15.07.22 „Die Stigmatisierung bestimmter Sektoren ergibt keinen Sinn“ Interview mit Prof. Dr. Martin Kesternich, stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Umwelt- und Klimaökonomik am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung • Lesedauer: 3 min.

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Zusammenfassung

Wie motiviert man Menschen dazu, etwas für den Klimaschutz zu tun? Welche Rolle spielt der Vorteil für den Einzelnen – und wie wichtig sind gruppenbezogene Dynamiken in Bezug auf Klimaschutzmaßnahmen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Prof. Dr. Martin Kesternich. Der Professor für Volkswirtschaftslehre ist stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Umwelt- und Klimaökonomik am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Prof. Dr. Martin Kesternich, stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Umwelt- und Klimaökonomik am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

Herr Prof. Kesternich, wie groß ist der Wunsch der Deutschen, auch beim Reisen etwas für den Klimaschutz zu tun?

Eine Studie des Umweltbundesamtes zum Umwelt- und Klimaschutz in Deutschland und der entsprechenden Einstellungen von 2020 zeigt: 65 Prozent der Befragten erachten Klimaschutz als sehr wichtig. Laut einer weiteren Studie sind 75 Prozent der Befragten bereit, auch an ihrem eigenen Verhalten etwas zu ändern. 80 Prozent wollen zum Beispiel Energie einsparen, 74 Prozent wollen regionale Produkte kaufen. Die Reiseaktivitäten finden sich in der Liste deutlich weiter unten. Nur ein wenig mehr als die Hälfte kann sich vorstellen, Urlaubsreisen mit dem Flugzeug zu reduzieren, 43 Prozent, häufiger mit der Bahn zu reisen. Das heißt: Es gibt eine große Bereitschaft zum Klimaschutz, sie ist in den verschiedenen Handlungsfeldern aber sehr unterschiedlich ausgeprägt.  

Sie haben zum Thema „Motivation für den Klimaschutz“ intensiv geforscht. Wie gehen Sie vor, und was sind Ihre Erfahrungen?

Wir konnten zum Beispiel vor einiger Zeit mit einem Fernbusunternehmen zusammenarbeiten. Wir wollten sehen, unter welchen Umständen mehr Fernbuskunden bereit sind, ihre Reise „grün“ zu machen, indem sie einen CO2-Augleich zahlen. Um die 30 Prozent der Fernbusreisenden haben sich zu Beginn für die Kompensierung entscheiden. Die Frage war: Wie kann man diese Rate erhöhen? Unsere Prämisse war, dass Menschen bereit sind etwas zu tun, wenn sie das Gefühl haben, andere tun auch etwas. Deshalb hat das Unternehmen auf jedes durch die Reisenden kompensierte Kilogramm CO2 noch etwas draufgelegt. Das hat zu einer signifikant höheren Bereitschaft geführt, die Kompensation hinzu zu buchen. Am besten hat es geklappt, wenn dieselbe Menge „draufgepackt“ wurde. Sprich: Die Strategie, sich das zu gleichen Teilen aufzuteilen, war am erfolgreichsten. Erwähnenswert ist, dass das auch bei einer erneuten Buchung zu höherer Kompensationsbereitschaft führte – selbst, als die Aktion vorbei war. Der Anreiz ist also das Gefühl, andere tun auch was. Das ist eine ganz wesentliche Botschaft aus diesen Studien. 

Viele Städte betreiben ja Klimaschutz – wirkt das auch auf die Motivation des Einzelnen?

Städte betreiben Klimaschutz, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen und sich erhoffen, dass ihre Bürger dann mitziehen. In unserer Forschung haben wir einem Teil der Teilnehmer erklärt, was die Stadt Mannheim schon alles im Zusammenhang mit der Bundesgartenschau in den Klimaschutz investiert hat – zum Beispiel in die Bäume. Tatsächlich führte das Engagement der Kommune nicht zu einer Erhöhung der Spendenmotivation. Was allerdings gut klappte: Den Menschen zu sagen, wie viel andere – Nachbarn, Mitglieder der eigenen Peergroup – geleistet haben. Man spricht vom „Peer Effect“. 

Die Orientierung an der Gruppe scheint also wichtig. Gilt das auch fürs Reisen?

Ob das beim Reisen auch so funktioniert, wissen wir nicht. Dazu liegt mir noch keine ausreichende empirische Evidenz vor. Eines ist mir aber wichtig: Peer Effects können auch zu Polarisierungen führen. Wenn in Ihrer Peer Group weniger geflogen wird, sinkt in Ihrer Gruppe vielleicht auch die Akzeptanz dafür, dass andere doch noch fliegen. Das halte ich für gefährlich. Das Klima ist ein globales und öffentliches Gut. Wo und an welcher Stelle wir CO2 einsparen, ist für das Klima völlig irrelevant. Aus ökonomischer Sicht sollten wir da CO2 einsparen, wo es am günstigsten ist. Deshalb ergibt für mich die Stigmatisierung bestimmter Sektoren keinen Sinn. 

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