29.06.22 Auch 2045 wird es noch ein deutsches Gasnetz geben Interview mit Dr. Timm Kehler, Vorstand von „Zukunft Gas“ • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Grüner Wasserstoff und klimaneutrales Ammoniak statt Erdgas: Für Dr. Timm Kehler, Vorstand von „Zukunft Gas“, werden gasförmige Energieträger auch in Zukunft eine Schlüsselrolle spielen. Erste LNG-Lieferungen über die neuen Terminals erwartet er schon im kommenden Winter. 

Dr. Timm Kehler, Vorstand von „Zukunft Gas“

Herr Kehler, Ihr Verband heißt „Zukunft Gas“. Wie viel Zukunft hat Gas noch seit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine? 

Was viele Menschen bei der Diskussion um Erdgas übersehen: Wasserstoff ist ebenfalls ein Gas. Wir werden das Gassystem darum auch in Zukunft brauchen – nur eben nicht für Erdgas, sondern für klimaneutrale Gase. Damit meine ich neben Wasserstoff auch Bio- oder synthetisches Methan. Für den Transport und die Speicherung dieser Gase werden wir auch künftig die deutsche Gas-Infrastruktur benötigen. 

Aus der Politik kam jüngst der Vorschlag, genau diese Infrastruktur bis 2045 zurückzubauen. Was sagen Sie dazu? 

Wer so etwas vorschlägt, lässt 80 Prozent unseres Energieverbrauchs außer Acht. Denn vier Fünftel der Energie in Deutschland werden nicht von Elektronen, sondern von Molekülen geliefert – also unter anderem von Gas. Aus genau diesem Grund wurden in Brüssel und Berlin ja Wasserstoff-Strategien für die Zukunft entwickelt. Und wie soll man Millionen private und industrielle Kunden ohne Gasnetz mit Wasserstoff versorgen? Wer das Gasnetz zurückbauen will, nimmt also zahllosen, vor allem mittelständischen Unternehmen jede Perspektive. Ich interpretiere diesen Vorschlag als bewusste Provokation, um eine Diskussion anzustoßen. Hilfreich war er sicher nicht. Ich bin mir jedenfalls sicher: Auch 2045 wird es noch ein deutsches Gasnetz geben – und wir werden froh sein, dass wir es haben. 

Welche Rolle wird Gas in Zukunft für die deutsche Energieversorgung spielen? 

Der Anteil des Stroms wird voraussichtlich wachsen, von heute etwa 20 Prozent auf künftig ungefähr ein Drittel. Dafür werden der Umstieg auf Elektromobilität im Verkehr und auf Wärmepumpen für die Gebäudeheizung sorgen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: 60 bis 70 Prozent des Energiebedarfs werden auch in Zukunft nicht mit grünem Strom abgedeckt werden können. Genau dafür brauchen wir grünen Wasserstoff oder andere klimaneutrale Gase. Im bestehenden Gasnetz können wir diese hervorragend transportieren und speichern. 

Bis zum großflächigen Einsatz von Wasserstoff und anderen klimaneutralen Gasen werden noch viele Jahre vergehen. Wie schnell kann Flüssiggas in der Zwischenzeit russisches Erdgas ersetzen? 

Wir ringen ja schon seit 15 Jahren um ein LNG-Terminal in Deutschland. Nur deswegen waren die Planungen bereits so weit fortgeschritten, dass wir nun sehr schnell die neue Infrastruktur aufbauen können. Ich erwarte die ersten Anlagen zum Jahreswechsel, und in Wilhelmshaven dürfte das erste Flüssiggas Mitte des kommenden Winters ins Gasnetz eingespeist werden. Wenn wir das tatsächlich innerhalb eines halben Jahres realisieren könnten, wäre das eine beeindruckende Leistung. Das hätte sich die Branche vor einigen Monaten noch nicht träumen lassen. Möglich wurde das nur dadurch, dass Bundesregierung und Gaswirtschaft an einem Strang gezogen haben. 

Flüssiggas ist ja nicht unbegrenzt verfügbar, außerdem haben die Produzenten teilweise langfristige Verträge mit anderen Abnehmern. Können wir das russische Erdgas tatsächlich komplett durch LNG ersetzen? 

Russland hat zuletzt jedes Jahr rund 150 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa exportiert. Das entspricht ungefähr einem Drittel des weltweiten LNG-Marktes. Es ist also eine gewaltige Aufgabe, russisches Erdgas durch Flüssiggas zu ersetzen. Zudem wird die zusätzliche Nachfrage aus Europa sicherlich zu steigenden Preisen für Flüssiggas führen. Dennoch ist es in der jetzigen Situation ein Segen, dass uns LNG als Alternative zur Verfügung steht. Denn es dämpft heute schon die Preisspitzen, die die bewusste Verknappung russischen Gases hervorruft. 

Kritiker sagen, durch die neuen LNG-Terminals werde eine fossile Infrastruktur aufgebaut – obwohl wir doch eigentlich aus fossilen Energien aussteigen wollen. Haben sie recht? 

Nein, und ich möchte sehr deutlich diesem Framing widersprechen. Hier wird keine „fossile Infrastruktur“ aufgebaut. Denn diese Anlagen sind bereits so ausgelegt, dass sie in Zukunft auch für klimaneutrale Energieträger genutzt werden können. Das gilt zum Beispiel für die LNG-Terminals: Dort werden nach dem Ende der Flüssiggas-Nutzung Tanker beispielsweise grünen Wasserstoff in Form von Ammoniak oder klimaneutrales Methan anliefern. 

Der Umstieg auf Flüssiggas wird gerade mit Rekordgeschwindigkeit vorangetrieben. Was können wir daraus für andere Felder der Energiewende lernen? 

Wir hängen beispielsweise beim Ausbau des Stromnetzes um Jahre hinterher. Das gilt auch für den Ausbau der Windkraft an Land und auf See, die aktuell nahezu zum Erliegen gekommen sind. Oft liegt es an den Genehmigungsverfahren, dass die Projekte nicht vorankommen. Ich kann mir darum vorstellen, dass das neue LNG-Gesetz als Inspiration für eine massive Beschleunigung auch in anderen Bereichen dient. Dann könnte Deutschland wirklich in Bewegung kommen.

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