25.04.22 „Das Interesse ist im Moment extrem groß“ Interview mit Dr. Frank Kabus • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Seit 35 Jahren ist Dr. Frank Kabus in der Geothermie tätig – und hat in dieser Zeit schon einige Hochs und Tiefs erlebt. Der Geschäftsführer der Geothermie Neubrandenburg GmbH wirft im Interview einen Blick zurück in die wechselvolle Geschichte der Geothermie in Deutschland. Und er erklärt, warum er derzeit pro Tag mehr Angebote schreibt als früher in einem ganzen Monat. 

Herr Kabus, Sie sind bereits seit Jahrzehnten in der Geothermie tätig. Wie hat alles angefangen? 

Die Geothermie Neubrandenburg GmbH gibt es jetzt seit genau 30 Jahren. Ihre Ursprünge reichen allerdings noch weiter zurück – zu einem volkseigenen Betrieb, der 1986 in der DDR gegründet wurde und in den ich selbst 1987 eingetreten bin. Damals hatte die Regierung beschlossen, die Tiefe Geothermie in der DDR zu neuen Höhen zu führen und den nördlichen Teil des Landes mit Erdwärme zu versorgen. So sollten die alten Braunkohle-Heizwerke abgelöst werden. Zur Wendezeit hatte der VEB fast 800 Mitarbeiter und bereits 30 Bohrungen abgeteuft. Man sieht also: Damals wurde geklotzt und nicht gekleckert. Zur Wendezeit waren schon drei Geothermie-Anlagen in Betrieb bzw. betriebsbereit. 

Wie ging es dann weiter? 

1992 gab es einen Management-Buy-out, aus dem das heutige Unternehmen hervorgegangen ist. Allerdings hatte die Tiefe Geothermie nach der Wende keinen so großen Stellenwert mehr, weil viel billiges Gas auf den Markt kam. Wir sind damals durch viele Höhen und Tiefen gegangen und haben zahlreiche Konzepte geschrieben – bei denen es dann meist auch geblieben ist. Einige Anlagen haben wir aber doch umgesetzt, vor allem in Bayern, aber auch im Ausland. Ungefähr 2005 gab es einen neuen Aufschwung, weil damals bei Blockheizkraftwerken (BHKW) die Wärmespeicherung in unterirdischen Aquiferen aufkam. Zehn Jahre später war dieser Markt mit dem Aufkommen von Wind- und Sonnenenergie aber auch wieder weg, weil die BHKWs seitdem völlig anders gefahren werden. Sie orientieren sich heute an der Strombörse und stehen oft still. Geothermische Speicher für überschüssige Wärme werden bei diesem Betriebsmodell nicht mehr benötigt. 

Führt die aktuelle politische Lage zu einem neuen Interesse an der Tiefen Geothermie?

Das Interesse ist im Moment tatsächlich extrem groß. Wir bekommen viele Anfragen, und ich schreibe pro Tag im Schnitt zwei bis drei Angebote – früher waren es teilweise nur ein oder zwei im Monat! Vor allem in den letzten zwei Monaten ist das Interesse stark gestiegen, weil viele Stadtwerke Angst vor Problemen mit der Gasversorgung haben. Neben den politischen Rahmenbedingungen hat aber auch der technische Fortschritt die Tiefe Geothermie wieder attraktiver gemacht: Hier im Norddeutschen Becken hat das Thermalwasser eine Temperatur zwischen 50 und 80 Grad Celsius, während die Fernwärmenetze zwischen 75 und 85 Grad Celsius benötigen. Seit ungefähr fünf Jahren gibt es strombetriebene Hochtemperatur-Wärmepumpen mit großen Leistungen im Megawatt-Bereich, mit denen man die Temperatur des Wassers effizient anheben kann. Auch dadurch ist das Interesse an der Tiefen Geothermie wieder gestiegen. 

Wie groß ist das Potenzial der Tiefen Geothermie in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen. Einerseits muss die Geologie passen, andererseits lohnen sich Geothermie-Anlagen nur in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern und entsprechend großem Bedarf an Fernwärme. Ich schätze, dass man im Norddeutschen Becken ungefähr die Hälfte der Fernwärmenetze mit Energie aus Geothermie versorgen könnte. 

Wie lange dauert der Bau einer Geothermie-Anlage?

Der Bau einer neuen Anlage dauert ungefähr drei Jahre, mit etwas Glück reichen auch zwei Jahre. Man darf nicht vergessen, dass die Genehmigungen wegen des Bergrechts recht aufwendig sind. Allerdings haben die zuständigen Behörden letzter Zeit hier viel dazugelernt. 

Gibt es überhaupt genügend Unternehmen, um die Tiefe Geothermie in Deutschland schnell auszubauen?

Zurzeit ist es tatsächlich schwer, dafür geeignete Anlagenbauer zu finden – denn überall sind die Auftragsbücher voll. Auch die Materialbeschaffung ist nicht ganz einfach: Vieles hängt von den konkreten Gegebenheiten vor Ort ab und muss daran angepasst werden. In diesem Bereich gibt es keine Standardlösungen. 

Wie teuer ist die Wärmeversorgung mit Tiefer Geothermie?

Auch das ist nur schwer zu sagen. Eine neue Geothermie-Anlage kostet ungefähr 15 bis 20 Millionen Euro, wobei alleine etwa 10 Millionen Euro auf die Bohrung entfallen. Da die Betriebskosten relativ gering sind, bestimmen vor allem diese Investitionskosten den Preis. Anders gesagt: Die Kosten pro Kilowattstunde hängen vor allem vom abgesetzten Volumen ab. Ich arbeite gerade an einer Studie für ein Stadtwerk, in der ich für einen konkreten Fall den Preis abschätze. Ohne einen staatlichen Zuschuss dürfte er rund fünf Prozent höher sein als bei Gas, inklusive Zuschuss liegt er ungefähr 20 Prozent darunter. 


Die Geothermie Neubrandenburg GmbH (GTN) mit 24 Mitarbeitern ist das einzige Ingenieurunternehmen in Deutschland, das das komplette Leistungsspektrum in diesem Bereich abdecken kann – von den ersten geologischen Konzepten über Erkundung und Anlagenplanung bis hin zum Monitoring des Betriebs. Bis jetzt hat die GTN acht Anlagen für die Tiefe Geothermie geplant und die Umsetzung überwacht. Daneben stammen zum Beispiel auch die Konzepte für die geothermischen Wärmespeicher im Berliner Reichstagsgebäude und in den Parlamentsbauten von GTN. 



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