06.08.20 „CO2-Preise sind meine Lebensaufgabe“ Jeff Swartz • 4 min.

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Interview mit Jeff Swartz, South Pole

Wenn etwas einen Preis hat, gibt es weniger davon – das ist die Theorie hinter der CO2-Bepreisung. Um mehr über CO2-Märkte und ihren möglichen Beitrag zum Klimaschutz zu erfahren, sprachen wir mit dem Experten Jeff Swartz von South Pole in Zürich, einem führenden Unternehmen für Klimalösungen.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit CO2-Märkten und wie kam es dazu?

Seit zwölf Jahren. Ich habe in Kalifornien angefangen, war dann fünf Jahre in China, bevor ich 2012 nach Europa kam. Mein Interesse rührt von einem tollen Seminar von Professor Jason Scorse am Monterey Institute her. Ausgehend von der Theorie des englischen Ökonomen Cecil Pigou zeigte er, welche Folgen es hat, wenn externe Effekte – positive wie negative – im Warenpreis nicht enthalten sind. Der Gedanke, dass die Einpreisung negativer Umweltauswirkungen diese mindern würde, hat bei mir Epoche gemacht. Klimapolitik und CO2-Bepreisung wurden zu meiner Lebensaufgabe.

Was ist das Geschäftsmodell von South Pole und welche Rolle spielen Sie dabei?

South Pole bietet Klimalösungen für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen an. Wir beraten, verwalten Klima-Fonds mit einem Investitionsvolumen von mehr als 100 Millionen Dollar, messen die CO2-Bilanz unserer Kunden und entwickeln für sie einen individuell zugeschnittenen Plan zur CO2-Kompensierung. Ich leite ein zehnköpfiges Beratungsteam für Klimapolitik und CO2-Preise. Wir arbeiten mit einigen der wichtigsten privaten und öffentlichen Kunden von South Pole zusammen.

Was besagt Artikel 6 des Übereinkommens von Paris und warum ist er wichtig?

Durch Artikel 6 können Länder mit niedrigen Emissionen überschüssige Emissionsrechte an Länder mit höheren Emissionen verkaufen. Letztere haben dadurch mehr Handlungsspielraum: Sie können auch über ihre Grenzen hinaus nach Möglichkeiten suchen, ihre Emissionen zu senken. Klar ist, dass die Klimakrise nicht von einzelnen Ländern im Alleingang gemeistert wird. Artikel 6 ist wichtig, weil er die Zusammenarbeit fördert und so zu einem umfassenderen Klimaschutz führen wird. Die UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow wurde wegen Corona auf November 2021 vertagt. Umso wichtiger ist es, dass dort eine Einigung über die Umsetzung von Artikel 6 erzielt wird, damit sein formales Inkrafttreten auch wirkliche Ergebnisse zeitigt. Eine solche Einigung steht nämlich bisher aus.

Was sind CO2-Zertifikate und wie funktionieren sie?

Durch CO2-Zertifikate werden Klimaschutzprojekte akkreditiert, beispielsweise Aufforstung oder der Bau von EE-Anlagen. Die jeweils erreichten Emissionseinsparungen werden geprüft und beglaubigt. Voraussetzung ist, dass die Projekte einer eigenen Finanzierung bedürfen, also nicht Teil anderer Projekte sind, deren Umsetzung ohnehin geplant war. Die Ausstellung eines CO2-Zertifikates ist ein langwieriger Prozess, der eine strenge Prüfung durch Dritte sowie eine abschließende Kontrolle durch einen Spezialisten wie Verra oder Gold Standard umfasst. Die Klimazertifikate werden dann von Kunden gekauft, die ihre CO2-Bilanz verbessern möchten. Nachdem ein CO2-Zertifikat verkauft wurde, wird es aus dem Verkehr gezogen, damit es nicht ein zweites Mal verwendet werden kann.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, dass Klimazertifikate nichts ändern – Unternehmen sündigen weiter gegen das Klima, kaufen gleichsam nur billige Ablassbriefe?

Diese Kritik ist sehr einseitig. Unternehmen kaufen CO2-Zertifikate freiwillig, und das zusätzlich zur Einhaltung von zum Teil strengen Umweltauflagen. Warum kritisiert man Unternehmen, die freiwillig Geld für den Klimaschutz ausgeben? Die Kritik sollte stattdessen den Ländern gelten, die bisher keine CO2-Bepreisung eingeführt haben – wie etwa die USA, Japan oder Australien – oder denen, deren CO2-Preissystem noch nicht die gesamte Wirtschaft abdeckt. Ich denke hier etwa an das europäische Emissionshandelssystem (ETS), das nach 15 Jahren immer noch ausschließlich für Stromerzeugung, Industrie und Luftverkehr gilt. Erst im laufenden Jahr denkt man ernsthaft darüber nach, das ETS auf andere Sektoren wie Seeverkehr, Schwertransport oder das Heizen von Gebäuden auszuweiten. Die Regierungen müssen schneller handeln. Kritiker sollten sie dazu anspornen.

Wie haben sich die CO2-Märkte in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Rasant. Das Kyoto-Protokoll trat 2005 in Kraft. Dadurch wurden insgesamt 36 Industrieländer dazu verpflichtet, sich ein verbindliches Klimaziel zu setzen. Zur Erreichung des Ziels durften sie Einsparungen aus Projekten in Entwicklungs- und Schwellenländern hinzurechen. Zwei Arten von Projekten waren hier einschlägig, der sogenannten „Clean Development Mechanism“ (CDM) und die „Joint Implementation.“ Das Übereinkommen von Paris aus dem Jahr 2015 geht weiter. Jetzt müssen alle 197 Unterzeichnerstaaten Pläne zur Emissionsreduktion vorlegen. Zudem steht der Nachfolger des CDM, der sogenannte „Sustainable Development Mechanism,“ nun allen Ländern zur Verfügung, was sein Potential vervielfacht. Was die CO2-Bepreisung betrifft, haben inzwischen rund 40 Länder ein solches System eingeführt. Hoffentlich folgen noch viele andere Länder diesem Beispiel. Das würde uns schrittweise einem globalen CO2-Preis näherbringen. Ohne diesen müssen die Länder auch in Zukunft für die externen Effekte ihrer Treibhausgasemissionen nicht geradestehen.

Hat sich die Coronapandemie auf die CO2-Märkte ausgewirkt, und was sind die Trends für die Zukunft?

Am meisten wirkt sich derzeit der niedrige CO2-Preis aus, der auf eine schwächere Nachfrage nach Emissionsrechten in der EU, Kalifornien, China und anderen Märkten zurückzuführen ist. Zum Glück hat diese Situation bisher keine Regierung dazu veranlasst, Pläne zur Einführung eines CO2-Marktes auf Eis zu legen. Für die Zukunft stimmt mich der ehrgeizige Klimaplan des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden zuversichtlich. Er will die Energiewende in den USA stark vorantreiben und gleichzeitig Millionen von Arbeitsplätzen schaffen. Regierungen weltweit sollten meines Erachtens eine CO2-Bepreisung immer mit Maßnahmen für den Arbeitsmarkt verbinden. Außerdem sollten mit den Einnahmen aus CO2-Steuern strukturschwache Gemeinden und Regionen unterstützt werden. Nur so können CO2-Preise fair für alle sein und den bedürftigsten Mitgliedern unserer Gesellschaft nicht zur Last fallen.


Zur Person

Jeff Swartz leitet das Beratungsteam für Klimapolitik und CO2-Preise von South Pole. Zuvor war er Geschäftsführer bei der International Emissions Trading Association, die eine Schlüsselrolle beim Übereinkommen von Paris spielte. Außerdem war er fünf Jahre im Bereich „Clean Development Mechanisms“ in Peking tätig. Davor war er Mitglied des US-Außenministeriums. Nach zwei Bachelorabschlüssen in Sinologie und Internationalen Beziehungen an der University of the Pacific absolvierte er ein Masterstudium in Internationaler Umweltpolitik am Middlebury Institute of International Studies in Monterey, Kalifornien.

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