Prognos

19.03.20 Die Energiewende ist harte, anstrengende Arbeit" Interview mit Dr. Almut Kirchner, Energieexpertin • 6 min.

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Dr. Almut Kirchner

Nutzt oder schadet der Klimawandel der Wirtschaft? Und welche Qualifikationen sind in einer nachhaltigen Ökonomie besonders gefragt? Ein Gespräch über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Energiewende mit der Versorgungssicherheits-Expertin Dr. Almut Kirchner von der Prognos AG. 

Frau Kirchner, wie verstehen Sie Ihre Rolle in der Klimadebatte?

Der Diskurs um Klimawandel und Energiewende in Deutschland ist ideologisch extrem aufgeladen. Wenn man – wie wir bei Prognos – mit ganz verschiedenen Akteuren und Handlungsfeldern zu tun hat, merkt man jedoch, dass jede Seite dazu tendiert, auszublenden, was ihr gerade nicht gefällt. Wir versuchen, die Seite der Rationalität einzunehmen. Wir wissen einerseits, dass um die Energiewende kein Weg herumführt. Es hat jedoch auch keinen Sinn, zu behaupten, dass wir auf diese Weise automatisch paradiesischen Zuständen entgegensteuern. Die Energiewende ist harte, anstrengende Arbeit, die dazu führt, dass neue Akteure auftreten und alte Akteure be- oder entlastet werden. Sie bringt einerseits Chancen mit sich, andererseits aber auch Herausforderungen und Risiken sowie jede Menge notwendige Aushandlungsprozesse. Es bringt nichts, vor diesen Dingen die Augen zu verschließen.

Was sind konkret die Dinge, welche die verschiedenen Seiten heute nicht sehen wollen?

Die Fürsprecher der Klimawende sehen zum Beispiel nur selten die Verlierer des Prozesses. Es gibt Branchen, die unter einer klimaorientierten Politik sehr viel stärker belastet würden, und Branchen, die sogar ganz verschwinden werden – die Kohle und große Teile der Mineralölindustrie zum Beispiel. Natürlich haben wir auf der anderen Seite auch ganz viele Chancen, aber die Chancen und die Herausforderungen betreffen ja nicht die gleichen Menschen.

Zeche Zollverein

Aber können ein geregelter Strukturwandel und Angebote für Umschulungen den Übergang nicht einfacher machen?

Sicher. Das ist auch die große Chance, die wir jetzt haben, dass dieser Strukturwandel nicht über uns hereinbricht, sondern mit klaren Ziel- und Zeitrahmensetzungen gestaltet werden kann. Wir sehen im Zusammenhang mit dem Kohleausstieg jedoch schon jetzt sehr deutlich, dass in Gegenden, wo außer Braunkohle nichts ist, auch Umschulungen nicht viel helfen. Dazu müsste man da gleichzeitig etwa Unternehmen oder Organisationen ansiedeln – oder aber Menschen dazu bewegen, mobiler zu werden, was nicht einfach ist. Außerdem müssen Umschulungen ja auch erstmal absolviert werden. Das heißt, die Menschen müssen z.B. zwei Jahre lang etwas anderes lernen – und in dieser Zeit verdienen sie unter Umständen nichts oder weniger. Da müssen gegebenenfalls passgenaue Lösungen gefunden werden. Aber es gibt ja schon ganze Werkzeugkästen voll mit arbeitsmarktorientierten Instrumenten.

Mal ganz plakativ gefragt: Ist die Klimawende eher eine Gefahr oder eher ein Segen für den Arbeitsmarkt?

Als hochentwickeltes Industrieland mit sehr viel mittelständischer Industrie sind wir sehr gut aufgestellt, um die Energiewende zu bewältigen. Außerdem können wir, wenn wir es klug anstellen, einen großen Teil der neuen Technologien selbst produzieren und somit gerade als Technologie-Exportland auch grösser gedacht am Klimaschutz in anderen Ländern mitwirken. Das bedeutet also, dass wir sowohl volkswirtschaftlich als auch für den Arbeitsmarkt im Grunde genommen eher positive Auswirkungen haben. Das zeigen auch alle Studien über die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Energiewende: Wir haben Modernisierungsinvestitionen vor uns, die aber insgesamt für eine reiche und effiziente Volkswirtschaft, wie Deutschland es ist, absolut verkraftbar sind. Denen stehen erhebliche Einsparungen an Importen fossiler Energieträger gegenüber, die zunehmend teurer werden. Insgesamt haben wir positive Auswirkungen auf Wertschöpfung und Beschäftigung, wenn die Weichen und Rahmenbedingungen richtig gestellt werden. Dabei muss man allerdings sagen: Es gibt Gewinner und es gibt Verlierer – die gute Nachricht ist eben, dass es voraussichtlich etwas mehr Gewinner als Verlierer geben wird.

Wer wird nach Ihren Erkenntnissen eher zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern gehören? Sind es zum Beispiel eher die weniger qualifizierten Jobs, die wegfallen?

Das konnten wir so nicht bestätigen. Wir sehen eigentlich, dass in allen Qualifikationsstufen – auch bei den sehr wenig qualifizierten Arbeitskräften – die Energiewende neue Chancen bietet. Insgesamt haben wir aber unabhängig von der Energiewende einen übergreifenden Trend zu mehr qualifizierter Beschäftigung. Daran ändert auch die Energiewende nichts: Mit oder ohne Energiewende haben wir bezogen auf die Qualifikationsanforderungen etwa die gleichen Verhältnisse. Zu den Verlierern zählen natürlich tendenziell dennoch die Arbeiter in den fossilen Branchen – Kohlebergbau, Kohlekraftwerke, Raffinerien, etc. Außerdem fällt in der Autobranche einiges weg: bei Zulieferern und vor allem bei Werkstätten. Die Gewinner sind dagegen durch fast alle Bereiche verteilt, mit besonders positiven Auswirkungen im Baubereich, wo große Investitionen in die Energieeffizienz getätigt werden. Außerdem wirkt sich die Energiewende auf den Anlagenbau im Bereich der erneuerbaren Energie sowie mit zahlreichen Effizienztechnologien positiv aus. In diesen Feldern gibt es sehr diverse Arbeitsplätze und Qualifikationsanforderungen.

Wenn nicht bei der Qualifikation, gibt es dann vielleicht ein Gefälle zwischen Stadt und Land?

Das Problem ist natürlich immer, dass es da, wo es sowieso schon viele Arbeitsplätze und eine diverse Wirtschaftsstruktur gibt, einfacher ist, in einen anderen Arbeitsplatz zu wechseln. Deswegen ist es auf dem Land natürlich erstmal schwieriger. Andererseits ist z.B. die Bauwirtschaft natürlich über das gesamte Land verteilt.

Kann ich als Einzelner etwas tun, um mich möglichst gut für den Wandel zu positionieren?

Wenn man sich dahingehend weiterbildet, was erneuerbare Energien und Energieeffizienz zusätzlich zu den Modernisierungsnotwendigkeiten für die eigene Branche bedeuten, kann das auf jeden Fall für die Karriere und die Beschäftigungssicherheit hilfreich sein. Und natürlich ist das Thema Digitalisierung weiterhin ein wichtiges Thema. Denn auch die neuen Energiesysteme werden zunehmend digital gesteuert werden. Und ganz banal: Die Welt wird immer internationaler. Mehrere Sprachen zu sprechen ist also immer von Vorteil.

Wie optimistisch blicken Sie in die Zukunft, was die Energiewende in Deutschland betrifft?

Ddas ist schon eine große Aufgabe, die da auf uns zukommt. Gleichzeitig betrifft diese Aufgabe nur ungefähr drei Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes. Das gilt auch für die Investitionen, die wir vor uns haben. Und das ist wie gesagt für eine leistungsfähige Volkswirtschaft stemmbar. Dennoch gibt es natürlich Herausforderungen. Der Fachkräftemangel ist zum Beispiel gerade für die Baubranche ein Problem. Dazu kommt, dass wir uns – weil in den letzten dreißig Jahren zu wenig passiert ist – mit der doppelten Herausforderung konfrontiert sehen, einerseits die Klimawende zu meistern und gleichzeitig Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen, um die Risiken und Schäden zu stemmen, die durch die bereits geschehene und im Gang befindliche schnelle Erderwärmung verursacht werden. Ich bin da aber ganz optimistisch, weil ich sehe, dass insbesondere die jungen Menschen kapiert haben, dass das Thema sie persönlich angeht. In meiner Tätigkeit treffe ich viele junge, engagierte Leute, die sich schon bei ihrer Ausbildung fragen, was sie tun sollen, um da einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Ich glaube also, dass wir allein durch den Generationenwechsel noch einmal Veränderungen sehen werden, die wir uns im Moment noch gar nicht vorstellen können.


Zur Person:

Seit 17 Jahren leitet die Physikerin Dr. Almut Kirchner das Politikfeld Energie- und Klimaschutzpolitik bei der Schweizer Prognos AG. Kirchner untersucht Fragen zur Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit, Umweltauswirkungen der Energieerzeugung und des Energieverbrauchs, technische Fragen, die Einbindung energie- und klimapolitischer Instrumente in langfristig orientierte Strategien sowie Verteilungs- und Sicherheitsfragen. Gemeinsam mit einem breiten Spektrum an Partnern – vom Umwelt- bis zum Wirtschaftsministerium, vom BDI bis zum WWF – erforscht sie mit ihrem Team die Wirkung energiepolitischer Maßnahmen und liefert Prognosen für Umweltthemen aller Art.

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