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15.10.21 Die Chilenen sind viel agiler als wir in Deutschland“ Interview mit Matthias Grandel • Lesedauer: 3 min.

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Zusammenfassung

Professor Matthias Grandel war vier Jahre als Berater in Chile tätig. Im Interview beschreibt er die Besonderheiten des Klimaschutzes in weniger wohlhabenden Ländern und erklärt, was wir von ihnen lernen können.

Welche Unterschiede gibt es beim Klimaschutz zwischen Schwellenländern und entwickelten Industrienationen?

Ich sehe vor allem in drei Bereichen wesentliche Unterschiede: Finanzen, Soziales und öffentliche Meinung. Beginnen wir mit den Finanzen: In Schwellenländern stehen für Investitionen beziehungsweise Subventionen generell weniger Mittel zur Verfügung. Hinzu kommt, dass wegen der höheren Zinsen und Risikoaufschläge die Kapitalkosten – etwa für Investitionen in erneuerbare Energien oder eine höhere Energieeffizienz – stärker zu Buche schlagen. All das macht den Umstieg auf klimafreundliche Technologien natürlich schwieriger. Darum sind in Schwellenländern Finanzierungsmodelle wie Leasing oder Energy Service Companies sinnvoll. Bei Letzteren handelt es sich um Unternehmen, die beispielsweise Dachflächen von Gewerbeimmobilien oder Privathäusern mieten, um dort Photovoltaik-Anlagen zu installieren. Ihnen fällt es leichter, das benötigte Kapital zu beschaffen. Den Strom verkaufen sie an die Inhaber der Gebäude. Allerdings ist dieses Geschäftsmodell insbesondere für Privathaushalte sehr erklärungsbedürftig und erfordert darum einen hohen Aufwand.

Welche Unterschiede gibt es im sozialen Bereich?

In Schwellenländern gibt es naturgemäß einen höheren Anteil von Menschen, die nur über ein geringes Einkommen verfügen. Sie geben einen großen Anteil ihrer Einkünfte für Energie aus, sodass Preissteigerungen an dieser Stelle sie empfindlich treffen. Auch bei Subventionen für erneuerbare Energien muss der Staat die richtigen Rahmenbedingungen setzen: Gutverdienende Haushalte können sich Investitionen – beispielsweise in Photovoltaik – eher leisten als ärmere Schichten. So besteht die Gefahr, dass solche Investitionen von armen Menschen mitfinanziert werden. Um das zu vermeiden, sollten Schwellenländer darum Zuschüsse nur bis zu einem bestimmten Höchsteinkommen gewähren.

Wie unterscheidet sich die öffentliche Meinung in puncto Klimaschutz?

Prof. Matthias Grandel

Aus meiner eigenen Erfahrung in Chile kann ich sagen: Das Bewusstsein für den Klimawandel ist in allen Bevölkerungsschichten vorhanden. Aber die Bereitschaft für konkrete Klimaschutzmaßnahmen ist eher ein Wohlstandsphänomen. Vor allem die obere Mittelschicht macht sich dort Gedanken darüber. Menschen aus ärmeren Schichten sind hingegen nicht bereit, auf ihren bescheidenen Wohlstand zu verzichten – viele von ihnen haben beispielsweise zum ersten Mal ein eigenes Auto. Ähnlich argumentieren die Schwellenländer auf den Klimakonferenzen: Sie wollen wirtschaftlich im Vergleich zu den Industriestaaten nachholen und sich nicht durch den Klimaschutz ausbremsen lassen. Allerdings hat sich diese Position in den letzten Jahren etwas abgemildert. Es gibt noch eine weitere erfreuliche Entwicklung: Als ich 2013 in Chile ankam, gab es in der breiten Bevölkerung kaum Wissen über klimafreundliche Technologien wie Photovoltaik. Wenige Jahre später sprachen viele Chilenen begeistert von erneuerbaren Energien. Eine solche Begeisterung vermisse ich manchmal in Deutschland.

Sie selbst haben vier Jahre in Chile verbracht. Welche Strategie verfolgt das Land beim Klimaschutz?

Chile gilt in Südamerika in vielerlei Hinsicht als Musterland, beispielsweise bei der wirtschaftlichen Entwicklung. Auch beim Klimaschutz sind die Chilenen Vorreiter: Ihre ambitionierten Ziele sehen vor, 2025 das Maximum beim Kohlendioxid-Ausstoß zu erreichen, 2040 komplett aus der Kohleverstromung auszusteigen und 2050 klimaneutral zu sein. Das Land hat ein formelles Klimaschutzgesetz und einen klaren CO2-Minderungspfad. Dazu werden die erneuerbaren Energien stark ausgebaut – Windkraft vor allem an der Küste und im Süden, Photovoltaik im Norden Chiles. Außerdem investiert das Land in seine Stromnetze, um das große Angebot an Sonnenstrom aus der Atacama-Wüste in das industrielle Zentrum rund um die Hauptstadt Santiago zu transportieren. Hierbei gibt es ganz ähnliche Herausforderungen wie in Deutschland, weswegen es einen intensiven Austausch unter den Netzbetreibern beider Länder gibt. Außerdem strebt Chile bei der Produktion von grünem Wasserstoff eine enge Energiepartnerschaft mit Deutschland an.

Was könnten wir in Deutschland von der chilenischen Klimaschutzpolitik lernen?

Prof. Matthias Grandel

Mich haben vor allem der große Pragmatismus und die hohe Effizienz bei den politischen Entscheidungen beeindruckt. Im Energieministerium arbeiten nur wenige, aber sehr gut ausgebildete Mitarbeiter. Technische und wirtschaftliche Aspekte haben bei ihrer Arbeit Vorrang vor juristisch-administrativen Fragen – im Gegensatz zu den komplizierten Regelungen in Deutschland, beispielsweise für Batteriespeicher in Verbindung mit EEG-Erzeugung. Und falls sich eine Maßnahme als ineffizient erweist, wird in Chile schnell nachjustiert. Mit anderen Worten: Die Chilenen sind viel agiler als wir in Deutschland.

Welche Rolle könnten Länder wie Chile generell beim globalen Klimaschutz spielen?

Aus meiner Sicht sollten wir das Instrument des weltweiten CO2-Emissionshandels stärker nutzen. In Industrienationen wie Deutschland kostet die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxid relativ viel, weil die Infrastrukturen hier bereits sehr effizient sind. Mit Investitionen in gleicher Höhe ließen sich in anderen Ländern mit jedem ausgegebenen Euro deutlich höhere Einsparungen erzielen. Aber anstatt das weltweite Problem Klimawandel auch weltweit anzugehen, diskutieren wir weitgehend national. Dabei ist weltweit nichts gewonnen, wenn wir hier hocheffiziente Kraftwerke abschalten, während in anderen Ländern weiterhin extrem klimaschädliche Energiequellen genutzt werden.


Vita

Prof. Matthias Grandel, Hochschule Biberach

Matthias Grandel ist seit 2017 Professor im Studiengang Energiewirtschaft an der Hochschule Biberach. Von 2013 bis 2017 war er als Berater der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im chilenischen Energieministerium tätig. Davor arbeitete er in verschiedenen Positionen bei E.ON und der Deutschen Telekom.

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