Erneuerbare Energien
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18.03.21 „Die Politik muss sich trauen, die Erneuerbaren Energien zu entfesseln“ Interview mit Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE) • Lesedauer: 6 min.

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Dr. Simone Peter

Die Klimakrise wird weitaus dramatischer als die Coronakrise. Das sagt Simone Peter. Wir haben mit ihr über ihre Forderungen an die Politik nach der Bundestagswahl gesprochen, und warum Deutschland seine Vorreiterrolle bei Solar, Wind und Wasser verloren hat. Wenn sich nichts ändere, würde neben der Umwelt bald auch die Wirtschaft leiden.

Debate.Energy: Frau Peter, als Verbandspräsidentin kämpfen Sie für die Erneuerbaren Energien, was trägt Frau Peter im Alltag ganz privat bei?

Simone Peter: Ich beziehe seit vielen Jahren Ökostrom von einem Anbieter, der auch den Bau neuer Anlagen vorantreibt. Und wir haben eine Solarthermieanlage auf dem Dach. Außerdem fahren wir als Familie rein elektrisch. Es lohnt sich, jetzt die Fördermittel zu nutzen und diese effizienten, leisen und sauberen E-Autos zu kaufen. Deutschlandweit reise ich mit der Bahn, und dort, wo ich wohne und arbeite, genieße ich es sehr, auch mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.

Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE)

Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE)

Das ist ein guter Beitrag – verhält sich die Politik im großen Rahmen auch so vorbildlich?

Leider nicht. Ihr Handeln ist viel zu oft von endlosen „Ja, aber…“-Debatten und Ängstlichkeit dominiert. Dabei muss die Politik begreifen, dass es keinen Widerspruch zwischen ökologischen Zielen und ökonomischem Fortschritt gibt. Leider sind wir im Bereich der Erneuerbaren Energien schon lange kein Vorreiter mehr – dabei hatten wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz im Strombereich vor gut 20 Jahren so gut vorgebaut. Aktuell sind wir auf dem Energiewende-Index des Weltwirtschaftsforums auf Platz 20. Da müssen wir wieder deutlich ambitionierter werden, auch bei der Wärme- und Mobilitätswende.

Also große Erwartungen an die Politik nach der Bundestagswahl. Was muss sich ändern?

Zunächst hoffe ich sehr, dass die Zögerlichkeit und das endlose Abwägen aufhören. Ich kann allen Parteien empfehlen, sich die Antrittsrede von Joe Biden anzuhören, das ist Motivation für eine sozial-ökologische Modernisierung der Wirtschaft! Die Marktbarrieren für Erneuerbare Energien müssen beseitigt und der Ausbau beschleunigt werden. Außerdem muss die Senkung des Börsenstrompreises durch Erneuerbaren Energien, allen voran Photovoltaik und Wind an die Bürger weitergegeben werden. Die Politik muss einen fairen Wettbewerb schaffen, der nicht länger Großkraftwerke im Blick hat, sondern dezentrale, bürgernahe Strukturen in den Mittelpunkt stellt.

Woher rührt die Zögerlichkeit bislang?

Immer noch vom Irrglauben, dass wir wirtschaftlich nur weiterkommen, wenn wir auf fossile Energien setzen. Dabei schafft die Energiewende zigtausende zukunftsfeste Arbeitsplätze, löst Milliardeninvestitionen aus und stärkt heimische Wertschöpfung. Und mehr noch: Wir müssen den Industriestandort Deutschland bei neuen ökologischen Technologien stärken, um nicht international abgehängt zu werden. Die neue US-Administration will den gesamten Regierungsfuhrpark von landesweit 645.000 Fahrzeugen durch Elektrofahrzeuge ersetzen. Und das ist nur ein Beispiel. Wenn die richtig loslegen mit dem Klimaschutz, wird das eine riesige Herausforderung für die europäische Industrie.

Und auch andere Länder wie China geben Gas. Wir haben schon einmal erlebt, dass große Teile der Solarbranche abgewandert sind, und jüngst gab es enorme Einbrüche bei der Windindustrie. Batterien werden vorwiegend in Asien hergestellt und auch bei der Digitalisierung sind andere vorne. Das ist ein Debakel für den Standort. Der europäische Markt muss sich jetzt zukunftsfähig aufstellen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Ist auch die gefühlte fehlende Akzeptanz der Erneuerbaren bei den Menschen ein Grund für die Bremswirkung?

In der Politik herrscht eine vermeintliche Angst vor Widerspruch aus der Bevölkerung. Aber das ist hausgemacht, denn die Politik nimmt die Menschen nicht mit. Sie könnte die positiven Effekte viel stärker kommunizieren, Bürgerinnen und Bürger und Kommunen viel mehr beteiligen und die Energiewende als Gewinnerthema positionieren. Es hat sich gezeigt, dass die Akzeptanz dort viel stärker ist, wo die Menschen in die Prozesse eingebunden wurden.

Also stärker Richtung Bürgerenergie?

Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Aspekt. In Deutschland waren schon mal 50 Prozent der Erneuerbaren Energien in Bürgerhand, über Bürgerenergiegenossenschaften, Hausbesitzer oder Landwirte. Jetzt sind wir schon bei nur noch 40 Prozent und das geht zu Lasten der Akzeptanz in der Bevölkerung. Natürlich braucht es auch große Akteure, zum Beispiel für Offshore-Windparks oder um die Infrastruktur auszubauen. Aber eine Bürgerbeteiligung deutlich jenseits der 50 Prozent wünsche ich mir schon.

Als Mikrobiologin sind Sie selbst Wissenschaftlerin: Fehlt Ihnen in der Politik die Berücksichtigung wissenschaftlicher Ergebnisse zum Thema Energie?

Jetzt während der Corona-Pandemie wird die wichtige Rolle von Wissenschaft bei der Beratung von Politik sichtbar. So eine starke Einbindung der Wissenschaftler wünsche ich mir auch beim Klimathema. Denn die Klimakrise ist langfristig weitaus dramatischer als die Coronakrise.

A propos wissenschaftliche Fakten: Woher nehmen Sie die Energie, in Ihrem Twitter-Account unablässig auch mit Kritikern im Gespräch zu bleiben und Studien und Daten herauszusuchen, um Falschmeldungen zu begegnen?

Ich glaube, dass auch das Engagement in den sozialen Netzwerken ein Beitrag ist, die Energiewende voranzutreiben. Es gibt ja viele gute Nachrichten, die wir verbreiten können. Ich mag auch die Kontroversen und gehe auch auf kritische Fragen gerne ein. Die Grenze ist aber beim Negieren wissenschaftlicher Fakten und Klimaleugnern überschritten. Sie verdienen mein Interesse und meine Zeit nicht.

Zum Abschluss: Wo würden sie Deutschland gerne in zehn Jahren sehen?

Ich wünsche mir, dass Deutschland dann wieder mit zu den Vorreitern bei den Erneuerbaren Energien gehört und dass wir mindestens 80 Prozent des Stroms und deutlich mehr Wärme und Mobilität daraus beziehen. Ich wünsche mir, dass die Erneuerbaren Energien endlich als Chance begriffen werden. Ich habe in den letzten 20 Jahren so viele Produktionsstätten, Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen besucht und dort einen solchen Ideenreichtum gesehen, dass ich regelrecht euphorisch bin. Wenn die Politik sich traut, die Erneuerbaren Energien zu entfesseln, ist ganz viel möglich.

Zur Person:
Simone Peter ist promovierte Biologin. Nach Positionen bei der Sonnenstrom-Vereinigung Eurosolar und der Agentur für Erneuerbare Energien war sie von 2009 bis 2012 Umweltministerin des Saarlandes. Von 2013 bis 2018 bildete Peter zusammen mit Cem Özdemir der Vorsitz der Partei Bündnis90/die Grünen. Seit März 2018 ist sie Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie.

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