28.03.22 „Ein Jahr bis zur Baugenehmigung“ Interview mit Fabian Karthaus • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Deutlich mehr Früchte und ein besserer Schutz der Pflanzen: Landwirt Fabian Karthaus baut bei Paderborn Beeren an – und erntet gleichzeitig Solarstrom. Mit der Ausbeute ist er zufrieden. Einzig die Bürokratie treibt ihn in die Verzweiflung.

Herr Karthaus, können Sie uns Ihre Agri-PV-Anlage kurz beschreiben?

Ich baue zusammen mit meinem Kompagnon Josef Kneer auf einem halben Hektar Heidelbeeren und Himbeeren zum Selberpflücken an. Apfelbäume wachsen dort auch. Die Pflanzen sind in drei Metern Höhe mit lichtdurchlässigen Solarmodulen überdacht. Die Ständer sind aus Alu und erlauben die Montage und den Austausch von unten. Regenwasser wird abgefangen und den Pflanzen über eine Bewässerungsanlage zugeführt. Tatsächlich läuft das Ganze unter dem Begriff „Gewächshaus“, denn das Dach ist durchgehend, und es besteht die Möglichkeit, die Seiten mit Planen zu verschließen – etwa, wenn es im Winter zu kalt wird.

Wie kamen Sie zu dem Projekt?

Ich betreibe mit einem Partner zusammen schon seit einer Weile eine Freiflächen-PV-Anlage. Die Affinität zur Photovoltaik war also schon da. 2018 fällte ich die Entscheidung, meinen bisherigen Schweinemastbetrieb zu diversifizieren, und zwar mit dem Anbau von Beeren. Nun haben wir hier im Paderborner Land sehr steinige und trockene Böden. Und durch den Klimawandel wird es einerseits immer trockener, andererseits bekommen die Pflanzen auch immer mehr Sonne ab. Deshalb sollte eine Gewächshauslösung her. Dort kann man die Temperaturen, die Sonneneinstrahlung und auch die Bewässerung besser steuern. Nachdem ich mir einige Anlagen, zum Beispiel im Münsterland, angeschaut hatte, war der Gedanke schnell da: Warum nicht das Glasdach mit PV-Modulen aus Glas bauen und so die landwirtschaftliche Produktion mit Stromgewinnung kombinieren? Nach längerem Suchen habe ich dann in Bayern den idealen Technikpartner gefunden, der das Projekt Anfang 2020 technisch umgesetzt hat. Die erste Ernte war dann noch im selben Frühjahr.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihrer Anlage?

Wir erzeugen mit rund 2.700 Solarmodulen 740 Kilowatt Spitzenleistung und sind wirtschaftlich damit zufrieden. Und auch die Beerenernte kann sich sehen lassen: Die Pflanzen wachsen besser, tragen deutlich mehr Früchte und sind gegen zu viel Sonne, Hagel sowie Trockenheit geschützt. Und sie tragen später Früchte. So verlängere ich die Periode, in der unsere Kunden die Beeren pflücken und kaufen können. Neben dem Gewächshaus habe ich noch eine offene Fläche mit denselben Sorten, um die Erträge vergleichen zu können. Diese Pflanzen tragen circa zwei Wochen früher, weil sie mehr direkte Sonne abbekommen. Wenn sie abgeerntet sind, startet die Saison im Gewächshaus. Wirtschaftlich gesehen bin ich insgesamt sehr zufrieden und plane für das kommende Jahr eine deutlich größere Anlage mit 4,5 Hektar und 7,5 Megawatt Spitzenleistung. Was mir auch wichtig ist: Meine und ähnliche Anlagen sind ein Beitrag zum Insektenschutz. Wir halten auch Bienen, und die freuen sich über die Blüten unserer Beerensträucher und Obstbäume. Je mehr solcher Anlagen, desto besser.

Wie lange hat der Bau gedauert?

Unser Technikpartner hat das in wenigen Wochen gestemmt, und zwar unter ziemlich unwirtlichen Bedingungen – Hut ab! Das war aber gar nicht die eigentliche Herausforderung.

Sondern?

Der Kampf mit den Behörden! Sie brauchen für eine Anlage dieser Größe alle möglichen Genehmigungen und Gutachten – Brandschutz, Vogelschutz, Statik und noch vieles mehr. Und dann muss man sich ja auch um den Netzanschluss kümmern. Unser Gewächshaus ist eine Sondergenehmigung – das gilt übrigens zurzeit für alle Agri-PV-Anlagen, weil das Baurecht die gleichzeitige Nutzung einer Fläche für Pflanzenanbau und Solarstromproduktion gar nicht vorsieht. Bis wir die Baugenehmigung hatten, haben wir gut ein Jahr gebraucht. Als dann der Abnahmetermin anstand, wurde uns vorgeworfen, „wir Bauern“ wollten ja nur die Einspeisevergütung abgreifen. Und auch die Landwirtschaftskammer wollte die Anlage zunächst nicht abnehmen. Letztlich mündete das Ganze in eine rechtliche Auseinandersetzung, in der wir aber erfolgreich waren.

Nun hat ja die Bundesregierung verkündet, Agri-PV künftig fördern zu wollen …

Das ist richtig und wichtig. Entscheidend ist aber, was bei den unteren Baubehörden ankommt – denn die müssen die Projekte genehmigen. Dort kann es passieren, dass die Behörden in einem Landkreis den Ausbau von Agri-PV blockieren, während im Nachbarkreis das Baurecht zugunsten von Agri-PV ausgelegt wird. Das muss sich auf jeden Fall ändern, wenn sich Agri-PV durchsetzen soll. Inzwischen scheint aber ein Umdenken stattzufinden: Selbst die Landwirtschaftskammer hier bei uns interessiert sich jetzt für unsere Erfahrungen mit Agri-PV! Und immerhin haben wir im vergangenen Jahr den deutschen Solarpreis gewonnen.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Welche Chancen sehen Sie für Agri-PV in Deutschland?

Man kann das natürlich nicht überall betreiben. Es hat wirtschaftlich wenig Sinn, die riesigen Flächen, die zum Beispiel für den Anbau von Mais oder Weizen gebraucht werden, mit lauter Stahlständern für Solarmodule vollzustellen. Zumal da ja auch noch Maschinen agieren müssen, die nach oben und in die Breite sehr viel Platz brauchen. Aber für Sonderkulturen – also Beeren, Obst oder vielleicht auch im Weinbau – ist Agri-PV eine riesige Chance. Sie verbessert den Ertrag, unterstützt bei der Energiewende und ist ein Beitrag zum Umwelt- und Insektenschutz.

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