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16.03.21 „Die Saudis machen das Licht aus“: Die Rolle der Öl-Staaten in der Energiewende Interview mit Andreas Goldthau • Lesedauer: 6 min.

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Andreas Goldthau

Das 20. Jahrhundert war geprägt von der Macht des Öls. Die zunehmende Dekarbonisierung der globalen Wirtschaft wird diese Macht in den kommenden Jahrzehnten stetig schrumpfen lassen. Wie reagieren solche Staaten auf diese Entwicklung, deren Stabilität, Wohlstand und Einfluss heute zum großen Teil auf dem Export von Erdöl basieren? Und was kann Europa dazu beitragen, dass unsere Welt durch die Energiewende friedlicher und gerechter wird?

Über diese und weitere Fragen spricht Debate.Energy mit Andreas Goldthau, Franz Haniel Professor für Public Policy an der Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt. Als Forschungsgruppenleiter am Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam beschäftigt er sich zudem mit den Auswirkungen der Energiewende im globalen Süden.

Herr Goldthau, der Einfluss des Öls auf den Welthandel schrumpft. Was bedeutet das für Länder, die bisher am meisten vom Ölexport profitiert haben?

In Europa wird allgemein angenommen, dass die Energiewende für alle Staaten, die heute fossile Brennstoffe exportieren, ein riesiges Problem darstellt. Die Diskussion kreist dann immer sehr schnell um die Frage, wie lange diese Länder noch stabil sind – ganz so, als wäre ein Zusammenbruch mehr oder weniger unausweichlich. In Wahrheit ist die Sache jedoch deutlich komplexer. Man muss nämlich ganz klar zwischen einzelnen Staaten unterscheiden.

Saudi Arabien zum Beispiel ist so ein Land, das sehr stark vom Öl-Export abhängig ist. Und nur an den dortigen Ölvorkommen gemessen, könnte das Land noch 80 Jahre weiter Erdöl fördern und exportieren wie heute. Das heißt, Saudi Arabien hat ein großes Interesse daran, am Markt zu bleiben.

Gleichzeitig hat das Land zwei mächtige Vorteile: Erstens ist das Öl dort im Vergleich zu anderen Sorten weniger CO2-intensiv und darum am Weltmarkt auch während der voranschreitenden Energiewende gefragt. Zweitens wird es zu recht geringen Produktionskosten gefördert und ist darum relativ billig. Aus diesen Gründen wird das Land selbst auf einem geschrumpften Markt immer noch gut aufgestellt sein, während Player wie Kanada oder Venezuela, die zu relativ hohen Kosten produzieren müssen, nach und nach aus dem Markt herausfallen. Natürlich wird es auch für Saudi Arabien irgendwann eng, aber um es auf den Punkt zu bringen: Die Saudis werden diejenigen sein, die das Licht ausmachen.

Prof. Dr. Andreas Goldthau

Prof. Dr. Andreas Goldthau

Wie liegt die Sache in Russland? Wenn man die Nachrichten so verfolgt, bekommt man nicht den Eindruck, dass die dortige Regierung die Energiewende vorantreibt.

Stimmt. Dabei hätte Russland ein riesiges Potenzial für erneuerbare Energieträger. Und auf lokaler Ebene gibt es da auch Initiativen. Nur wird der Umbau auf politischer Ebene nicht gewollt. Im Gegenteil: Die Ziele des Kohle-Abbaus sind gerade erst nach oben korrigiert worden.

Es gibt aber parallele Entwicklungen, die neue Wege eröffnen. So wird auch in Russland inkrementell innoviert, um an neuen Wertschöpfungsketten mitverdienen zu können. Im Gasbereich wird viel über blauen Wasserstoff gesprochen, um nur ein Beispiel zu nennen. Das ist jedoch eine riskante Wette. Denn ich würde nicht fest davon ausgehen, dass die EU ein großer Abnehmer von russischem blauen Wasserstoff sein wird.

Gleichzeitig ist die russische Volkswirtschaft viel diversifizierter als die Saudi Arabiens. Die Wertschöpfung findet hier nicht ausschließlich im Öl- und Gas-Sektor statt. Prinzipiell wäre Russland also in der Lage, sich auf andere Wirtschaftssektoren auszurichten, wenn fossile Brennstoffe künftig an Bedeutung verlieren.

Dazu müsste es allerdings seinen Haushalt so umstrukturieren, dass er weniger abhängig von fossilen Rohstoffen wird – zum Beispiel durch strategische Investitionen und Steueranreize für andere Wirtschaftssektoren. Dafür braucht man aber eine langfristige Perspektive und politischen Willen. Und das haben die Russen nicht – zumindest nicht im Moment.

Welche langfristige Perspektive hat denn Europa? Wie bedeutet die Energiewende für unsere Beziehungen zu anderen Ländern und Kontinenten?

Momentan ist die EU für grob ein Fünftel der weltweiten Ölimporte verantwortlich. Damit sind wir ein sehr wichtiger Player auf dem Ölmarkt: Was wir tun, hat also immer globale Auswirkungen. Wenn wir nun künftig weniger Öl und dafür zum Beispiel grünen Wasserstoff importieren, führt das dazu, dass wir einige unserer aktuellen Wirtschaftsbeziehungen runterfahren und durch neue Partnerschaften ersetzen werden. Die Frage ist, ob wir diese neuen Partnerschaften mit denselben Ländern abschließen, mit denen wir bislang Kohle oder Öl gehandelt haben; oder ob es in einer dekarbonisierten Zukunft zu einer außenpolitischen Neuausrichtung kommen wird.

Ich halte Letzteres für sehr wahrscheinlich. Die neuen Energieträger zwingen uns dazu, eher infrastrukturell zu denken, beispielsweise im Bereich integrierte Stromnetze. Im Vergleich zum Status Quo werden wir darum eine Regionalisierung der Handelsströme im Energiebereich sehen. Da spielen Staaten in Nordafrika plötzlich eine größere Rolle – und andere, weiter entfernte Länder eine eventuell kleinere.

Das klingt nach einer großen Umwälzung.

Ist es auch. Deshalb ist es im Moment unglaublich wichtig, dass wir uns die fundamentalen außenpolitischen Konsequenzen klar machen, welche die Dekarbonisierung unserer 15 Billionen Dollar-Volkswirtschaft haben wird. Dieses Bewusstsein ist im Moment noch nicht vorhanden.

Was kann die EU konkret tun, um sich auf diese Herausforderungen einzustellen?

Wir müssen unsere Klimapolitik, unsere Handelspolitik und unsere Außenpolitik besser integrieren. Wir müssen zudem mit unserer Entwicklungspolitik Instrumente schaffen, die solchen Ländern, die in einer dekarbonisierten EU als Handelspartner keinen Platz mehr haben, dennoch eine sanfte Landung ermöglicht. Wir müssen uns dafür einsetzen, die politische Organisation dieser Regionen zu stärken und marktwirtschaftliche Investitionen in dortige Industrien zu erleichtern. Denn eines ist sicher: Wenn wir die negativen Effekte der Energiewende in diesen Ländern nicht abfangen, fällt uns das früher oder später auf die Füße. Dann werden Länder mit Ein-Sektor-Exportindustrien wirklich instabil.

Auf der anderen Seite müssen wir in den nächsten vier Jahren versuchen, transatlantisch auf einen Nenner kommen, was Fragen der Dekarbonisierung betrifft. Denn damit es da zu Reibungen kommt, dafür brauchen wir Trump nicht. Selbst wenn wir das Ziel der Bekämpfung des Klimawandels glücklicherweise wieder teilen, haben die EU und die USA einfach unterschiedliche Interessen und unterschiedliche Herangehensweisen mit Blick auf CO2-Regulierung und grüne Technologien. Denken Sie an die gerade in Europa diskutierten Grenzausgleichsmechanismen für CO2-intensive Produkte. Diese könnten in den USA als protektionistisch ausgelegt werden, mit dem Ergebnis handelspolitischer Verstrickungen oder gar Handelskriegen. Nicht nur gingen uns dann wertvolle Skaleneffekte verloren. Wir würden über all dies auch die wirtschaftlichen und klimapolitischen Auswirkungen vergessen, die unser Handeln in anderen Teilen der Welt hat.

Sie wünschen sich also eine gemeinsame Energiewende-Strategie für EU und USA?

Zumindest eine Koordinierung in den Instrumenten, in den Ansätzen. Wenn wir in der EU Mechanismen entwickeln, um die Dekarbonisierung voranzutreiben, dann müssen wir das ganz schnell mit unseren wichtigsten Handelspartnern absprechen, sonst führt das zu Klagen und Restriktionen. Und das ist das Letzte was wir wollen.

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