13.08.20 Auch ich als Kohle-Mann verstehe, dass die jungen Leute sich wundern.“ Franz-Josef Wodopia • 5 min.

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Interview mit Franz-Josef Wodopia, dem Geschäftsführer des Vereins der Kohlenimporteure

Der Ausstieg aus der Kohle wird in Deutschland seit Jahren heiß diskutiert. Der Geschäftsführer des Vereins der Kohlenimporteure, Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, argumentiert gegen politischen Aktionismus. Stattdessen plädiert er dafür, bei der Energiewende mehr auf den Markt zu vertrauen: Die Politik muss den Rahmen setzen, um Investitionen in erneuerbare Energieträger zu incentivieren – zum Beispiel mit dem europäischen Emissionshandel (ETS). Zusätzliche Gesetze, Fristen und Verbote hält er dagegen nicht für zweckmäßig – weder im ökonomischen Sinn, noch im ökologischen. Ein Interview.

Der Kohle-Ausstieg erntet gerade wieder viel Kritik: Vielen ist er zu teuer und kommt zu spät. Wie stehen Sie selbst zum Ausstieg?

Ich finde vor allem erstaunlich, dass niemand sieht, wie diskriminierend die Steinkohlekraftwerke behandelt worden sind. Vor allem die knapp zehn jungen Kraftwerke in Deutschland, die noch lange nicht abgeschrieben oder bezahlt sind, kommen bei dem Deal sehr schlecht weg. Die Braunkohle, welche ja eine viel schlechtere CO2-Bilanz vorweisen kann als die Steinkohle, lebt länger, bekommt mehr Geld und ist auch noch länger am Markt als die Steinkohle.

Die Steinkohle hat ja heute schon einen großen Teil ihrer Absatzanteile verloren. Könnte sie – ganz unabhängig vom geplanten Ausstieg – auch in Zukunft eine Rolle als Energielieferant spielen?

Aber ja. Man muss immer bedenken: Die erneuerbare Energieträger können nicht ohne eine Absicherung durch Kraftwerke mit gesicherter Leistung arbeiten. Denn wenn zum Beispiel aufgrund von Wetterbedingungen kein Strom erzeugt wird, muss eine verlässliche Energiequelle einspringen.

Das ist eine hochkritische Situation: Niemand weiß, wie das Netz mit den erneuerbaren in den 30er Jahren sicher betrieben werden kann. Und deswegen hätte man bei der Steinkohle eigentlich weiterhin komplett auf den Markt vertrauen können. Dann hätten wir auf sie zurückgreifen können, wenn wir sie in Zukunft noch brauchen.

Stattdessen legt man jetzt teilweise sehr junge Kohlekraftwerke still und vertraut darauf, dass dafür Gaskraftwerke gebaut werden. Ob aber jemand bereit ist, die zu finanzieren, weiß niemand. Denn über dem Erdgas schwebt ja schon der Wasserstoff als neues Ziel. Es kann also gut sein, dass Gaskraftwerke, die jetzt gebaut werden, in nicht allzu langer Zeit genauso stillgelegt werden wie heute die Kohle. Ich gehe davon aus, dass in den 40er Jahren kein fossiles Kraftwerk mehr bei uns läuft.

Es gibt ja auch Studien, die besagen, dass sich die Braunkohle schon ab 2028 wirtschaftlich nicht mehr lohnt, wegen des steigenden CO2-Preises.

Die gibt es. Und es stimmt, dass sowohl die Steinkohle als auch die billigere Braunkohle durch den steigenden CO2-Preis bedroht sind. Aber im Gegensatz zum politisch geplanten Ausstieg ist das ein marktwirtschaftlicher Prozess, gegen den wir uns als marktorientierter Verband auch nicht wehren.

Letztendlich kommt es darauf an, die Gesamtmenge an CO2 in den Griff zu bekommen. Und genau dafür gibt es den europäischen Emissionshandel ja. Hier kann die Politik steuern, indem sie die Menge der Zertifikate, die auf dem Markt zu haben sind, über die Jahre immer mehr reduziert. Und dieses Instrument funktioniert: Das Prognos-Institut hat dazu gerade eine Untersuchung gemacht, die zeigt: Wir werden im Energiesektor die Ziele der Bundesregierung zu 97% erreichen. Im Automobilbereich – der vom Emissionshandel ausgenommen ist – dagegen nur zu 56%.

Wieso legt der Staat den Ausstieg ihrer Meinung nach dann überhaupt gesetzlich fest?

Ich finde, das ist reiner Aktionismus, der mit Fridays for Future und ähnlichen Bewegungen zusammenhängt. Man hatte die Sorge, dass man die Jugend an die Grünen verliert. Also haben die etablierten Parteien gedacht, sie müssten etwas vorzeigen. Und in der Tat verstehen die jungen Wähler auch keine marktwirtschaftlichen Ansätze. Die wollen Law and Order: Der Staat befiehlt, und es wird stillgelegt.

Trotzdem kommt der Ausstieg bei den jungen Wählern nicht gut an.

Ja, und das ist auch zum Teil verständlich. Schließlich hat man jetzt die Steinkohle über die Klippe geschubst, die Braunkohle läuft im Osten der Republik aber fast genauso lang, wie sie auch ohne teuren Ausstieg gelaufen wäre. Dabei sind die CO2 Emissionen der Braunkohle, wie gesagt, deutlich höher als bei der Steinkohle und die Kraftwerke, die bis 2038 laufen, zum großen Teil deutlich älter. Da kann sogar ich als Kohle-Mann verstehen, wenn die jungen Leute sich wundern.

Was kann die Politik aus Ihrer Sicht leisten, um die Energiewende voranzubringen?

Man muss die erneuerbaren Energien fördern, aber eben marktkonform. Ein richtiger Weg sind zum Beispiel Ausschreibungen, bei denen die staatliche Förderhöhe für erneuerbare Energieträger wettbewerblich ermittelt wird. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass der Ausbau solcher Kraftwerke möglichst effektiv und günstig vonstatten geht. Es hat viel zu lange gedauert, bis wir uns in Deutschland endlich an dieses Verfahren herangetraut haben.

Ein anderes sinnvolles Mittel sind sogenannte Power Purchase Agreements (PPAs), also langfristige Stromlieferverträge mit erneuerbaren Energieträgern. In den USA und Skandinavien zum Beispiel erhalten diese Unternehmen so langfristig Planungssicherheit und kommen deshalb leichter in den Markt. Auch in Deutschland gibt es endlich erste Projekte. Grundsätzlich gilt: Wir brauchen mehr erneuerbare Energie, aber wir sind eine Marktwirtschaft. Und wir müssen auch bei den erneuerbaren Energien marktwirtschaftlich denken. Sonst produzieren wir keine guten Ideen und Produkte, die wir weltweit exportieren können.

Herr Wodopia, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia ist Geschäftsführer des Vereins der Kohlenimporteure e.V.

Zur Person: Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia ist Geschäftsführer des Vereins der Kohlenimporteure e.V. und „der beste Lobbyist, den die Kohle sich wünschen kann“ (ZEIT, 2018). Zudem ist er Honorarprofessor für Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure an der Technischen Hochschule Georg Agricola.

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