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24.02.21 „Es wird jetzt sehr, sehr schnell gehen“: Was die Blockchain für die Energiewende bedeutet Interview mit Dr. Christian Hübner, Konrad Adenauer Stiftung • Lesedauer: 8 min.

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Dr. Christian Hübner

Wer gehofft hatte, das komplizierte Thema Blockchain sei ein Hype, den man einfach aussitzen könne, sieht sich dieser Tage eines Besseren belehrt. Denn was als obskurer Trend im Finanzsektor begann, findet heute Einzug in fast alle Branchen – von der Autoindustrie bis hin zum Gesundheitswesen. Und auch das vielleicht ambitionierteste Projekt unserer Zeit – die Energiewende – wird kaum ohne die Blockchain auskommen.

Dies behauptet zumindest Dr. Christian Hübner, Leiter des Regionalprogramms „Energiesicherheit und Klimawandel Asien und Pazifik“ bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Umweltökonom hat bereits mehrfach zur Blockchain publiziert. Aktuell organisiert er eine international besetzte Webinar-Reihe zu Anwendungsgebieten der Technologie im Energie- und Klimabereich. Für Debate.Energy gibt Dr. Hübner von seinem Hongkonger Büro aus einen Ausblick aufs Thema.

Dr. Hübner, könnten Sie für die Unwissenden unter uns zu allererst kurz erklären, wie die Blockchain grob funktioniert?

Im Grunde kann man sich die Blockchain wie ein digitales Register vorstellen. Zum Beispiel möchte ein Unternehmen einem Kunden etwas verkaufen. Dann trägt sie das ins Register ein, und der Kunde bestätigt im Register, dass er die Ware erhalten hat. Dieses Register wird dann auf vielen verschiedenen Servern gleichzeitig gespeichert. Damit werden die Daten vor Manipulation geschützt: Wer nachträglich etwas ändern will, muss dies auf allen beteiligten Servern parallel tun. Und das gilt als nahezu ausgeschlossen. Der Name Blockchain kommt daher, dass die einzelnen Registereinträge – oder Datenblöcke – nach und nach fortgeschrieben und miteinander verkettet werden. Dabei wird nie etwas gelöscht: Jeder festgehaltene Schritt bleibt für alle Beteiligten transparent einsehbar. Damit schafft die Blockchain auf technologische Weise das Vertrauen zwischen Akteuren, für das es normalerweise einer zentralen Kontrollinstanz bedürfte.

Welche Einsatzmöglichkeiten hat die Blockchain im Kontext der Energiewende?

Dr. Christian Hübner

Dr. Christian Hübner

Die Energieversorgung wird künftig kleinteiliger, dezentraler und digitaler. Damit das effizient und unkompliziert funktioniert, muss die Organisation des Energieversorgungssystems ebenfalls dezentral gelöst werden, ohne dass dabei Vertrauen und Sicherheit verloren gehen. Die Blockchain kann das leisten. Nehmen wir zum Beispiel das Peer-to-Peer Trading, bei dem Haushalte selbst Energie erzeugen und mit ihren Nachbarn teilen wollen. Eine ganze Reihe an Startups fokussieren sich auf dieses Geschäftsmodell. Abrechnung, Zertifizierung und so weiter sollen dabei automatisiert ablaufen. Dasselbe gilt fürs Lademanagement bei der Elektromobilität: Wenn ich meine Ladestation für die E-Autos anderer Besitzer zur Verfügung stellen möchte, erlaubt mir die Blockchain, direkt mit diesen Nutzern abzurechnen. Die Technologie schafft außerdem Nachvollziehbarkeit bei der Frage, wo mein Strom eigentlich herkommt und ob er also wirklich nachhaltig produziert wurde. Auch hier gibt es inzwischen viele Unternehmen, die sich auf solche Anwendungen spezialisiert haben. Genauso bei der Integration virtueller Netzwerke: Auch hier kommt es auf Nachvollziehbarkeit und Vertrauen an – und das sind ja die Stärken der Blockchain.

Nachvollziehbarkeit spielt ja auch in der internationalen Klimapolitik eine große Rolle…

Absolut. Hier geht es zum Beispiel um die Frage, wie Klimaschutzbeiträge einzelner Länder untereinander angerechnet werden können. Auch dabei könnte die Blockchain-Technologie zum Einsatz kommen, um zu verhindern, dass CO2-Einsparungen doppelt angerechnet werden. Außerdem eignet sich die Technologie sehr gut, um Geldströme zu tracken. Wenn die EU zum Beispiel Naturschutzprojekte in einem Land unterstützen möchte, in dem es viel Korruption gibt, dann lässt sich mithilfe der Blockchain sicherstellen, dass das Geld auch tatsächlich beim jeweiligen Projekt ankommt.

Die Technologie erschwert es, Einträge nachträglich zu fälschen. Wie stelle ich aber sicher, dass von vornherein die richtigen Daten hochgeladen werden?

Das ist in der Tat ein kritisches Thema. Das Internet der Dinge wird hier eine zentrale Rolle spielen. In der Energiebranche stellen zum Beispiel heute schon Smart Metering Systeme sicher, dass Daten genau erfasst werden. Solche Technologien tragen ganz wesentlich zur Datenqualität bei.

In anderen Bereichen ist das nicht ganz so einfach. Wenn es zum Beispiel um die Nachverfolgung in der Holzwirtschaft geht, muss ab dem Moment, in dem der Baum gefällt wird, jeder Schritt in der Blockchain festgehalten werden. GPS Tracking ist da ein wichtiges Element. Aber wie überprüft man zum Beispiel, ob an den jeweiligen Produktionsstandorten soziale Kriterien wie die Arbeitsbedingungen eingehalten wurden? Die diesbezüglichen IOT-Anwendungen und Kontrollmechanismen müssen im Zweifel noch entwickelt werden.

Gibt es neben den technischen Herausforderungen auch juristische oder gesellschaftliche Faktoren, welche die Entwicklung auf dem Gebiet erschweren?

Ich hatte es bereits erwähnt: Was einmal in der Blockchain steht, wird nicht wieder vergessen. Das ist einer der Vorteile der Technologie, kann aber natürlich unter Umständen mit dem Datenschutz in Konflikt geraten. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass sich Blockchain-Anwendungen so konstruieren lassen, dass der Datenschutz gewährleistet ist.

Ein Problem ist auch die Regulierung von Blockchain-Anwendungen. Im Finanzsektor geschieht das bereits. Aber auch in anderen Bereichen wird das bald notwendig sein. Vor allem für die Energiebranche kann das noch ein großes Thema werden. Die Herausforderung liegt darin, eine sinnvolle Regulierung zu schaffen, die den öffentlichen Anforderungen einer verlässlichen Energieversorgung entspricht und zugleich innovative Ansätze nicht ausbremst.

Das klingt ja aber so, dass sich gerade sehr viel tut auf dem Gebiet.

Auf jeden Fall – und zwar überall auf der Welt: In Asien, wenn nicht sogar weltweit, ist China definitiv ein Vorreiter in der Entwicklung von Blockchain-Anwendung. Darüber hinaus beobachte ich immer mehr Staaten, die wie auch Deutschland eigene Blockchain-Strategien entwickelt haben. Darunter Indien und Australien. Interessant an den Strategien ist, dass es nicht mehr ausschließlich um den Finanzbereich geht – z.B. in Form von Rahmenbedingungen für Kryptowährungen und digitalen Zentralbankwährungen – sondern zunehmend andere Anwendungsfälle in den Fokus rücken: das Identitätsmanagement, die Landeigentumsverwaltung oder die Nachverfolgung und Zahlungsabwicklung im Handel zum Beispiel. Die Nutzung von Blockchain-Anwendungen im Energiesektor findet vor allem im Bereich der erneuerbaren Energien statt. In vielen Ländern Ost-, Südost- und Südasiens experimentieren Energieunternehmen gegenwärtig damit.

Meine persönliche Beobachtung ist jedoch, dass Deutschland als Standort wirklich einen Vorteil hat. Die deutsche Energiewende-Politik fragt ja im Grunde am laufenden Band neue Lösungen nach. Ich glaube außerdem, dass in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern viel mehr Akteure in dem Bereich tätig sind. Entsprechende Unternehmen gibt es natürlich überall, aber die deutsche Vielfalt an Ansätzen und die Expertise ist schon sehr einzigartig. Und auch die Vernetzung zwischen Forschung und Energiewirtschaft ist besser als anderswo. Deswegen bin ich zuversichtlich, dass Deutschland bei technologischen Lösungen im Energiewirtschaftsbereich viel zu bieten haben wird.

Und wie sieht Ihre Vision für den Einfluss der Blockchain auf die Energiewirtschaft insgesamt aus? Werden wir auch in 20 Jahren noch von diesem Thema sprechen?

Es ist sehr schwer, hier Prognosen abzugeben. Die Technologie steht ja noch am Anfang. Es wird jetzt aber sehr, sehr schnell gehen: Die Blockchain entwickelt sich so rasant weiter, dass sie in zwanzig Jahren ganz anders aussehen wird als heute. Aber das Level an Vernetzung, wie es die Zukunft bringt, wird meines Erachtens nicht mehr zentral organisierbar sein. Und darum wird das Prinzip, dezentral Vertrauen aufzubauen, sich durchsetzen und langfristig eine wichtige Rolle spielen – auch und vor allem bei der Energiewende.

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