08.10.20 „Wir wollen Wasserstoff als einen Haupttreiber der Dekarbonisierung etablieren.“ Axel Wietfeld, Geschäftsführer von Uniper Energy Storage • 10 min.

Scroll to Read
Axel Wietfeld

Als langjähriger Geschäftsführer der Energiespeicher-Sektion bei Uniper hat Axel Wietfeld das Themenfeld Wasserstoff im Konzern maßgeblich mit aufgebaut. Seit Mitte dieses Jahres leitet er den neu etablierten Geschäftsbereich Wasserstoff. Wir haben mit ihm über die Zukunft des Wasserstoffs gesprochen – und darüber, welche Rolle Uniper in dieser Zukunft spielen will.

Dr. Wietfeld, welche Farbe hat der Wasserstoff der Zukunft?

Grüner Wasserstoff, der klimaneutral mittels Elektrolyse hergestellt wird, ist natürlich extrem sinnvoll. Allerdings ist er derzeit noch vergleichsweise teuer. Hinzu kommt, dass wir momentan nicht über ausreichend erneuerbare Energien verfügen, um unsere Ziele in der Wasserstoffwirtschaft komplett mit grünem Wasserstoff zu erreichen. Deshalb ist eine Offenheit notwendig, auch über andere Farben zu sprechen. Länder wie Großbritannien und die Niederlande verfolgen zum Beispiel Projekte zum blauen Wasserstoff. Dabei handelt es sich um konventionellen, grauen Wasserstoff, bei dessen Herstellung entstehendes CO2 eingefangen und dann entweder eingelagert (CCS) oder nutzbar gemacht (CCU) wird. Außerdem gibt es noch den türkisfarbenen Wasserstoff, für den Erdgas durch Pyrolyse bzw. Gas Splitting in Wasserstoff und festen Kohlenstoff aufgespalten wird. Letzterer ist dabei absolut umweltschonend und kann beispielsweise in der Reifenindustrie genutzt werden. Das Verfahren ist technisch zwar noch nicht ausgereift, trotzdem sollte man es im Auge behalten. Die einzige Farbe, die wir aus unserer Strategie ausschließen, ist grauer, d.h. konventioneller Wasserstoff.

Dr. Axel Wietfeld, Leiter des Geschäftsbereich Wasserstoff bei Uniper

Dr. Axel Wietfeld, Leiter des Geschäftsbereich Wasserstoff bei Uniper

Wann wird es sich für Unternehmen ihrer Meinung nach auch finanziell lohnen, auf grünen Wasserstoff zu setzen?

Da streiten sich die Experten. Je nachdem, welcher Studie man folgt, liegt dieser Zeitpunkt irgendwo zwischen 2030 und 2040. Dies hängt von mehreren Faktoren ab: Zum einen ist das eine Frage der Skalierung. Bisher gibt es nur vergleichsweise kleine Elektrolyse-Anlagen mit relativ hohen Kosten. Wenn wir größere Anlagen bauen, werden wir ganz andere Preise sehen. Viele rechnen in den nächsten zehn Jahren mit einer Halbierung der Investitionskosten in diesem Bereich.

Darüber hinaus muss sich politisch und regulatorisch noch einiges tun. Sowohl in Berlin als auch in Brüssel gibt es sehr vielversprechende Strategien. Was noch fehlt, ist deren nationale Umsetzung in Gesetze – zum Beispiel eine Befreiung für Elektrolysen von der EEG-Umlage oder auch die Umsetzung der Renewable Energy Directive (RED II), um damit eine Incentivierung zur Nutzung von grünem Wasserstoff durch Industrieunternehmen zu erreichen. Wir sehen diese Dinge allerdings bereits am Horizont.

Werden sich durch diese Entwicklungen auch neue Anwendungsgebiete für den Wasserstoff eröffnen?

Auf jeden Fall. Zum einen werden wir das Element natürlich weiterhin in einer Vielzahl von industriellen Prozessen benötigen. Wir gehen davon aus – und bekommen diesbezüglich auch klare Signale von unseren Kunden – dass in dieser Hinsicht künftig noch einige neue Kundensegmente hinzukommen. Dies ist zum Beispiel in der Stahlindustrie der Fall oder auch bei der Ammoniak-Herstellung in der chemischen Industrie, wo Wasserstoff künftig Erdgas ersetzen wird. Die sogenannten E-Fuels und das chemische Recycling werden künftig ebenfalls Wasserstoff benötigen. Grundsätzlich kann man sagen, dass Wasserstoff bald in all jenen Sektoren Anwendung finden wird, in denen eine komplette Elektrifizierung nicht möglich ist und man also weiterhin Gase benötigt. Zusätzlich können wir mit Wasserstoff auch eine Transportier- und Speicherbarkeit von Energie herstellen. Gerade letztere ist in dem Szenario einer vollen Elektrifizierung ein echtes Problem. Zwar sind wir heute schon in der Lage, im kleinen Rahmen und über kurze Dauer Strom zu speichern – man kennt das zum Beispiel von PKW – aber großskalig ist das noch enorm schwierig. Gerade diese Energiespeicherung wird in Zukunft allerdings immer wichtiger werden, um bei unserer zunehmend fluktuierenden Art der Energieerzeugung weiterhin Netzstabilität und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Also Wasserstoff als tragende Säule des Stromnetzes der Zukunft?

Das kann man so sagen, ja. Das Problem ist, dass das Matching von Angebot und Nachfrage zukünftig schwieriger werden wird. Da wir Wind und Sonne nicht steuern können, werden wir einerseits Tageszeiten und Wochen haben, in denen die Erneuerbaren zu viel Strom erzeugen, sodass wir vor der Herausforderung stehen, diese Energie zu speichern. In solchen Situationen könnten Power-to-Gas-Anlagen den überschüssigen grünen Strom in grünen Wasserstoff umwandeln, der sich recht einfach speichern lässt. Und das ist auch wichtig, denn so, wie wir künftig Zeiten des Überschusses haben werden, wird es auch Zeiträume geben, in denen die Erneuerbaren zu wenig Strom produzieren. Dann sind wir froh, wenn wir einen Energiespeicher haben, auf den wir kurzfristig zurückgreifen können. Und dafür ist Wasserstoff ideal. Auf diese Weise erlaubt es Wasserstoff, den Stromsektor mit dem Gas- und dem Wärmesektor zu verbinden und eine Kreislaufwirtschaft zu erzeugen.

In welcher Rolle sieht sich Uniper in diesem Zusammenhang?

Wir arbeiten da nach dem Geschäftsmodell „Build-Own-Operate“: Das heißt wir wollen in Wasserstoffanlagen in Europa (und langfristig darüber hinaus) investieren und diese dann auch betreiben. Darüber hinaus werden wir vermehrt in den Handel mit Wasserstoff einsteigen – und zwar weltweit. Wir erwarten nämlich, dass genauso wie bei Erdgas und LNG, auch bei Wasserstoff über Ländergrenzen hinweg globale Handelsstrukturen entstehen. Das wäre nicht nur sinnvoll im Sinne der Dekarbonisierung, sondern auch eine Chance speziell für Uniper. Denn als einer der größten Erdgas-Importeure Europas haben wir auf diesem Gebiet erhebliche Kompetenzen: Wir handeln und vertreiben Erdgas und haben also auch das Knowhow, um die nötigen kommerziellen Strukturen für Wasserstoff aufzubauen. Das Themengebiet ist damit zwar heute schon zentral für Uniper, wird in Zukunft jedoch noch wichtiger werden.

… was man vielleicht auch daran erkennt, dass Uniper nun einen eigenen Geschäftsbereich für Wasserstoff eingerichtet hat. Was steckt dahinter?

Wir sind absolute Verfechter der Dekarbonisierung. Nicht umsonst hat Uniper angekündigt, im Jahr 2035 in Europa klimaneutral sein zu wollen. Und wir sind überzeugt, dass Wasserstoff ein Haupttreiber dieser Dekarbonisierung sein kann und muss. Dieser Überzeugung wollten wir auch organisatorisch Rechnung tragen. Da ist ein eigener Geschäftsbereich unausweichlich. Dort arbeitet jetzt ein deutlich größeres Team von 30 Mitarbeitern. Darüber hinaus nutzen wir die funktionale Organisation von Uniper (mit). Und natürlich arbeiten wir auch mit anderen Unternehmen zusammen, um Kräfte zu bündeln und unterschiedliche Kompetenzen zu nutzen.

Was für Unternehmen sind das, mit denen Sie zusammenarbeiten?

In den letzten Monaten haben wir Kooperationen mit General Electric und Siemens geschlossen, die viele unserer Gasturbinen hergestellt haben. Siemens baut außerdem Elektrolysen, und darum analysieren wir gemeinsam, wie man die gesamte Wertschöpfungskette noch weiter optimieren kann. So kann es beispielsweise sinnvoll sein, grünen Wasserstoff im sonnigen Nordafrika oder dem Nahen Osten zu produzieren und ihn dann nach Europa zu importieren. Des Weiteren arbeiten wir daran, in unseren Erdgasspeichern und Kraftwerken künftig Wasserstoff einsetzen zu können. Dafür müssen wir gemeinsam mit unseren Partnern analysieren, wie die Wasserstoffverträglichkeit der Anlagen ist. In dieser Hinsicht haben wir auch selbst sehr viel Expertise. Gleichzeitig ergibt es natürlich Sinn, mit den Entwicklern der Gasturbinen gemeinsam neue Ansätze und Lösungen zu erarbeiten, um zum Beispiel zu errechnen, wie hoch der Anteil an Wasserstoff in den Gasturbinen sein darf.

Ist es denn allgemein so, dass die existierende Erdgas-Infrastruktur für Wasserstoff verwendet werden kann? Oder müssen die Anlagen hierfür meist neu gebaut werden?

Was wir neu bauen müssen, sind Elektrolyse-Anlagen. Die haben wir bei Uniper bereits im kleinen Rahmen erbaut, aber großskalig muss das noch geschehen. Das Gleiche gilt für blauen und türkisfarbenen Wasserstoff: Auch hier brauchen wir neue Anlagen. Auf der anderen Seite können wir viel von dem nutzen, was heute schon existiert. Zum Beispiel kann das Erdgastransportnetz auch für Wasserstoff nutzbar gemacht werden. Die Fernleitungsbetreiber sind bereits dabei, Pläne vorzulegen, ungefähr 6000 Kilometer Erdgastransportnetz auf Wasserstoff umzuwidmen. Uniper ist außerdem der größte Erdgasspeicher-Betreiber Deutschlands, und auch diese Anlagen werden wir künftig für Wasserstoff nutzen. Nicht zuletzt werden wir – wie bereits angedeutet – in Zukunft die Möglichkeit haben, Gaskraftwerke mit Wasserstoff zu befeuern. Uniper hat Gaskraftwerke in mehreren europäischen Ländern und auch dort arbeiten wir bereits daran, Erdgas durch Wasserstoff ersetzen zu können. Das ist einer der Gründe, warum wir überzeugt sind, dass der Weg über den Wasserstoff besonders zielführend ist: Bestehende Infrastruktur umzuwidmen ist günstiger, als das komplette Stromsystem immer weiter auszubauen, immer neue Trassen zu legen, die genehmigungstechnisch aufwendig sind, und dafür die Erdgasinfrastruktur brach liegen zu lassen. Wasserstoff ist damit eine zentrale Lösung, um die Dekarbonisierung in Deutschland und Europa voranzutreiben. Dabei steht er aber nicht in Konkurrenz zu alternativen Energieträgern. Im Gegenteil: Erst in der Symbiose mit anderen Lösungen kann dieser Weg wirklich erfolgreich sein.

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.

Verwandte Themen

Atomkraft, Atomkraftwerk
Energie • Wirtschaft • Innovation Atomkraft: Strahlendes Comeback? Thomas Schmidt • 8 min.
Energie • Wirtschaft Gibt es das stabile Netz auch in grün? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Klima Emissionshandel: CO2 einsparen, wo es am günstigen ist Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Innovation Der Wasserstoff, aus dem die Klimawende ist Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Wirtschaft Emissionen einfach ungeschehen machen – geht das? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Innovation • Wissenschaft Der Visionär des Wasserstoffs Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Klima Das grüne Jahrhundert Dariush Jones • 5 min.
Lenin auf einer Briefmarke.
Energie • Gesellschaft • Wirtschaft Russland überholt seine fossilen Kraftwerke Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Innovation Mit „grünem Kerosin“ gegen die Flugscham Thomas Schmidt • 4 min.
Energie • Innovation Wasserstoff: So lässt sich Strom speichern Thomas Schmidt • 3 min.
Energie • Event Best-Of zum Nachhören: Das war die erste internationale Debate.Energy-Konferenz in Berlin Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Gesellschaft „Corona bringt Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren erwartet hatten“ Hannah Meisters • 4 min.
Energie • Innovation „Grüner kann Wasserstoff gar nicht sein.“ Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Meinungen Ist die Energiewende ein Krimi, Thomas Unnerstall? Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Klima #Anthropause: Sind die Delphine wirklich zurück? Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Politik • Wirtschaft Gas ist der ideale Wegbereiter für den Erfolg der Energiewende Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 6 min.
Joe Biden
Energie • Gesellschaft • Klima • Politik Joe Bidens Klimastrategie: Beschäftigung, Arbeiter, Gewerkschaften. Und ja, auch saubere Energie Dariush Jones • 6 min.
Energie • Innovation • Wirtschaft Energieeffizienz ohne Leckerlis Thomas Schmidt • 7 min.
Donald Trump
Energie • Gesellschaft • Politik • Klima Trumps Klimastrategie: “Ein goldenes Zeitalter der Energiedominanz” Dariush Jones • 7 min.
Bremst der Coronavirus die Energiewende aus?
Energie • Klima • Gesellschaft Chance oder Todesstoß? Was Corona für die Energiewende bedeutet Hans-Joachim Ziegler • 9 min.
Energie • Innovation • Klima Podcast: "Städte spielen eine zentrale Rolle für die Energiewende" Jochen Brenner • 30 min.
Wasserstoff: Energieträger der Zukunft
Energie • Klima • Meinungen Wasserstoff – Jules Vernes Vision wird Realität Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 7 min.
Energie • Innovation Nach der Energiewende ist vor der Energiewende – der lange Atem der Fusionsforschung Hans-Joachim Ziegler • 4 min.
Energie • Wirtschaft • Wissenschaft Über Sinn und Unsinn der Brennstoffzellen-Technologie Hans-Joachim Ziegler • 8 min.
Folgen Sie uns auf Social Media
Folgen Sie uns
auf Social Media