28.03.22 „Erträge erhöhen und Ernteausfälle vermeiden“ Interview mit Dr. Matthias Meier-Grüll • Lesedauer: 4 min.

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Zusammenfassung

Welches Potenzial hat Agri-PV in Deutschland? Und vor welchen Herausforderungen steht die Landwirtschaft? Dr. Matthias Meier-Grüll ist Hub-Lead: Bioeconomy Meets Energy am Forschungszentrum Jülich und beschäftigt sich mit den praktischen und ökonomischen Fragen der Agri-PV. Er sieht in ihr eine Möglichkeit, den Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft zu begegnen – und ist gespannt auf die Ausgestaltung der von der Bundesregierung angekündigten Förderung.

Gibt es die eine Agri-PV?

Nein, die eine Agri-PV gibt es nicht. Je nach Anwendung werden in Deutschland und Europa verschiedene Systeme erprobt. Es gibt große, eher hoch gebaute Anlagen, unter denen auch der Mähdrescher und andere Landmaschinen durchfahren können – zum Beispiel für Äcker, auf denen großflächig Weizen oder Zuckerrüben angebaut werden. Dann haben wir den ganzen Bereich der Sonderkulturen, zum Beispiel Himbeeren oder Blaubeeren, aber auch Äpfel oder Gemüse: Dort sind die Systeme deutlich niedriger, mit verschiedenen Arten von Solarmodulen. Daneben gibt es das Konzept, die Solarmodule vertikal aufzustellen, sodass man zwischen den Modulen wirtschaften kann – das ist für Weideland oder die Heuproduktion interessant. Was man nicht vergessen sollte: in Gewächshäuser integrierte Photovoltaik. Hier wird derzeit einiges erforscht, zum Beispiel experimentieren wir in Jülich mit organischen PV-Modulen, die das Licht teilweise durchlassen.

Bei den erwähnten Sonderkulturen sind die Pflanzen ja durch die Module abgedeckt. Wie werden sie bewässert?

Regenwasser wird durch die Module aufgefangen und den Pflanzen über ein Bewässerungssystem zugeführt. Für die Pumpen reicht ein kleiner Teil des erzeugten Stroms. Ein Bewässerungssystem hat den weiteren Vorteil, dass Sie die Pflanzen sehr gezielt und bedarfsgerecht mit Wasser versorgen können.

Eignen sich alle Nutzpflanzen für Agri-PV?

Pflanzen, die sehr viel Licht brauchen – etwa Sonnenblumen –, sind für Agri-PV weniger geeignet. Bei Halbschattengewächsen wie Blaubeeren dagegen funktioniert es gut. Allerdings wird in Projekten heute getestet, bei Pflanzen mit mehr Lichtbedarf zum Beispiel größere Abstände zwischen den Modulen zu lassen. Dann haben Sie aber weniger Module pro Fläche und erzeugen weniger Strom. Man darf dabei aber die Kostenstruktur nicht aus den Augen verlieren. Für die Wirtschaftlichkeit und damit zusammenhängend für die Skalierbarkeit ist es natürlich wichtig, dass Standardmodule zum Einsatz kommen, die günstig, zuverlässig und leicht zu bekommen sind.

Agri-PV erzeugt erneuerbaren Strom und spart Fläche. Wie wichtig ist denn ein weiterer Aspekt: der Pflanzenschutz?

Das ist aus meiner Sicht eines der Hauptargumente für die Agri-PV. Wir hören hier am Forschungszentrum Berichte von Landwirten, die durch Extremwetter 90 Prozent ihrer Ernte verlieren. Das wird als Folge des Klimawandels zunehmen. Immer mehr Sonderkulturen werden mit Hagelnetzen geschützt, die alle paar Jahre erneuert werden müssen. Solarmodule sind ein nachhaltigerer Schutz – auch vor zu viel Regen, Sonne oder Trockenheit. Tomaten oder Himbeeren zum Beispiel mögen es nicht gerne nass. So kann eine schützende Agri-PV-Anlage die Erträge sogar erhöhen und Ernteausfälle vermeiden.

Um Agri-PV wirtschaftlich zu betreiben, müssen sich Landwirte aber auch viel Know-how aneignen …

Nicht unbedingt. Es gibt Modelle, bei denen die Anlagen von PV-Firmen installiert und betrieben werden, die sich dann auch um die technische Seite kümmern. Manche Landwirte haben aber auch Lust darauf und stellen sich der Herausforderung. Einige können sich zum Beispiel vorstellen, in Teilen vom Weizen- oder Zuckerrübenanbau auf Sonderkulturen oder Gartenbau mit Agri-PV umzustellen – aber das macht man ja nicht von heute auf morgen. Zudem müssen sie dann neue Vermarktungswege und Lieferketten aufbauen.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den regulatorischen Rahmen?

Wir begrüßen es sehr, dass die Koalition Agri-PV fördern will. Vor allem aber ist es entscheidend, dass Landwirte neben dieser Förderung auch weiterhin Mittel aus der Landwirtschaftsförderung der EU bekommen. Eine PV-Anlage ist nämlich nach geltendem Recht keine landwirtschaftliche Fläche mehr und fällt aus der Förderung. Die Agri-PV-Anlagen, die heute betrieben werden, benötigen alle Sondergenehmigungen. Das heißt, um die Agri-PV voranzubringen, muss auch das Baurecht geändert werden. Wir sind sehr gespannt, was das für die kommenden Monate angekündigte Gesetzespaket enthalten wird.

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