min.
Folgen Sie uns auf Social Media
Folgen Sie uns
auf Social Media