03.09.20 Wir sollten auch auf Technologien setzen, welche die Kohle umweltverträglicher machen.“ Interview mit Dietmar Lindenberger, Physiker und Volkswirt • 4 min.

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Dietmar Lindenberger

Deutschland will raus aus der Kohle. Aber ist der beschlossene Kohleausstieg dafür der richtige Weg? PD Dr. Dietmar Lindenberger, Physiker und Volkswirt, der an der Universität Köln zu Energie und Umweltfragen lehrt, sieht die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet. Um unsere Energiewirtschaft zukunftstauglich zu machen, brauche es Marktanreize für neue Investitionen. Statt exklusiv auf erneuerbare Energien zu bauen, sollte man außerdem auf Technologien setzen, die eine nachhaltigere Kohle-Verstromung möglich machen. Nicht zuletzt würde dies Deutschland als Innovationsstandort stärken.

Herr Lindenberger, beginnen wir mit einem aktuellen Thema. Wie stehen Sie zum von der Regierung beschlossenen Kohle-Ausstieg?

Mir erscheinen nationale Klimaschutzmaßnahmen innerhalb der Sektoren, die durch den europäischen Emissionshandel bereits reguliert werden, grundsätzlich fragwürdig. Denn dies führt zu einer Doppelregulierung, die mit unnötigen Kosten, unnötigem Aufwand und unnötigen Konflikten verbunden ist. Gleichzeitig ist der politische Prozess demokratisch legitimiert und als solcher natürlich zu respektieren. Meiner Einschätzung nach haben in der Debatte jedoch einige wichtige Aspekte zu wenig Bedeutung erhalten. Dazu gehört insbesondere die Versorgungssicherheit. Vor allem angesichts der Tatsache, dass wir sowohl aus der Kernkraft als auch aus der Kohle aussteigen wollen, werden wir in absehbarer Zeit vor großen Herausforderungen stehen.

Nun haben wir ja aber noch bis 2038 Zeit, um hier Abhilfe zu schaffen. Das müsste doch möglich sein, oder?

Grundsätzlich ja. Wenn wir die erneuerbaren Energien immer stärker hochfahren, decken diese zwar einen immer größeren Teil des Energiebedarfs, tragen aber gleichzeitig nur sehr wenig zu einer gesicherten Spitzendeckung bei. Die Spitzenlast tritt in unseren Breiten meist an einem Winterabend auf, wenn die Sonne nicht scheint und auch der Wind nicht verlässlich weht. Abgesehen von der Möglichkeit, in den kritischen Zeiten Strom zu importieren – diese Möglichkeit ist begrenzt, da unsere Nachbarn dann typischerweise ähnliche Probleme haben – muss nahezu die gesamte Stromnachfragespitze durch Gaskraftwerke gedeckt werden, die entweder Erdgas oder Wasserstoff auf die Turbinen geben. Rein technisch gesehen ist das kein Problem. Allerdings muss es von Akteuren im Markt umgesetzt werden. Und es bestehen derzeit nicht ausreichend Anreize, um solche Kraftwerke zu bauen.

Dietmar Lindenberger

Dietmar Lindenberger

Woran liegt das?

Das Problem ist, dass der Markt heute hauptsächlich für tatsächlich gelieferte Energie bezahlt. Durch die Ausweitung der erneuerbaren Energien bleibt für die anderen Kraftwerke immer weniger Erlöspotential übrig. Obwohl die Kraftwerke also gebraucht werden, um die Spitzendeckung zu gewährleisten, sind sie im Schnitt übers Jahr zu wenig ausgelastet, um wirtschaftlich zu sein. Dieses Dilemma, das sich mit dem Erneuerbaren-Ausbau zunehmend verschärft, lässt sich nur auflösen, indem man den Markt anders designt. Statt für Energie zu bezahlen, die tatsächlich geliefert wird, müsste in Zukunft auch die Bereitstellung von gesicherter Leistung stärker honoriert werden – also das reine Potential, bei Bedarf den benötigten Strom zu erzeugen. Und das unabhängig davon, wie häufig dieses Potenzial tatsächlich abgerufen wird. So eine Umstellung des Marktes ist prinzipiell auch machbar. Das Ganze muss jedoch in den europäischen Strommarkt eingebettet werden, was komplexe Abstimmungen erfordert und im internationalen Kontext nicht einfach umsetzbar ist.

Das heißt, für Sie wäre die Kohle auch in Zukunft ein Weg, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Wie kann unter diesen Bedingungen trotzdem der CO2-Ausstoß verringert werden?

Natürlich sollen erneuerbare Energien zukünftig eine wachsende Rolle spielen. Zusätzlich gibt es jedoch Technologien, die uns erlauben, Kohle zu nutzen, ohne Klimaziele zu gefährden. Hier kann Carbon Capture and Storage or Use (CCS/CCU) eine Rolle spielen – also die Möglichkeit, produziertes CO2 einzufangen und dann zu speichern oder für andere Zwecke weiter zu verwenden. Diese Technologie muss natürlich erst noch verfeinert und erprobt werden. Die Frage ist, wo. Sinnvoll wäre dies in regionalen Clustern, wo Kohle ohnehin im großen Stil für energieintensive industrielle Prozesse verwendet wird, um die für CCS/CCU benötige Infrastruktur auch gut auszulasten. Tatsächlich wäre Nordrhein-Westfalen hier geradezu prädestiniert, eine technologische Vorreiterrolle einzunehmen und dieses globale Thema mit deutscher Ingenieurskunst voranzutreiben.

Der CCS/CCU-Prozess klingt allerdings sehr aufwendig: Erst wird Kohle abgebaut, dann in Energie umgewandelt, dann die Abgase eingefangen und eingelagert oder weiterverwendet. Ergibt eine Investition in diese Technologie also wirklich Sinn?

Es stimmt, dass CCS/CCU aufwendig ist. Aber wenn man mit grünem Strom zunächst Elektrolyse betreiben, dann Wasserstoff speichern, eventuell transportieren und zu einem späteren Zeitpunkt rückverstromen oder in wiederum aufwändigen Syntheseprozessen weiterverwenden muss, ist das auch eine lange Kette. Die Dekarbonisierung eines industriellen Systems – ob auf Basis von Solar- und Windenergien oder durch CCU/CCS – ist unvermeidlich aufwändig. Es sollte hierbei nicht um ein „Entweder-oder“, sondern um ein „Sowohl-als-auch“ gehen. Die Technologie macht vor allem Sinn, wenn man das Thema aus der internationalen Perspektive betrachtet. Schließlich ist fraglich, ob die gigantischen Vorkommen billig förderbarer Kohle in China, Indien und anderen Schwellenländern im Boden bleiben und aus Klimagründen nicht verbrannt werden. Um den CO2-Ausstoß global zu verringern, müsste CCS darum Teil der Lösung sein – unabhängig davon, ob wir das in Deutschland haben wollen oder nicht. Darum sollten wir nicht nur auf erneuerbare Energien setzen, sondern auch auf Technologien, welche die Kohle umweltverträglicher machen.

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