07.09.21 Die deutschen Ziele sind nicht realistisch“ Interview mit Dr. Anna Kucharska • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Gleichzeitig aus Kohle, Gas und Atomenergie aussteigen: Nach Ansicht der polnischen Energieexpertin Anna Kucharska ist das keine gute Idee für eine Industrienation wie Deutschland. In ihrer Heimat vermisst sie hingegen einen politischen Minimalkonsens.

Frau Dr. Kucharska, wie beurteilen Sie den deutschen Weg beim Umbau des Energiesystems?

Dr. Anna Kucharska

Die deutsche Energiewende ist sehr ambitioniert, und der Energietransformationsprozess ist in vollem Gange. Es gibt einen sehr großen Ehrgeiz, die selbst gesteckten Ziele in einem knappen Zeitkorridor zu erreichen. Ich würde den deutschen Weg als visionär und durchdacht, aber zugleich auch als ziemlich komplex bezeichnen.

Was finden Sie besonders gut?

Es gibt einen Konsens in der Politik, die Energiewende konsequent umzusetzen. Ich finde es vorbildlich, dass Deutschland sich ambitionierte Ziele gesetzt und einen Plan für ihre Umsetzung entwickelt hat. Das ist in anderen europäischen Ländern nicht überall der Fall. Auch die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft führt sehr schnell zu neuen und implementierbaren Lösungen. Man kennt die geografischen Voraussetzungen des eigenen Landes und fördert auf Grundlage dieser Erkenntnisse erneuerbare Energien. Diese Kontinuität in der Politik finde ich sehr beeindruckend. Es geht also nur noch um wichtige Detailfragen, die man jedoch nicht unterschätzen darf.

Was könnte aus Ihrer Sicht besser gemacht werden?

Dr. Anna-Kucharska

Die Kehrseite der Medaille ist, dass aus meiner Sicht die deutschen Ziele nicht realistisch sind. Denn der technologische Fortschritt zur Transformation des Energiesektors braucht vor allem eines: Zeit. Es handelt sich um eine Evolution, die man Schritt für Schritt zulassen muss. Man kann das Energiesystem nicht von heute auf morgen komplett neu errichten. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass man bei diesen Zielvorgaben aus Kohle, Gas und Atomenergie gleichzeitig aussteigen sollte. Das gilt vor allem für eine Industrienation wie Deutschland. Ein Beispiel: Man beschließt in Deutschland den Ausstieg aus der Kohle, nutzt diese für bestimmte Industrien jedoch weiter. In der Konsequenz bedeutet das, dass man in den nächsten Jahren mehr Kohle importieren muss. Man steigt aus der CO2-freundlichen Atomenergie aus, importiert aber Atomstrom und produziert damit radioaktive Abfälle. Überdies setzt man mit Nordstream 2 auf die klimaschädliche Verbrennung von Erdgas. Genau diese Widersprüchlichkeit wird oftmals übersehen. All das führt kurz- bis mittelfristig zu weniger anstatt zu mehr Klimaneutralität. Mit einem realistischeren Zeitkorridor wären diese Klimaschäden vielleicht vermeidbar.

Auf welchem Weg möchte Polen klimaneutral werden?

Der politische Wille zur Energiewende ist da, aber es gibt sehr viele Partikularinteressen. Es fehlt der Minimalkonsens in der Politik. Die polnische Regierung hat zwar ein strategisches Dokument für den polnischen Energiesektor mit dem Titel „Polnische Energiepolitik bis 2040“ ausgearbeitet. Die Strategie stößt jedoch auf zahlreiche Zweifel und Einwände bei Experten, Wissenschaftlern und Fachleuten des Energiesektors. Die Wissenschaft ist in Polen wesentlich weiter als die Politik. Im Hinblick auf die einzuleitende Energiewende gibt es aktuell viele Forschungskooperationen und Thinktanks. Einen großen Schwerpunkt bilden hier vor allem erneuerbare Energien. Darüber hinaus setzt man in Polen zur Erneuerung der Energieversorgung eher auf Technologieneutralität und einen größtmöglichen Energiemix, der unter anderem Sonnen- und Windenergie, Biomasse sowie Wasserstoff als Energie der Zukunft beinhalten könnte. Es geht jetzt darum, dass die Politik in Polen den Weg für eine Transformation ebnet. Die Bevölkerung wird bei den nächsten Wahlen entscheiden, welche Partei oder Koalition für die zukünftige und notwendige Erneuerung des Energiesystems verantwortlich sein wird.

Welche Chancen und Risiken sollte Polen bei dieser Transformation berücksichtigen?

Dr. Anna Kucharska

Jede Technologie birgt Chancen und Risiken. Das sollte man stets berücksichtigen. Die Etablierung von Photovoltaikanlagen schont zwar unsere Umwelt. Zur Produktion von Photovoltaikanlagen braucht man jedoch Rohmaterialen und Energie. Bei der Produktion von Solarpanels wird beispielsweise viel CO2 freigesetzt. Darüber hinaus müssen kaputte Solarpanels recycelt werden. Weder die Batterieproduktion noch die Windenergie ist klimaneutral zu haben. Damit will ich sagen: Es kommt nicht nur darauf an, ob eine Technologie saubere Energie produziert, sondern wie diese über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg auf das Klima wirkt. Man muss also die gesamte Energiebilanz einer Technologie betrachten. Wer ein gutes und effizientes Energiesystem etablieren möchte, braucht folglich eine realistische Strategie und einen umsetzungsfähigen Plan. Daran arbeitet Polen noch.

Wie können europäische Länder ihre spezifischen Stärken bündeln, um den Klimaschutz möglichst effizient umzusetzen?

Die Zusammenarbeit zwischen Ländern ist absolut notwendig, aber nicht immer so einfach. Wo Sprachbarrieren entfallen, kann man besser miteinander kooperieren. Ein vorbildliches Beispiel hierfür ist die DACH-Region, also der Aufbau einer dezentralen Energieversorgung zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wichtig sind außerdem Wissen zur Entwicklung neuer Technologien, Investitionen und damit Geld für neue Geschäftsmodelle sowie die internationale Zusammenarbeit in Forschung und Lehre. Allerdings möchte kein Land technologisches Wissen, das heute ein wertvolles Marktgut ist, einfach so gratis teilen.


Dr. Anna Kucharska, Ignacy Łukasiewicz-Institut für Energiepolitik

Vita
Dr. Anna Kucharska ist Doktor der Sozialwissenschaften, Assistentin am Institut für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen der Jagiellonen-Universität in Krakau sowie Expertin am Ignacy Łukasiewicz-Institut für Energiepolitik. Sie war Erasmus-Stipendiatin an der Universität Duisburg-Essen und ist Mitglied von Arbeitsgruppen der Polnischen Wasserstoff-Allianz und Expertin in der Arbeitsgruppe WG5 Innovationsimplementierung im Unternehmensumfeld der Europäischen Technologie- und Innovationsplattform Intelligente Netze für die Energiewende (ETIP SNET). Als Autorin hat Kucharska zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, Analysen und Gutachten publiziert. Ihre Schwerpunkte umfassen u.a. Energiewende und Energiepolitik, insbesondere im deutschsprachigen Raum und in der Visegrád-Gruppe.

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