Meteorologe Sven Plöger
© Sebastian Knoth

29.09.20 „Der Klimawandel ist wie ein Asteroiden-Einschlag in Superzeitlupe“ Sven Plöger, Meteorologe • 12 min.

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Sven Plöger, Meteorologe

Deutschlands bekanntester Meteorologe hat während des Corona-Lockdowns in langen Nachtschichten sein Buch über den Klimawandel zu Ende geschrieben. Im Interview mit Debate.Energy spricht Sven Plöger (53) über Asteroideneinschläge, Tsunamis, Greta Thunberg und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Corona-Krise und dem Klimawandel.

Herr Plöger, gerade ist Ihr Buch „Zieht Euch warm an, es wird heiß!“ erschienen. Braucht es wirklich ein weiteres Buch über den Klimawandel? Hat dazu nicht schon fast jeder fast alles gesagt und aufgeschrieben?

Stimmt! Dazu ist schon viel geschrieben worden. Aber mir ging es darum, all die Nachrichten, die dazu täglich auf uns einprasseln, einzuordnen und so Orientierung zu geben. Außerdem ist es mir eine Herzensangelegenheit, aufzuzeigen, dass die Situation zwar dramatisch ist, es aber auch noch nicht zu spät ist, das Schlimmste zu verhindern. Es ist fünf vor zwölf, nicht fünf nach zwölf. Deshalb erkläre ich im Buch auch, warum es klare politische Regeln braucht und was jeder Einzelne tun kann, um ein völliges Kippen unseres Klimasystems noch abzuwenden.

Deutschland hat wieder einen extrem trockenen Frühling erlebt, im letzten Jahr brannten nicht nur in Australien und Brasilien die Wälder. Dann kam Corona. Interessiert sich heute überhaupt noch irgendjemand für den Klimawandel?

Oh ja, die Leute interessieren sich mehr denn je dafür! Das sehe ich unter anderem an den vielen Emails, die mich dazu jeden Tag erreichen. Das wachsende Interesse liegt daran, dass der Klimawandel vor allem seit dem Rekordsommer 2018 mit Hitze, Dürre, Waldbränden und Ernteausfällen auch bei uns mittlerweile konkret spürbar geworden ist. Natürlich wurde zuletzt jedes Thema durch Corona überlagert, denn die Pandemie betrifft jeden. Aber das tut der Klimawandel auch! Zum Glück sind die allermeisten Menschen in der Lage zu verstehen, dass es zeitgleich mehrere Krisen gibt, die unser Handeln erfordern. Wir dürfen nicht den Fehler machen, uns nur vor einer fünf Meter hohen Tsunami-Welle – der Corona-Krise – in Sicherheit zu bringen und dabei die 500 Meter hohe Welle – den Klimawandel – übersehen, die sich bereits am Horizont auftürmt.

Um beim Tsunami-Vergleich zu bleiben: Sowohl der Klimawandel als auch der Corona-Virus könnten Millionen Menschenleben kosten. Trotzdem reagieren Gesellschaft und Politik ganz unterschiedlich auf die Probleme. Warum?

Es liegt wohl vor allem daran, dass wir die Bedrohung durch Corona als sehr konkret wahrnehmen. Meine Familie, meine Freunde oder ich selbst könnten erkranken oder sogar an der Krankheit sterben. Die Gefahr durch den Klimawandel ist auch real, aber oft nehmen wir diese nicht als so konkret war. Noch haben wir eher das Gefühl, das vielleicht irgendwann, irgendwem, irgendwo irgendetwas passieren wird.

Ist das der einzige Unterschied?

Nein, es liegt auch an der Zeitspanne. Die Corona-Krise ist wie ein Asteroiden-Einschlag in Zeitlupe. Wir haben ein paar Wochen, um uns vorzubereiten, um das Schlimmste zu verhindern. Das ist eine Zeitspanne, die unserem Planen und Handeln sehr entgegenkommt. In Deutschland haben wir diese Zeit sehr gut genutzt. Der Klimawandel hingegen ist wie ein Asteroiden-Einschlag in Superzeitlupe. Die Auswirkungen unseres Handelns oder Unterlassen werden erst in einigen Jahrzehnten vollständig spür- und sichtbar. Viele von uns und unsere Kinder und Enkel werden das noch erleben. Trotzdem ist diese relativ lange Zeitspanne abstrakt, es scheint uns alles noch sehr weit weg zu sein. Leider neigt der Mensch dazu, Dinge zu verdrängen und aufzuschieben. Dabei wäre es so wichtig, jetzt zu handeln. Wenn wir die Auswirkungen des Klimawandels erst jeden Tag spüren, wird es zu spät sein.

In der Corona-Krise hat die Politik sehr schnell, sehr weitgreifende Maßnahmen ergriffen, die die persönliche Freiheit der Menschen sehr stark eingeschränkt haben. Die meisten Menschen fanden diese Maßnahmen richtig und haben sie mitgetragen. Ginge das nicht auch beim Klimawandel?

Dafür sind die Auswirkungen des Klimawandels einfach noch nicht dramatisch genug zu spüren. Wenn wir in einer apokalyptischen und dystopischen Zeit leben würden, in der wir beispielsweise jedes Jahr eine verheerende Dürre hätten, wäre die Bereitschaft, darauf mit drastischen Maßnahmen zu reagieren, sicher größer. Aber genau das gilt es natürlich zu verhindern.

In der Corona-Krise hat die Politik auf die Wissenschaft gehört. Virologen wie Professor Christian Drosten sind so zu verehrten und zugleich verhassten Stars aufgestiegen. Könnten Klimaforscher die neuen Virologen werden?

Klimaforscher wie Professor Hans Joachim Schellnhuber oder Professor Mojib Latif sind mittlerweile auch außerhalb der wissenschaftlichen Community bekannt, auch wenn sie aktuell natürlich nicht so populär wie Professor Drosten sind. Doch sie teilen sein Schicksal. Wenn sie der Gesellschaft und der Politik auf Grund wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse empfehlen, dass wir unser Verhalten ändern müssen, um eine Katastrophe zu verhindern, werden auch sie von bestimmten Gruppen diskreditiert, beschimpft, beleidigt oder sogar bedroht.

Auch Greta Thunberg, die Gründerin der Fridays-for-Future-Bewegung, hat im Internet schon so manchen Shitstorm aushalten müssen. Vor allem, seit sie in Hinblick auf die Erderwärmung gesagt: „I want you to panic.“ Ist Panik in Sachen Klimawandel ein guter Ratgeber?

Prinzipiell glaube ich, dass Panik kein guter Ratgeber ist. Sie führt nur selten dazu, dass man das Richtige tut. Nichtsdestotrotz: Ich bin ein großer Greta-Fan. Vor 13 Jahren kam mein erstes Buch über den Klimawandel raus. Darin habe ich geschrieben, dass die Klimaschutzbewegung eine Ikone braucht. Greta ist diese Ikone. Indem sie sich an einem Freitag im Sommer 2018 alleine mit einem Pappschild in Schweden vor das Parlament gesetzt hat, ist es ihr gelungen, weltweit Millionen überwiegend junge Menschen, aber auch ältere Generationen und Politiker für den Klimaschutz zu begeistern und zu mobilisieren. Natürlich geht es Greta nicht vorrangig darum, dass die Welt in Panik verfällt. Sie will lediglich, dass Gesellschaft und Politik sich des Ernsts der Lage bewusst werden, auf die Wissenschaft hören und jetzt die Maßnahmen ergreifen, die gebraucht werden, um das Klima zu schützen.

Sehen Sie in der Corona-Krise die Chance, dass es jetzt zu einer klimafreundlicheren Ausrichtung der Wirtschaft kommt? Oder befürchten Sie, dass Wirtschaftsförderung jetzt auf Kosten des Klimaschutzes geschieht?

Während der coronabedingten Entschleunigung haben sich viele Menschen damit beschäftigt, ob wir tatsächlich mit unserem Immer-Schneller-Höher-Weiter-Hyperkonsum fortfahren wollen. Viele fragen sich: Wo wollen wir damit hin? Natürlich haben die Einschränkungen für viele Menschen zu großen wirtschaftlichen Problemen geführt, und es wichtig, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Krise auch im positiven Sinn eine Zäsur sein kann. Ich hoffe, dass Umwelt- und Klimaschutzinteressen im Rahmen des neuen Green Deals, den EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgestellt hat, eine wichtige Rolle spielen werden.

Viele Politiker haben mittlerweile begriffen, dass sich mit umweltfreundlicher Politik Stimmen gewinnen lassen. Brauchen wir mehr Regeln, Vorschriften und Verbote, um den Klimawandel zu verlangsamen?

Ja! Ohne das wird es nicht funktionieren. Die Erfahrung zeigt: Freiwillig werden die meisten Menschen ihr Verhalten nicht ändern. Die Gier, die zur Ausbeutung der Natur und somit zum Klimawandel führt, wird nicht einfach so überwunden werden. Das liegt auch daran, dass es für das globale Klima keinen Unterschied macht, wenn Einzelne sich vorbildlich verhalten, Andere jedoch nichts für den Klimaschutz tun. Wenn hingegen verbindliche Regeln alle Menschen zum Klimaschutz verpflichten, können wir viel erreichen.

Aber Verbote sind nie populär.

Das ist mir klar. Es wird immer Menschen geben, die Verbote als Eingriff in ihre Freiheit sehen. Ich bin selbst ein großer Freund der Freiheit. Ich will sie keinesfalls unnötig einschränken. Aber wir müssen auch bedenken: Die Freiheit des einen bedeutet oft die Unfreiheit des anderen. Wenn wir den Klimawandel durch unser Verhalten beschleunigen, leiden darunter nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Menschen. Zunächst sind dies vor allem Menschen in Entwicklungsländern, die mit ihren geringen Emissionen zwar kaum etwas zum Klimawandel beitragen, jedoch besonders stark unter ihm leiden. Beim Klimawandel ist der Mensch Täter und Opfer zugleich. Auch daraus erwächst die Verantwortung zum Handeln.

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