Kirsty Gogan

08.09.20 Auf zum Atom: ein Gespräch mit Kernenergiebefürworterin Kirsty Gogan Kirsty Gogan, Direktorin des Instituts Energy for Humanity • 5 min.

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Kirsty Gogan

„Die Kohle- und Ölreserven des Planeten gehen zur Neige, gleichzeitig steigt unser Energiebedarf. Das Atom stellt eine schier unerschöpfliche Energiequelle dar, diesen Bedarf zu stillen.“ Was nach EURATOM klingen mag, entstammt in Wirklichkeit der 1957 erschienenen Walt-Disney-Sendung „Unser Freund, das Atom,“, die für die friedliche Nutzung der Kernkraft warb. Nach Kirsty Gogan, Direktorin des Instituts Energy for Humanity, ist es für die Menschheit höchste Zeit, ihre Freundschaft mit dem Atom wieder aufzufrischen.

Sie waren als engagierte Umweltschützerin ursprünglich Kernkraftgegnerin. Wie kam es zum Meinungsumschwung?

Jemand schenkte mir David MacKays Buch, „Sustainable Energy without the Hot Air“ (2008). Es zeigt in brillanter Weise auf, wie Großbritannien seine Klimaziele für 2050 mit Hilfe bereits vorhandener Technologie erreichen kann. Daraus habe ich zwei Schlüsse gezogen. Erstens lässt sich Klimaneutralität wohl kaum einzig durch erneuerbare Energien erreichen. Die dafür nötigen Wind- und Solarparks würden insgesamt eine enorme Fläche in Anspruch nehmen; für eine Landschaftszerstörung dieses Ausmaßes fehlt die soziale Akzeptanz. Das Faktenreichtum des Buches zeigte mir zweitens, dass ich über Kernenergie schlecht informiert war und dass die üblichen Bedenken – etwa zu den Themen Endlagerung, nukleare Verbreitung, Sicherheit, Kosten – übertrieben sind. Auch die Berichte der WHO und der UNO über Tschernobyl machten bei mir Epoche, denn sie zeigten deutlich, dass die größte Gesundheitsbelastung nicht durch die Strahlung an sich verursacht wurde, sondern durch die Angst vor Strahlung.

Was leistet die Kernenergie, was erneuerbare Energien nicht können?

Moderne Reaktoren erzeugen saubere Energie rund um die Uhr und nach Bedarf. Das können die erneuerbaren Energien nicht. Diese Eigenschaften werden für eine zuverlässige Stromversorgung immer wichtiger werden, da der Anteil an fluktuierender Einspeisung aus erneuerbaren Energien stetig weiter steigt. Darüber hinaus hat unsere jüngste Studie gezeigt, dass durch den Einsatz moderner Nukleartechnologie – in Verbindung mit erneuerbaren Energien und thermischer Energiespeicherung – die Kosten für die Betreibung des Stromnetzes reduziert, CO2-Emissionen gesenkt und die Leistungsfähigkeit des Netzes verbessert würden. Für den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien schwindet zudem in einigen Regionen allmählich die soziale Akzeptanz, insbesondere in denjenigen, wo bereits viele Anlagen errichtet worden sind. In den vergangenen zwölf Monaten sind die Baugenehmigungen für neue Onshore-Windparks in Deutschland beispielsweise um 70 Prozent zurückgegangen, zum Teil wegen Klagen lokaler Bürgerinitiativen und Umweltaktivisten. Um Klimaneutralität zu erreichen, brauchen wir Optionen jenseits der erneuerbaren Energien. Moderne Kernkraftwerke, die sauberen Strom produzieren, aber weit weniger Fläche pro Megawattstunde benötigen als erneuerbare Energien, stellen eine solche Option dar.

Aber wer keinen großen Windpark in der Nähe haben möchte, wird kaum neben einem Kernkraftwerk wohnen wollen, oder? Wie kann die öffentliche Wahrnehmung der nuklearen Sicherheit verändert werden?

WissenschaftlerInnen und IngenieurInnen arbeiten sehr genau, sind aber bei der Vermittlung ihrer Ergebnisse oft etwas nachlässig. Der Klimawandel birgt existenzielle Risiken. Um öffentliche Gesundheit, Produktivität und Lebensqualität zu erhalten, bedarf es zudem weltweit einer sicheren Energieversorgung. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass der Austausch über Kernenergie in gleichem Maße sachbezogen ist wie die zugrunde liegende Technologie, Mathematik und Physik.

Ein kontroverses Sicherheitsthema ist die Endlagerung. Werden die Endlager auch nach Tausenden von Jahren noch sicher sein?

Die geologische Tiefenlagerung von Endabfällen ist extrem sicher. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der finnische Kernkraftbetreiber Posiva bekam im Jahr 2015 die Genehmigung zum Bau eines Endlagers mit dauerhaft passiver Sicherheit auf der Insel Olkiluoto im Westen Finnlands. Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens analysierte Posiva die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit, die ein komplettes Versagen des Endlagersystems in zehntausend Jahren haben würden. Das Unternehmen ging von einem echten Mega-GAU aus, etwa dass die Kupferkanister nach nur eintausend statt erst nach hunderttausend Jahren korrodieren, der Grundwasserspiegel unerwartet steigt, eine Person ihr ganzes Leben im am stärksten verseuchten Gebiet verbringt und dort nur das am stärksten verseuchte Wasser trinkt. Trotz der extremen Unwahrscheinlichkeit dieses Szenarios würde die jährliche Strahlendosis dieser Person lediglich 0,00013 Millisievert betragen, was in etwa dem Verzehr einiger Bananen oder einigen wenigen Minuten in einem Passagierflugzeug entspricht.

Vermutlich kann das europäische Stromsystem eventuell klimaneutral gestaltet werden. Was ist aber mit Sektoren wie Luftfahrt, Schifffahrt und Industrie, die sich nur schwer dekarbonisieren lassen?

Grüner Wasserstoff wird eine entscheidende Rolle spielen. Kernkraftwerke können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Sie haben nämlich eine sehr positive Umwelt- und Klimabilanz, erzeugen billigen Strom bei hohen Kapazitätsfaktoren und produzieren auch sehr heißen Prozessdampf. Sie eignen sich daher ideal für die Produktion von grünem Wasserstoff und synthetischen Kraftstoffen in industriellem Maßstab. Und wenn die Infrastruktur für den Transport der Brennstoffe gebaut ist, können diese in Kernkraftwerken zu wettbewerbsfähigen Preisen produziert werden.

Sie stellen sich eine CO2-arme Zukunft mit erneuerbaren Energien und Kernkraft vor. Aber nicht alle Länder würden Kernkraftwerke sicher betreiben oder auf die Entwicklung von Nuklearwaffen verzichten. Wie können diese Risiken minimiert werden?

Moderne Reaktoren sind mit passiven Sicherheitssystemen ausgestattet, erfordern keine Festlegung von Notfall-Planungszonen im Umkreis und sind viel sicherer, was die nukleare Verbreitung anlangt. Außerdem werden Kernkraftwerke, wie ich eben dargelegt habe, künftig nicht nur sauberen Strom, sondern auch grünen Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe produzieren. Letztere können gelagert und transportiert werden. Dadurch können in Zukunft viele Länder von der Kernkraft profitieren, ohne unbedingt über eigene Anlagen zu verfügen.

Haben Sie eine Buchempfehlung zum Thema Energiezukunft?

Ja, „Our Final Warning: Six Degrees of Climate Emergency“ (2020) von Mark Lynas. Das Buch erscheint in deutscher Sprache im Frühjahr 2021 als „6 Grad Mehr: Die verheerenden Folgen der Erderwärmung.“ Es schildert eindrucksvoll, was für eine enorme Herausforderung es sein wird, den Klimawandel erfolgreich zu bekämpfen. Aber der Autor kommt zu einem optimistischen Schluss, der mich sehr motiviert.

Zur Person


Kirsty Gogan, MSc., ist Geschäftsführerin von LucidCatalyst sowie Mitbegründerin und Direktorin des Instituts Energy for Humanity (EFH), das sich auf die Themen Klimaneutralität und Energiezugang konzentriert. EFH führte beim COP21 in Paris eine Delegation renommierter Klimawissenschaftler an, die für Kernenergie als saubere Energiequelle der Zukunft warb. Das Institut war anschließend Finalist für die Auszeichnung „Grüne NGO des Jahres“ für Business Green Leaders 2016. Frau Gogan verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung als führende Beraterin für Industrie, gemeinnützige Organisationen und Regierungen.

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