28.05.20 Hat die Kohle eine Zukunft? Interview mit Anne-Claire Howard, Bettercoal • 7 min.

Scroll to Read
Anne-Claire Howard

Klima-Aktivisten feiern die Abschaltung von Kohlekraftwerken. Doch während in Europa alte Kohlekraftwerke stillgelegt werden, gehen in Asien neue ans Netz. Debate.Energy sprach mit Anne-Claire Howard, Executive Director von Bettercoal, über die Zukunft von Kohle und die Bemühungen ihrer Organisation um eine kontinuierlich nachhaltigere Kohle-Lieferkette.

Was hat Ihr Interesse an Nachhaltigkeit geweckt? Wie hat sich das Thema im Laufe Ihrer Karriere verändert?

An der Uni habe ich Konfliktmanagement und Afrikanistik studiert. Damals wollte ich für eine NGO in einem Entwicklungsland arbeiten. Mein erster Job war aber bei der Weltbank. Dort wurde mir klar, dass der Privatwirtschaft eine Schlüsselrolle zukommt in der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung. Später, bei Shell, sah ich vor Ort sowohl die positiven als auch die negativen Auswirkungen großer Energieprojekte. Seitdem konzentriere ich mich auf Nachhaltigkeit. Anfangs lag mein Schwerpunkt vor allem auf Umweltschutz, auch ein bisschen Corporate Social Responsibility war dabei. Heute ist das Spektrum der Nachhaltigkeit wesentlich breiter. Die meisten Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass nachhaltiges Handeln kein “Extra” ist, sondern die Grundlage für langfristigen Geschäftserfolg. Bei Bettercoal befassen wir uns mit allen Bereichen der Nachhaltigkeit von Kohle – Klimaschutz, Umwelt- und Landschaftsschutz, soziale Themen vor Ort, und das entlang der gesamten Lieferkette.

Anne-Claire Howard von Bettercoal

Sowohl der Biologe J.B.S. Haldane als auch der Wirtschaftswissenschaftler Leopold Kohr hielten Größe und Verhältnismäßigkeit für zentrale Faktoren in Fragen der Zukunftsfähigkeit und damit der Nachhaltigkeit – egal, ob es sich dabei um die Länge eines Känguruschwanzes, die Größe eines Landes oder die Verbreitung einer Technologie handelt. Gibt es ein Maß für den weltweiten Kohleverbrauch, das "genau richtig" ist?

Das ist eine wichtige Frage, die aber schwer zu beantworten ist. Kohle ist die Zielscheibe der Klimabewegung, und das aus einem einfachen Grund: Wir benutzen viel davon und setzten dadurch viel CO2 frei, sowohl in der Produktion als auch beim Endverbrauch. Der Kohleausstieg ist klimapolitisch der Weg des geringsten Widerstands. Und es stimmt auch: Ohne die Reduzierung des Kohleverbrauchs und den Einsatz innovativer Technologien, mit deren Hilfe sich die Auswirkungen der noch verbrauchten Kohle minimieren lassen, werden wir die Ziele des Pariser Abkommens nicht erreichen. Aber solche Technologien gibt es. So haben die Kohlekraftwerke, die heute in Südasien ans Netz gehen, eine viel bessere Klimabilanz als die alten Anlagen, die in Europa abgeschaltet werden. Mittelfristig wird die Kohleverbrennung durch die kommerzielle Nutzung von CO2 als werthaltigem Rohstoff – in Fachkreisen spricht man von “Carbon Capture und Usage” – deutlich klimaverträglicher werden. Keine Energietechnologie ist frei von negativen Auswirkungen, nicht einmal die erneuerbaren Energien. Für jede Form der Energiegewinnung sollte das Ziel sein: Maximierung der Energieausbeute durch technologischen Fortschritt bei gleichzeitiger Minimierung ihrer negativen Auswirkungen.

Was entgegnen Sie der europäischen Kohleausstieg-Bewegung?

Für den Wunsch nach einer möglichst raschen Dekarbonisierung habe ich viel Verständnis. Aber viele Aktivisten sind einseitig auf den Kohleausstieg im eigenen Land fokussiert. Dabei übersehen sie, dass Kohle außerhalb Europas noch für Jahrzehnte benutzt werden wird. Zugang zur Stromversorgung ist in Entwicklungsländern der schnellste Weg, Menschen aus der Armut zu helfen. In einem erkenntnisreichen Webinar der Internationalen Energieagentur wird darauf hingewiesen, dass zwischen 1990 und 2010 rund 1,7 Milliarden Menschen erstmalig Zugang zur Stromversorgung bekamen. Über 90 Prozent davon wurde mit Kohle erzeugt. Circa eine Milliarde Menschen weltweit ist noch immer ohne Strom. Erneuerbare Energien werden zwar einen Teil dieses Bedarfs decken, aber auch neue Kohlekraftwerke. Der Kohleverbrauch wird in den kommenden Jahrzehnten zweifelsfrei zurückgehen. Aber sie wird nicht verschwinden. Bei aller Bestrebung, den Kohlekonsum in unseren eigenen Volkswirtschaften zu reduzieren, müssen wir auch das Gesamtbild im Blick halten, und dazu gehört auch die Verbesserung der ökologischen und sozialen Belange vor Ort in den Bergwerken und entlang der restliche Kohlelieferkette. Solange Kohle noch verbraucht wird, sollte sie verantwortungsvoll produziert werden. Dafür steht Bettercoal ein.

Was sind die größten Erfolge von Bettercoal seit der Gründung im Jahr 2013? Was sind die größten Herausforderungen im kommenden Jahrzehnt?

Bettercoal arbeitet mit Kohleproduzenten in neun Ländern zusammen – und das mit Erfolg. Fast 10 Prozent des weltweiten Kohleaufkommens wird von Bettercoal auf Nachhaltigkeit geprüft. Die Kohlebeschaffung unserer Mitglieder wird immer nachhaltiger. Im Jahr 2019 beispielsweise bezogen sie 72 Prozent der Kohle von Lieferanten, die sich zur Einhaltung der Bettercoal-Standards für Umweltschutz, soziale Belange und Unternehmensführung verpflichtet haben. Aber vor uns liegen enorme Herausforderungen. Erstens ist unsere derzeitige Mitgliedschaft hauptsächlich europäisch, und der Kohleverbrauch in Europa nimmt ab. Dadurch wird der Einfluss der großen europäischen Kohlekonsumenten auf die Produzenten verringert. Wenn große Endverbraucher in anderen Regionen nicht zunehmend von verantwortungsvollen Produzenten beschaffen, droht dem, was Bettercoal bereits erreicht hat, ein Rückschlag. Hinzu kommt, dass nicht nur Aktivisten, sondern auch Investoren, Versicherer und Kreditgeber auf den Kohleausstieg drängen. Dieser finanzielle Druck kann dazu führen, dass Bergbauunternehmen bei Sicherheit und Umweltschutz mal Fünf gerade sein lassen. Anders gesagt: Die Forderung einer bedingungslosen Kapitulation der Kohle birgt Risiken entlang der gesamten Lieferkette.

Bettercoal hat für zwei der größten Lieferanten Europas, Kolumbien und Russland, Arbeitsgruppen ins Leben gerufen. Was sind die besonderen Herausforderungen in diesen Ländern?

Jeweils unterschiedlich. In Kolumbien haben sich Unternehmen – darunter auch Bergbauunternehmen – jahrelang an der Gewalt gegen indigene Gruppen und Menschen mitschuldig gemacht. Es gibt auch große ökologische Herausforderungen, wie Landschaft- und Wasserschutz. Seit unserem Engagement in Kolumbien hat sich die Situation jedoch verbessert, was nicht zuletzt unserem partnerschaftlichen Ansatz mit den Bergbauunternehmen zu verdanken ist. Die Themen in Russland sind ebenso komplex: Biodiversität, Entwaldung, mangelnde soziale Verantwortung. In einigen Regionen wird eine Vielzahl von Bergwerken in unmittelbarer Nähe zueinander betrieben. Diese Konzentration führt zu beträchtlichen kumulativen Einflüssen auf Mensch und Umwelt. Aber wir machen auch in Russland Fortschritte. Wir haben inzwischen eine gute Zusammenarbeit mit mehreren Bergbauunternehmen, die beim Umweltschutz und bei sozialen Themen die gesetzlichen Vorgaben nicht nur erfüllen, sondern darüber hinaus gehen.

Die Bettercoal-Standards werden derzeit auf 2.0 aktualisiert. Was gibt es Neues?

Die Standards spiegeln bei Schlüsselthemen – wie etwa Arbeitnehmerrechten, Mindestlohn, Wasserschutz und Umweltschutz bei Schlackenhalden – die neuen „Best Practices“ der Branche wider. Die Standards verbessern auch die Berichterstattung über CO2-Emissionen, legen Ziele für deren Reduzierung vor Ort in den Bergwerken fest und decken Themen ab wie beispielsweise die umwelt- und sozialverträgliche Schließung von Bergwerken.

Haben Sie eine Buchempfehlung zum Thema Energiezukunft?

Kein Buch, aber ein spannender Bericht der Weltbank: “Minerals for Climate Action: The Mineral Intensity of the Clean Energy Transition.” Er zeigt, wie die Energiewende notwendigerweise zu mehr Mineralienabbau führen wird und wie Bergbau in Zukunft klimafreundlicher werden kann.


Zur Person:

Nach einem Studium am Science Po in Paris arbeitete Anne-Claire Howard mehr als 15 Jahre in den Bereichen Öl- und Gasförderung, Bergbau, Risikomanagement und Nachhaltigkeit, u.a. bei Royal Dutch Shell, Eurasia Group, der International Finance Corporation und Ärzte ohne Grenzen. Ihre Tätigkeit hat sie nach Afrika, Asien, in den Nahen Osten und nach Amerika geführt. Seit 2017 ist sie Executive Director von Bettercoal. Sie sitzt auch im Coal Industry Advisory Board.

Haftungsausschluss

Die Inhalte dieser Website werden mit größtmöglicher Sorgfalt erstellt. Uniper SE übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des jeweiligen Autors und nicht immer die Meinung von Uniper SE wieder.

Verwandte Themen

Atomkraft, Atomkraftwerk
Energie • Wirtschaft • Innovation Atomkraft: Strahlendes Comeback? Thomas Schmidt • 8 min.
Energie • Wirtschaft Gibt es das stabile Netz auch in grün? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Klima Emissionshandel: CO2 einsparen, wo es am günstigen ist Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Innovation Der Wasserstoff, aus dem die Klimawende ist Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Wirtschaft Emissionen einfach ungeschehen machen – geht das? Hans-Joachim Ziegler • 5 min.
Energie • Innovation • Wissenschaft Der Visionär des Wasserstoffs Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Klima Das grüne Jahrhundert Dariush Jones • 5 min.
Lenin auf einer Briefmarke.
Energie • Gesellschaft • Wirtschaft Russland überholt seine fossilen Kraftwerke Dariush Jones • 6 min.
Energie • Gesellschaft • Innovation Mit „grünem Kerosin“ gegen die Flugscham Thomas Schmidt • 4 min.
Energie • Innovation Wasserstoff: So lässt sich Strom speichern Thomas Schmidt • 3 min.
Energie • Event Best-Of zum Nachhören: Das war die erste internationale Debate.Energy-Konferenz in Berlin Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Gesellschaft „Corona bringt Entwicklungen, die wir erst in einigen Jahren erwartet hatten“ Hannah Meisters • 4 min.
Energie • Innovation „Grüner kann Wasserstoff gar nicht sein.“ Hans-Joachim Ziegler • 6 min.
Energie • Meinungen Ist die Energiewende ein Krimi, Thomas Unnerstall? Jochen Brenner • 15 min.
Energie • Klima #Anthropause: Sind die Delphine wirklich zurück? Hans-Joachim Ziegler • 7 min.
Energie • Klima • Politik • Wirtschaft Gas ist der ideale Wegbereiter für den Erfolg der Energiewende Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 6 min.
Joe Biden
Energie • Gesellschaft • Klima • Politik Joe Bidens Klimastrategie: Beschäftigung, Arbeiter, Gewerkschaften. Und ja, auch saubere Energie Dariush Jones • 6 min.
Energie • Innovation • Wirtschaft Energieeffizienz ohne Leckerlis Thomas Schmidt • 7 min.
Donald Trump
Energie • Gesellschaft • Politik • Klima Trumps Klimastrategie: “Ein goldenes Zeitalter der Energiedominanz” Dariush Jones • 7 min.
Bremst der Coronavirus die Energiewende aus?
Energie • Klima • Gesellschaft Chance oder Todesstoß? Was Corona für die Energiewende bedeutet Hans-Joachim Ziegler • 9 min.
Energie • Innovation • Klima Podcast: "Städte spielen eine zentrale Rolle für die Energiewende" Jochen Brenner • 30 min.
Wasserstoff: Energieträger der Zukunft
Energie • Klima • Meinungen Wasserstoff – Jules Vernes Vision wird Realität Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender Uniper SE • 7 min.
Energie • Innovation Nach der Energiewende ist vor der Energiewende – der lange Atem der Fusionsforschung Hans-Joachim Ziegler • 4 min.
Energie • Wirtschaft • Wissenschaft Über Sinn und Unsinn der Brennstoffzellen-Technologie Hans-Joachim Ziegler • 8 min.
Folgen Sie uns auf Social Media
Folgen Sie uns
auf Social Media