18.01.22 Das Rückgrat der Dekarbonisierung Interview mit Nina Scholz • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Equinor ist der größte Erdgasproduzent Europas: Das Unternehmen fördert in der norwegischen Nordsee rund 80 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Es beliefert damit Verbraucher in ganz Mitteleuropa und deckt rund 20 bis 25 Prozent des europäischen Erdgasverbrauchs ab. Mit blauem Wasserstoff will Equinor einen Beitrag zur Energiewende und zum Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft leisten, wie Nina Scholz, Country Manager Germany von Equinor Deutschland, im Interview erklärt. 

Nina Scholz, Country Manager Germany von Equinor Deutschland

Welche Rolle wird blauer Wasserstoff für Equinor in Zukunft spielen? 

Blauer Wasserstoff wird gemeinsam mit grünem Wasserstoff das Rückgrat der Dekarbonisierung kohlenstoffintensiver Industrien sein. Equinor steht bereit, diesen Übergang mit unserer Erfahrung und unseren Kapazitäten zu unterstützen. Blauer Wasserstoff hat den Vorteil, dass er schnell und in großem Maßstab mit vorhandener Technologie produziert werden kann und immer verfügbar ist. Er kann den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ermöglichen und danach durch grünen Wasserstoff ergänzt werden. Bereits heute beteiligen wir uns an vielen Wasserstoffprojekten in ganz Europa, um den Markthochlauf voranzutreiben. 

Wie viel Erfahrung hat Equinor bereits mit blauem Wasserstoff gesammelt? 

Equinor ist an zahlreichen Projekten beteiligt. Sie zeigen, dass die Produktion von blauem Wasserstoff skalierbar ist und einen CO2-armen Energieträger liefern kann. Bereits seit 25 Jahren sammeln wir außerdem in Sleipner Erfahrung mit der CO2-Speicherung – der Schlüsseltechnologie für blauen Wasserstoff. Ab 2024 werden wir im Projekt „Northern Lights“ erstmals mit unseren Partnern Shell und Total Energies in großem Maßstab das CO2 unserer Industriepartner aus ganz Europa direkt vom Ort des Entstehens per Schiff nach Norwegen transportieren und dort sicher unter dem Grund der Nordsee speichern. In der ersten Projektphase werden es jährlich bis zu 1,5 Millionen Tonnen CO2 sein. Diese Kapazität können wir später erweitern. Unser Ziel ist es, bis 2035 jährlich 15 bis 30 Millionen Tonnen CO2 unter dem Meeresboden speichern zu können und drei bis fünf Industriecluster mit klimafreundlichem Wasserstoff zu versorgen. 

Sie sagen, die CO2-Speicherung sei die Schlüsseltechnologie für den Einsatz von blauem Wasserstoff. In der Vergangenheit gab es dagegen jedoch große Vorbehalte in der deutschen Bevölkerung. Was entgegnen Sie den Kritikern und Skeptikern?

Die größten Kritikpunkte sind: Die CO2-Speicherung sei nicht sicher und nicht notwendig, außerdem gebe es nicht genügend Kapazitäten. Zunächst zur Sicherheit: Im Rahmen des bereits erwähnten Sleipner-Projekts hat Equinor in den letzten 25 Jahren bereits über 20 Millionen Tonnen CO2 ohne Probleme gespeichert. Die Speicheranlage wird streng überwacht, auch wenn die Kapazität eines Tages erschöpft sein wird. Wir stellen alle Daten Dritten zur Verfügung, um Transparenz zu gewährleisten. Nun zur Notwendigkeit: Hier ist sich die Wissenschaft – sowohl der Weltklimarat als auch die Internationale Energieagentur – einig, dass Klimaneutralität nur mit CO2-Speicherung erreicht werden kann. Und auch die Kapazitäten dafür sind vorhanden: Allein in der Nordsee wird das Speicherpotenzial auf 160 Gigatonnen geschätzt – was ausreichend wäre, um 75 Jahre lang die heutigen CO2-Emissionen der europäischen Industrie zu speichern. 

Es wird oft behauptet, blauer Wasserstoff sei nicht klimafreundlich, weil bei seiner Produktion und Verteilung Methan emittiert wird. Was sagen Sie dazu? 

Die Studien, auf die sich diese Kritik bezieht, stützen ihre Schlussfolgerungen auf Annahmen für Upstream-Methanemissionen und Abscheidungsraten in Reformern, die nicht die Realitäten in den aktuellen europäischen Projekten widerspiegeln. Ein Beispiel: Es gibt Studien, die bei den Methanemissionen von einem Wert von mehr als drei Prozent ausgehen, tatsächlich betragen diese aber bei der Erdgasförderung auf dem norwegischen Festlandsockel 0,03 Prozent. Auch die CO2-Abscheidungsrate ist in der Realität bereits deutlich höher als in diesen Studien angenommen, denn die Technologie entwickelt und verbessert sich stetig. Unsere Wasserstoffprojekte basieren auf hochmodernen und äußerst effizienten Reformierungsanlagen, die eine Abscheidungsrate von rund 95 Prozent aufweisen. Verfahren mit einem Fußabdruck, wie er in manchen kritischen Studien angenommen wird, hätten wir für unsere Projekte nie in Betracht gezogen. Uns ist also sehr bewusst, dass die Akzeptanz von blauem Wasserstoff stark von der Höhe der wenigen verbleibenden Emissionen und dem Vertrauen in die Daten abhängt. Daher fordern wir klare Kriterien und eine Standardisierung des Treibhausgas-Fußabdrucks von blauem Wasserstoff entlang der gesamten Wertschöpfungskette. 

Welche Vorteile hat Europa von blauem Wasserstoff aus Norwegen? 

Er bietet Versorgungssicherheit bei zugleich minimalen Auswirkungen auf das Klima. Genau das braucht Europa jetzt – denn die energieintensive Industrie benötigt zuverlässige und in weiten Grenzen skalierbare Lösungen für ihre Transformation. Sowohl die politischen Signale als auch die verfügbaren Technologien müssen mit den Investitionszyklen in Einklang gebracht werden, andernfalls riskieren wir Carbon Leakage. Blauer Wasserstoff ist rund um die Uhr verfügbar und kann in großen Mengen produziert werden. Er kann daher als Kickstarter für den Hochlauf des Wasserstoffmarktes dienen und Infrastrukturinvestitionen auslösen, damit die Klimaziele rechtzeitig erreicht werden. Wir sind davon überzeugt, dass ein erfolgreicher Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft nur möglich ist, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen. Wir möchten mit unserer Erfahrung dazu beitragen, dass dies so schnell wie möglich geschieht. 

Wie geht ein großer Gasproduzent wie Equinor mit dem Ziel der Treibhausgasneutralität um? 

Equinor hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften – einschließlich der Emissionen aus Produktion und Endverbrauch. Wir unternehmen große Anstrengungen, den CO2-Ausstoß bei der Öl- und Gasförderung zu senken. Wir elektrifizieren beispielsweise unsere Förderplattformen, um künftig nicht mehr auf die direkte Verstromung von Gas angewiesen zu sein. Unser schwimmender Offshore-Windpark Hywind Tampen wird 2022 ans Netz gehen und mit insgesamt 88 Megawatt Leistung fünf Plattformen mit grünem Strom versorgen. Darüber hinaus senken wir kontinuierlich den Methanausstoß, der mit unserer Produktion in Verbindung steht. Wir konzentrieren uns auf den Ausbau der erneuerbaren Energien, investieren in Wasserstoff und CO2-Speicherung, während wir unser Geschäft auf Netto-Null-Emissionen umstellen. Unter anderem ist geplant, mehr als 20 Milliarden Euro zu investieren, um bis zum Jahr 2030 12 bis 16 Gigawatt erneuerbare Energien zu installieren.



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