24.09.20 „Meine Hoffnungen setze ich auf grünen Wasserstoff“ Dennis Radtke, Europaabgeordneter • 8 min.

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Dennis Radtke

Dennis Radtke versteht sich als Vertreter des Ruhrgebiets im Europa-Parlament. Der CDU-Politiker aus Wattenscheid war als Gewerkschaftssekretär für die IG BCE tätig und verbindet zwei scheinbar widersprüchliche Standpunkte: Ja zur Kohle – und Ja zum Stopp des Klimawandels.

Wie setzen wir den Ausstieg aus der Kohle möglichst sinnvoll um?

Es ist schade, dass wir nicht auf Kohle als Brücke zu den erneuerbaren Energien setzen. Ohne diesen Konsens müssen wir tatsächlich aus der Kohle aussteigen. Dabei sind mir zwei Aspekte wichtig: gesellschaftliche Brüche ebenso wie Engpässe in der Stromversorgung zu vermeiden. Erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind fehlt es an der Grundlastfähigkeit, und das ist potenziell gefährlich. Die Stromversorgung darf nicht zusammenbrechen, sobald die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Europaabgeordneter Dennis Radtke

Europaabgeordneter Dennis Radtke

Sollten wir den Kohleausstieg daher weiter nach hinten verschieben?

Der Fahrplan mit dem Kohleausstieg bis 2038 steht, den sollten wir jetzt konsequent angehen und abarbeiten. Daran sollten sich alle halten. Und ich meine: alle! Diesen Fahrplan mit zu beschließen und ihn anschießend, kaum ist die Tinte trocken, in Frage zu stellen – so geht man nicht miteinander um. Deshalb ärgern mich die Debatten um einen vorgezogenen Kohleausstieg schon 2030. Alle Beteiligten sollten den gefassten Beschluss mittragen – wir brauchen Planungssicherheit!

Wer übernimmt die Rolle der Kohle, wenn die Erneuerbaren Energien bis 2038 noch nicht auf 100 Prozent sind – Gas oder Atomkraft?

An eine Rückkehr der Atomkraft in Deutschland glaube ich nicht. Es gibt ja Erdgas als geeignete und überzeugende Brückentechnologie. Solange die Erneuerbaren Energien nicht ausreichend liefern und speicherfähig sind, brauchen wir Gas. Parallel dazu sollten wir die Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff ausbauen. Auch wenn wir gerade erst anfangen, in Deutschland eine Wasserstoffindustrie aufzubauen: Bis 2038 kann und wird da noch sehr viel passieren. Das Ruhrgebiet ist als Standort für eine Wasserstoffindustrie prädestiniert. Dafür müssen wir uns jetzt mutig auf den Weg machen!

Zumal der Ausbau der Erneuerbaren Energien ziemlich ins Stocken geraten ist. Wie nimmt die Energiewende wieder Fahrt auf?

Es gibt zwei große Hindernisse, den Netzausbau und das Planungsrecht. Von den 8000 Kilometern an Stromleitungen, die wir in Deutschland brauchen, sind erst 1000 Kilometer gebaut. Wenn der Ausbau so schleppend weitergeht wie derzeit – rund 10 Kilometer im Monat –, sind wir in fünfzig Jahren noch nicht fertig. Und die Versuche, das Planungsrecht zu entschlacken, greifen bislang zu wenig. Das liegt auch an der Doppelmoral vieler Menschen. Alle sind für die Energiewende, doch keiner möchte aus seinem Wohnzimmerfenster auf Windräder gucken. Da sollten die Leute sich mal ehrlich machen.

Zur Ehrlichkeit zählt auch die Erkenntnis, dass Erneuerbare Energien weniger verlässlich sind als die fossilen Energien. Wir hatten das Stichwort „Grundlastfähigkeit“ bereits. Ist die skeptische Frage „Können die Erneuerbaren das überhaupt“ berechtigt?

Ja. Von der Grundlastfähigkeit und den Netzen hängt ab, ob wir die Energiewende zum Erfolg führen. Die Stromnetze können wir ausbauen, aber bei der Speicherfähigkeit von Strom stoßen wir an physikalische Grenzen.

Um die Stromversorgung zu sichern, könnte es helfen, effizienter mit Strom umzugehen und auf diese Weise Energie zu sparen. Helfen höhere Strompreise, das Bewusstsein für Energieeffizienz zu schärfen?

In Deutschland zahlen Unternehmen und Privathaushalte bereits die EU-weit höchsten Strompreise. Natürlich lässt sich Energie an vielen Stellen effizienter nutzen, als es heute der Fall ist. Aber was soll denn ein Mieter machen, wenn der Strompreis erhöht wird? Er kann nicht in Wärmedämmung investieren, denn das Haus, in dem er wohnt, gehört ihm nicht. Also dreht er die Heizung auf, wenn es kalt wird – solange er es bezahlen kann. In Deutschland gibt es schon heute rund 400.000 Haushalte, die ihren Strom nicht mehr bezahlen können – das sind rund 1 Million Menschen.

Wir steigen also bis 2038 aus der Kohle aus, ohne eine verlässliche Alternative zu haben?

Das hoffe ich nicht. Das politische Ziel besteht darin, zu 100 Prozent auf Erneuerbare Energien zu setzen. Dazu zählt auch grüner Wasserstoff – und auf Wasserstoff setze ich die meisten Hoffnungen.

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