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02.02.21 Die internationale Ordnung hinkt den realen Entwicklungen hinterher.“ Interview mit Dr. Kirsten Westphal, Stiftung Wissenschaft und Politik • Lesedauer: 7 min.

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Dr. Kirsten Westphal

Fossile Energieträger haben die internationale Politik der vergangen Jahrzehnte entscheidend geprägt. Auf der einen Seite wurden Kriege um den Zugang zu wichtigen Ölvorkommen geführt. Auf der anderen Seite half der Handel mit Kohle und Gas, internationale Partnerschaften zu festigen und damit Frieden zu sichern. Welche geopolitischen Auswirkungen sind zu erwarten, wenn im Rahmen der Energiewende immer mehr Länder auf erneuerbare Energien umsteigen? Wird die Welt in Zukunft friedlicher werden – oder fragmentierter? Dr. Kirsten Westphal leitet das Projekt „Geopolitik der Energiewende“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Mit DEBATE.ENERGY spricht sie über Gewinner und Verlierer der Energiewende, die Zukunft deutsch-russischer Beziehungen und die Notwendigkeit schlagkräftiger internationaler Organisationen.

Dr. Westphal, für welche Länder wird sich im Zuge der Energiewende am meisten ändern?

Vordergründig wird es Gewinner und Verlierer der Energiewende geben. Zu den Verlieren zählen dabei die großen Exporteure von Öl, Gas und Kohle, denen Einnahmequellen wegbrechen und deren Vorkommen an Wert verlieren. Davon sind die Golfstaaten natürlich betroffen, Russland ebenfalls. Zu den Gewinnern werden dagegen jene Länder zählen, die bisher viele fossile Energieträger importieren mussten. Hier sind die EU, aber auch China zu nennen.

Es deutet außerdem alles darauf hin, dass Deutschland selbst auf der Gewinnerseite der Energiewende steht: einerseits, weil wir künftig weniger für den Import von Öl und Gas ausgeben müssen; andererseits, weil wir bei den Schlüsseltechnologien vorne mit dabei sind. Aber dieser Vorsprung muss auch gehalten werden. Und wir haben durchaus Nachteile gerade gegenüber China, was zum Beispiel den großen Markt angeht, der Skaleneffekte erlaubt. Die können wir nur erzielen, wenn wir die anderen EU-Länder miteinbeziehen. Von der Politik hängt viel ab. Aus meiner Sicht ist es wichtig, vor allem die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten in der Transformationsphase im Blick zu haben. Wir sprechen über einen Systemwandel und haben doch schon mit Strukturbrüchen zu kämpfen.

Wird es auch 2050 noch Energie-Großmächte geben? Oder wird sich der diesbezügliche Einfluss künftig gleichmäßiger verteilen, wenn zum Beispiel die Öl- und Gasvorkommen unter einzelnen Ländern keine so große Rolle mehr spielen?

Generell haben die erneuerbaren Energien tatsächlich den Vorteil, dass sie mehr oder weniger an allen Orten der Welt genutzt werden können. Sonneneinstrahlung und Windintensität sind natürlich je nach Region sehr unterschiedlich. Dennoch gibt es keine so starke geografische Konzentration wie bei den fossilen Brennstoffen.

Das führt dazu, dass das Energiesystem quasi auf den Kopf gestellt wird: Die Gewinne werden dann nicht mehr in erster Linie mit der Energiequelle, sondern eher auf der Stufe der Umwandlung und beim Einsatz der Technologien gemacht. Die neuen Energiegroßmächte werden also die Länder sein, die einerseits über gute geografische und meteorologische Bedingungen verfügen und andererseits Technologiestandorte sind. Die USA und China zählen auf jeden Fall dazu. Auch die EU kann mit ihren Nachbarn wie Großbritannien, Norwegen, aber auch den Ländern im Schwarz- und Mittelmeerraum eine Schlüsselrolle bei den Technologien und der Erzeugung spielen – etwa im Bereich Offshore Wind sowie der Erzeugung von Wasserstoff und seinen Derivaten. Was die traditionellen Energiegroßmächte Russland und Saudi Arabien angeht, hängt es davon ab, wie schnell diese Länder nun die Weichen stellen – und wie gut sie kooperieren.

Gerade Russland ist für Deutschland heute ja ein wichtiger Partner. Wie wird sich unsere Beziehung in den kommenden Jahren entwickeln?

Bei Russland stehen wir vor der Herausforderung, den Abwicklungs- und Scheidungsprozess bei Öl- und Gas, aber auch europaweit bei Kohle möglichst konfliktarm und im Interessenausgleich zu gestalten. Das ist umso wichtiger, als die politischen Beziehungen ohnehin schon sehr belastet sind. Viel spricht aber dafür, Russland bei der Energietransformation mitzunehmen. Das Land hat schließlich alles Potenzial, eine Energiegroßmacht zu bleiben: In den nördlichen Regionen herrscht enormes Windpotenzial, im Süden gibt es einen nennenswerten Sonnengürtel. Außerdem verfügt das Land bereits über die nötige Infrastruktur und findige Ingenieure, um bei der Herstellung z.B. von klimaneutralem Wasserstoff vorne mitzuspielen.

Was es dafür allerdings braucht, ist nicht nur ein politischer Paradigmenwechsel, sondern auch beidseitigen politischen Willen, die Energiebeziehungen auf eine neue Basis zu stellen. Und das ist aufgrund der schwierigen Gesamtbeziehungen kein leichter Weg. Auch wenn die EU das Verhältnis wegen der Annexion der Krim zurecht als sehr belastet ansieht, so sollten wir doch unsere eigene Bringschuld im Energiebereich nicht außer Acht lassen. Wenn wir in der Transformationsphase auch noch sicher und verlässlich Öl und Gas beziehen möchten, dürfen wir nicht nur klimapolitische Ziele kommunizieren, sondern müssen gemeinsam mit den Lieferanten verlässliche Ausstiegspfade definieren.

Kann man aber grundsätzlich sagen, dass der Einfluss des Energiesektors auf die internationale Politik abnehmen wird?

Nicht unbedingt. Es mag sein, dass Energielieferungen künftig in geringerem Maße als Mittel der politischen Einflussnahme genutzt werden. Dennoch sollte es für Europa nicht das Ziel sein, in dieser Hinsicht autark zu werden. Wir werden weiterhin viel importieren müssen, schon weil wir nicht die Fläche haben, um unseren Bedarf an Strom und klimaneutralen Molekülen allein bereitzustellen. Wir brauchen Partnerschaften.

Dabei werden vor allem auch unsere Nachbarregionen wichtiger werden. Was unsere Wasserstoff-Beziehungen angeht, macht es zum Beispiel Sinn, in konzentrischen Kreisen zu denken: Deutschland, EU, Nachbarländer, und so weiter. Mehr noch beim Thema Stromvernetzung: Da ist es spannend, inwieweit wir zum Beispiel unsere Stromnetze ausweiten, mit wem wir synchronisieren und damit Stromschicksalsgemeinschaften schaffen.

Auf den Punkt gebracht bietet die Energiewende viel mehr Gestaltungseinfluss – und den gilt es zu nutzen. Dabei sollten wir uns auf Länder konzentrieren, die ein ähnliches Werte- und Normensystem haben wie wir. Entscheidend wird außerdem sein, mit welchen Ländern wir bereits Beziehungen und Infrastruktur haben – schon allein aus Kostengründen. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Wo erziele ich die besten Effekte für den Klimaschutz?

Die Energiewende zu gestalten ist also eine hochkomplexe Aufgabe, die alle Ebenen mitdenken muss: die globale Ebene, die EU, die Nationalstaaten und besonders auch die regionale Ebene. Die Governance der Energiewende stellt darum eine besondere Herausforderung dar.

Sind die bestehenden internationalen Institutionen denn für diese Aufgabe ausgelegt?

Nein, das glaube ich nicht. Die entscheidenden Institutionen sind allesamt aus dem Ende des zweiten Weltkriegs oder aus dem Ende des Kalten Kriegs hervorgegangen. Wenn man zum Beispiel die UN-Unterorganisationen für einzelne Weltregionen betrachtet, muss man sagen: Das passt heute nicht mehr.

Wir haben zum Beispiel die UNECE für den ganzen europäischen Raum und Russland und die UNESCAP für Ostasien und den Pazifik. So stark wie Europa und Asien gerade auch infrastrukturell schon verbunden sind, bräuchte man da heute eine gemeinsame Organisation. Überhaupt hinkt die internationale Ordnung den realen Entwicklungen hinterher. Vernetzung und Konnektivität haben eine neue Dynamik, China umspannt mit seinen Strom- und Telekommunikationsnetzen zunehmend die Welt. Die USA halten in strategischer Rivalität dagegen. Die EU muss ihre Rolle finden: Ihr steht die USA politisch näher, aber Russland und China sind quasi vor der Haustür.

Geopolitik wird die Energietransformation mitprägen. Denn unser Energiesystem wird künftig heterogener, fragmentierter und regionaler werden.

Kann die Energiewende dazu beitragen, unsere Welt friedlicher zu machen?

Die Energiewende gibt der EU durchaus die Chance, Europa als stabilen und nachhaltigen Kontinent zu gestalten. Darüber hinaus ist der Knackpunkt, inwieweit Staaten multilateral kooperieren und sich an globalen Gütern, und nicht am eigenen kurzfristigen Vorteil orientieren. Wenn wir das hinbekommen, bin ich schon zuversichtlich, dass die Welt eine bessere wird. Es ist aber kein Automatismus zu erwarten: Nur weil wir die Energiewende machen, haben wir noch keinen Weltfrieden.

Zur Person:

Dr. Kirsten Westphal ist Leiterin des Projekts „Geopolitik der Energiewende“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und zudem Mitglied des des Nationalen Wasserstoffrates

Dr. Kirsten Westphal

Dr. Kirsten Westphal ist Leiterin des Projekts „Geopolitik der Energiewende“ bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zuvor war sie Mitglied des Expertenrates der „Global Commission on the Geopolitics of Energy Transition“ (2018/2019). Sie ist Mitglied des Nationalen Wasserstoffrates sowie des Wissenschaftlichen Beirates des Real Instituto Elcano in Madrid. 2015 übernahm sie die Leitung des Projekts „Deutsch-Russischer Energiedialog“, im Jahr darauf zusätzlich die des „Deutsch-Polnischen Energiedialogs”. Sie forscht unter anderem zur Geopolitik der Energietransformation, zu globalen Energiefragen, Versorgungssicherheit und den EU-Energieaußenbeziehungen.

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