Wie im Netz über den Klimawandel diskutiert wird
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19.01.21 Von Aktivisten, Faktencheckern und Engagierten: So wird im Netz über den Klimawandel gesprochen Interview mit Marc Trömel, Geschäftsführer der Meinungsforschungsagentur VICO • Lesedauer: 6 min.

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Marc Trömel

Die Meinungsforschungsagentur VICO und die Stuttgarter Hochschule für Technik haben untersucht, wie Menschen in Online-Foren und auf Social Media über den Klimawandel sprechen. Die gute Nachricht: Die Existenz eines menschengemachten Klimawandels ist inzwischen weitgehend Konsens. Die weniger gute: Die Diskussion über den Umgang mit dieser Realität ist alles andere als konstruktiv. Im Interview erklärt VICO-Geschäftsführer Marc Trömel, wo das Problem liegt – und gibt Tipps für eine bessere Debattenkultur im Netz.

Der Erfolg der Energiewende hängt nicht zuletzt davon ab, wie ganz normale Bürger über das Thema denken. Wie ernst nehmen sie die Gefahr der Erderwärmung? Wen sehen sie in der Verantwortung, Gegenmaßnahmen zu ergreifen? Und wie reagieren Sie, wenn Unternehmen online den Dialog über Themen der Nachhaltigkeit suchen?

Marc Trömel ist einer der Geschäftsführer der Meinungsforschungsagentur VICO. Im Auftrag großer deutscher Unternehmen untersucht er gemeinsam mit seinem Team das Verhalten von Usern auf Social Media Plattformen und formuliert Strategien für Werbemaßnahmen und Kundenkommunikation. Zusammen mit der Stuttgarter Hochschule für Technik erforschte die Agentur nun, wie heute auf Facebook und Twitter, in Foren und Kommentarspalten über den Klimawandel gesprochen wird. Die Ergebnisse der breit angelegten Studie verglichen die Analysten dann mit denen einer früheren Untersuchung, in der die Jahre 2003 bis 2007 im Fokus standen.

VICO-Geschäftsführer Marc Trömel

VICO-Geschäftsführer Marc Trömel

Herr Trömel, wie blicken die Menschen online in die Zukunft?

In einem Wort: ängstlich. Die wenigsten Menschen glauben noch daran, dass der Klimawandel gar nicht kommt. Da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan: 2003 beschäftigten sich noch 98 Prozent der diesbezüglichen Kommunikation mit der Frage, ob es den Klimawandel überhaupt gibt, beziehungsweise ob er vom Menschen verursacht wird. Heute beschäftigen sich gerade mal 4 Prozent mit diesem Thema.

Den Eindruck, dass da so ein Konsens herrscht, bekommt man online gar nicht unbedingt.

Das stimmt. Das lässt sich aber ganz leicht erklären: Wenn ich mir die Gesamtkommunikation zum Klimawandel anschaue, dann beziehe ich da auch mit ein, wenn jemand im Brigitte-Forum sagt: „Boah, der Klimawandel geht mir auf die Nerven, da draußen ist es schon wieder so heiß!“ Oder wenn jemand fragt: „Was muss ich für Bäume in meinem Garten pflanzen, damit die den Klimawandel aushalten?“ Die meisten Leute reden also über den Klimawandel als etwas, das ganz selbstverständlich existiert. Auf der anderen Seite gibt es exponierte Bereiche des Internets, wie zum Beispiel die Foren der großen, politischen Nachrichtenseiten. Auf diese Foren stürzen sich diejenigen, die ein Problem mit dem Klimawandel haben, und hauen dort ihre kruden Thesen raus. Das sind natürlich gleichzeitig die publikumsstärksten Seiten, deswegen bekommt man das geballt mit und erhält einen falschen Eindruck davon, wie viele Menschen so denken.

Was beschäftigt denn wirklich eine Mehrheit der User?

Viel diskutiert werden vor allem die Folgen des Klimawandels: die Erderwärmung selbst, aber auch Dinge wie Wetterextreme oder Artensterben. Wirtschaftliche Schäden sind bei den Folgen bislang noch unterrepräsentiert. Und Armut, Wanderbewegungen und andere soziale Aspekte werden ebenfalls so gut wie gar nicht thematisiert. Der Fokus der Diskussion liegt nämlich im Regionalen. Das ist eine andere Sache, die sich im Vergleich zu 2003 und 2007 sehr deutlich verändert hat: Damals wurde über globale Entwicklungen in der fernen Zukunft gesprochen. Heute wird gesprochen über regionale Auswirkungen im Hier und Jetzt. Da fallen afrikanische Wanderbewegungen zum Beispiel raus. Aber auch die Buschbrände in Australien sind – verglichen mit der Dürre in Deutschland – ein absolutes Randthema gewesen.

Wird neben den Folgen auch über die Ursachen des Klimawandels diskutiert?

Auf jeden Fall – vor allem über die Effekte der Stromerzeugung und Mobilität. Diese Faktoren machen zusammen gerade mal ein gutes Viertel unserer CO2-Produktion aus, nehmen online aber mit Abstand den meisten Raum ein. Auch hier gibt es also ein Ungleichgewicht: 21 Prozent der Emissionen finden in Privathaushalten statt, aber damit beschäftigt sich online fast niemand. Und auch über den CO2 Effekt unseres Konsums – die Herstellung und Herkunft unserer Produkte – wird fast nicht gesprochen, obwohl gerade dieser den größten Anteil an den CO2-Emissionen hat. Dennoch lässt sich feststellen, dass es inzwischen viel mehr darum geht, was der Einzelne beitragen kann. 2003 und 2007 hieß es, Politik und Wirtschaft sollen etwas tun – ich als kleiner Bürger kann eh nichts ändern. Heute sind die Menschen empfänglicher dafür geworden, auch selbst aktiv zu werden. Sie wissen bloß sehr wenig darüber, wo und wie das möglich ist.

Das herauszufinden, dafür sollte das Internet ja eigentlich ganz gut geeignet sein. Funktioniert das denn?

Nein, leider nicht. Das ist eines der größten Probleme der Debatte. Mit Ausnahme von ein paar wenigen Leugnern haben alle Beteiligten – Politik, Wirtschaft, gesellschaftliche Gruppen – die gleiche Zielsetzung: Sie möchten genau verstehen, was los ist, und die Situation beim Klimawandel verbessern. Aber anstatt, dass man sich zusammensetzt und die Sache gemeinsam angeht, ist die Diskussion immer noch sehr stark von gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägt.

Das klingt ein bisschen so wie bei allem im Internet: Jeder bleibt in seiner Blase, echte Diskussionen finden kaum statt. Kann man dagegen etwas ausrichten?

Es stimmt, dass Onlinekommunikation oft nicht dazu führt, dass Menschen zusammenkommen, sondern eher zu einer Herausbildung stärkerer Extreme – gerade auch bei diesem Thema. Es hilft aber, wenn man sich klar macht, dass es online wie offline ganz verschiedene Gruppen von Menschen gibt, die das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven angehen. Wir haben einige dieser Gruppen in unserer Studie identifiziert: Es gibt Aktivisten, die sich sehr viel engagieren. Es gibt hilflos Engagierte, die gerne etwas tun würden, aber nicht wissen, wie. Es gibt Helden des Alltags, Appellierende, Faktenchecker, Resignierte, Blockierer…

Blockierer wollen einfach gar nicht über das Thema sprechen?

Genau. Sobald das Thema Klimawandel aufkommt, machen die dicht. Ich muss also immer wissen, mit wem ich da gerade rede. Bei den Followern eines großen deutschen Autoherstellers fanden wir zum Beispiel eine Menge Blockierer, Gleichgültige und Resignierte. Momentan adressiert dieses Unternehmen seine Follower jedoch, als ob sie Aktivisten wären oder hilflos Engagierte. Das geht einfach an der Zielgruppe vorbei und deswegen kommen 95% negative Kommentare auf Posts zu nachhaltigen Themen. Wenn man sich jedoch auf die Menschen einstellt, kann man mit den einzelnen Gruppen sogar konstruktiv zusammenarbeiten. Die Aktivisten sind zum Beispiel offen dafür, dass man sich mit ihnen zusammensetzt und gemeinsam etwas erarbeitet. Dann kann man das Ergebnis den Appellierenden an die Hand geben. Das sind meist ältere Personen, die stark in Vereinen und Gemeinderäten eingebunden sind und also Einfluss haben. Die sorgen dann dafür, dass die guten Ideen am Ende auch implementiert und realisiert werden.

Kann ich denn auch mit Resignierten und Blockierern über Klimathemen sprechen? Ja, aber eben anders. Um das Beispiel Elektromobilität zu nehmen: Nehmen wir an, der Blockierer lebt im Stuttgarter Zentrum. Seine Lebenserwartung ist geringer, weil er die ganze Zeit die dreckige Luft einatmet. Wenn ich dem nun erkläre: „Kauf dir ein Elektroauto, weil es gut fürs Klima ist,“ dann wird er mir zuerst erklären, warum Elektroautos doch nicht gut fürs Klima sind, und dann, dass das eh alles Schwachsinn ist. Wenn ich aber zu ihm sage: "Kauf dir ein E-Auto, denn wir müssen die Luftproblematik hier vor Ort lösen,“ dann hat der überhaupt kein Problem damit. Man muss also immer schauen: Was ist für diese Gruppe wichtig?

Als Privatperson weiß ich natürlich nicht immer, mit wem ich es da im Netz zu tun habe. Was würden Sie da bezüglich solcher Diskussionen empfehlen?

Ich würde sagen: Versuchen Sie nicht, andere durch impulsive Reaktionen zu überzeugen. Stattdessen macht es mehr Sinn, auf hochwertige Quellen zu verlinken, wo man sich informieren kann. Oder man gibt dem Gegenüber etwas an die Hand, das nachprüfbar ist – etwa ein physikalisches Experiment, das man zuhause nachmachen kann.

Und was raten Sie Unternehmen?

Ganz unabhängig von der Zielgruppe lässt sich sagen: Greenwashing-Versuche funktionieren so gut wie nie. Wenn ein Unternehmen etwas postet wie: „Schaut mal, wir haben jetzt an allen Heizungen im Konzern Thermostate angebracht und jetzt sind wir super grün,“ dann kommt im Netz immer gleich jemand und sagt: „Ja, und eure Produktionsbedingungen?“ Es ist tausendmal besser zu sagen: „Wir haben hier ein Problem, lasst uns zusammen darüber reden.“ Das wird positiv angenommen.

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