25.04.22 „Erdwärme steht dauerhaft zur Verfügung“ Interview mit Professor Dr. Rolf Bracke • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Professor Dr. Rolf Bracke leitet die Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG. Im Interview spricht er über die Potenziale der Tiefen Geothermie für die bundesdeutsche Wärmeversorgung. 

Herr Prof. Bracke, warum verläuft der Ausbau der klimafreundlichen Tiefen Geothermie bislang so schleppend?

Das ist eine Frage der regionalen energiepolitischen Tradition. Die Geothermie wurden in den letzten Jahren vor allem von Gemeinden rund um München vorangetrieben, die wohlhabend genug waren, um mit Bundesmitteln geförderte Forschungsvorhaben umzusetzen. Als die technologische Funktionsfähigkeit in der Region erwiesen war, haben die Stadtwerke München auf Geothermie gesetzt, um ihre Wärmewende zu verfolgen. Schaut man nun auf die anderen energieintensiven Regionen Deutschlands – Rhein-Ruhr, Hamburg, Berlin, Frankfurt, Mannheim – so fällt auf, dass in diesen Regionen traditionell fossile Energieträger stark sind: Steinkohle, Braunkohle, Erdgas. Aus der Kohleverbrennung hat man früh neben dem Strom auch Wärme ausgekoppelt und die Fernwärmenetze aufgebaut. Später kam die Erdgasinfrastruktur dazu. Gegen die traditionelle fossile Energiewirtschaft hatte es die Geothermie schwer. Erst mit dem Kohleausstieg kam echter Handlungsdruck auf, erneuerbare Wärme bereitzustellen.  

Geothermie erscheint als attraktiver Energieträger, um den Anteil der erneuerbaren Energien im Wärmesektor schnell zu erhöhen. Bei einigen Projekten sind aber gravierende Probleme aufgetreten. Wie stark angeschlagen ist das Image der Geothermie?

Ich habe nicht den Eindruck, dass es eine grundlegende Skepsis in der Bevölkerung gegenüber der Geothermie gibt – eher im Gegenteil. Ja, es gibt in einzelnen Regionen Widerstand, insbesondere am Oberrheingraben. Ich möchte die enormen Schäden, die etwa nach der Bohrung in Staufen aufgetreten sind, auch nicht kleinreden. Bei diesem Projekt sind aus meiner Sicht handwerkliche Fehler gemacht worden, die man hätte vermeiden können. Auf der anderen Seite: Staufen war ein Projekt der Oberflächennahen Geothermie, und die anderen 440.000 oberflächennahen Geothermie-Bohrungen, die gut gegangen sind, haben keine Schlagzeilen gemacht. In der Tiefen Geothermie arbeiten Bohrunternehmen nach extrem hohen Standards, die sonst für die Öl- und Gasindustrie tätig sind. Ich glaube, wenn man es wie die Stadtwerke München schafft, frühzeitig und transparent an die Bürger heranzutreten und sie in die Planungen einzubinden, lassen sich Ängste gut abbauen. 

Der Druck, erneuerbare Wärmeenergiequellen zu erschließen, hat mit dem Krieg gegen die Ukraine enorm zugenommen. Was müsste sofort getan werden, um eine industrielle Erschließung der Geothermie voranzutreiben?

In Bayern untersucht man bereits seit 30 Jahren den Untergrund in 1.000 Metern und tiefer auf seine geothermische Potenziale. Das hat man in anderen Regionen bisher nicht getan. Im Ruhrgebiet hat man unter der Kohle aufgehört zu suchen. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Brandenburg wurde der Untergrund zum Teil von der Gas- und Ölindustrie untersucht – aber nur in ländlichen Regionen, wo es keinen Bedarf an industrieller Wärme gibt. Die Potenziale der Tiefen Geothermie liegen aber in der kommunalen Fernwärmeversorgung von Städten, von Quartieren oder von Industrieanlagen. Die Aufgabe wäre jetzt, Explorationsprogramme aufzulegen, um nach thermalwasserführenden Schichten unter den Ballungsräumen zu suchen.  

Wie teuer ist eine Tiefbohrung?

Für eine Bohrung in Tiefen zwischen 1.000 und 4.000 Metern, in denen die thermalwasserführenden Schichten üblicherweise liegen, muss man fünf bis zehn Millionen Euro veranschlagen. Eine derart hohe Investitionssumme scheuen die kleinen und mittleren Unternehmen, wenn es keinerlei Daten gibt, die Erfolgschancen versprechen. Deshalb brauchen wir ein Bundesprogramm, das über die geologischen Dienste der Bundesländer die Basisexploration durchführt. Dabei werden mit geophysikalischen Methoden dreidimensionale Bilder des Untergrunds erstellt. Auf der anderen Seite wird ein finanztechnisches Instrument benötigt, das die Risiken der Tiefbohrungen abfedert. Geeignete Mittel könnten Versicherungslösungen oder ein revolvierender Geothermie-Fonds sein, der die Investitionskosten trägt und durch diejenigen Unternehmen bedient wird, die erfolgreich eine Geothermie-Quelle gefunden haben. So ein Finanzinstrument wird seit einigen Jahren mit Beteiligung der deutschen KfW-Bank in Ostafrika und in Lateinamerika für die Tiefe Geothermie erfolgreich eingesetzt. 

Wie hoch wären die Kosten, wenn die Geothermie einen relevanten Beitrag zur deutschen Wärmeversorgung liefern sollte? 

Um den Untergrund einer Region wie zum Beispiel des Ruhrgebietes per Seismik – einer dem Echolot ähnlichen geophysikalischen Messmethode – zu explorieren, muss man mit einem zweistelligen Millionenbetrag rechnen. Dann erst erfolgen die Tiefbohrungen. Pro Gigawatt installierter Leistung rechnen wir mit bis zu hundert Tiefbohrungen. In der Summe sprechen wir von der Exploration über die Bohrung bis zum Kraftwerk von Kosten von 2 bis 2,5 Milliarden Euro pro Gigawatt Wärmeleistung. Um ein Viertel des heutigen bundesweiten Wärmebedarfs zu bedienen, wären im Zeitraum bis 2040 Investitionen von 140 Milliarden Euro zu tätigen. Das mag nach einer hohen Summe klingen, sie relativiert sich allerdings im Kontext: Sie entspricht den Energieimporten der Bundesrepublik binnen eines Jahres. Und die Erdwärme stünde dauerhaft zur Verfügung. Ich bin mir sicher: Wenn wir aus der fossilen Wärmeversorgung aussteigen wollen, kann die Tiefe Geothermie einen wesentlichen Beitrag dazu liefern. 


Professor Dr. Rolf Bracke ist Leiter der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG. Gemeinsam mit Professor Ernst Huenges vom Deutschen Geoforschungszentrum GFZ hat er die Studie „Roadmap Tiefe Geothermie“ herausgegeben. Die Studie ermittelt Potenziale der Tiefen Geothermie für die Wärmeversorgung in Deutschland und gibt Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. 



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